Tribüne: Soziologie als Damenopfer

Von Philippe Saner. Aktualisiert am 26.05.2009

Die Soziologie an der Universität Bern kommt nicht aus den Schlagzeilen: Vor zwei Jahren wollte die Unileitung das Institut für Soziologie nach Fribourg auslagern.

Zur Person

Philippe Saner, geboren 1986, studiert an der Universität Bern Soziologie im 6. Semester. Er engagiert sich im Vorstand der Fachschaft Soziologie gegen den Entscheid der Unileitung.

Die Schliessung wurde politisch nicht goutiert; trotzdem wird seit Jahren versucht, das Institut innerhalb des Departements Sozialwissenschaften zu schwächen. Die Besetzung der Lehrstühle wird stetig hinausgezögert und die Fakultät versuchte in einer Machtdemonstration den inhaltlich unausgereiften neuen Studiengang «Bachelor Sozialwissenschaften» einzuführen.

Für unsere letzte Professorin Claudia Honegger brachte dies das Fass zum Überlaufen, sie kündigte ihre vorzeitige Emeritierung an. Mittlerweile wurde offiziell eingeräumt, dass gewisse Bedenken und Forderungen von uns Soziologiestudierenden berechtigt sind und genauer geprüft werden müssen.

Geht es uns dabei wirklich nur um die Verteidigung des eigenen Gärtchens, wie der «Bund» plakativ bemerkte? Ich möchte im Folgenden Schlagworte wie «Wischiwaschi» und «Hauruckübung» beiseitelassen und die Hintergründe rund um die Einführung des neuen Studiengangs beleuchten.

In Finanz- und Wirtschaftskreisen wird laut über eine Bändigung der sogenannten «freien Marktkräfte» nachgedacht. Gleichzeitig jedoch lassen die politischen Mehrheiten in anderen gesellschaftlichen Bereichen wie Kultur, Gesundheit und nicht zuletzt Bildung dem ungezügelten Wettbewerb nach wie vor freien Lauf.

Die Universitäten etwa suchen fieberhaft nach Sponsoren und Gönnern, welche für die Finanzierung von ordentlichen Professuren aufkommen. Beinahe allwöchentlich werden neue «Public Private Partnerships» geboren, in denen Unternehmen jene Studiengänge finanzieren, welche ihnen eine direkte ökonomische Verwertung erlauben.

Der Bologna-Prozess schuf ein Wettbewerbsumfeld, in dem jede Hochschule einen Spitzenplatz in den europäischen Hochschulrankings einzunehmen versucht. Belohnt wird sie dafür mit zusätzlichen öffentlichen und privaten Forschungsgeldern. Studiengänge der Sozial- und Geisteswissenschaften produzieren nur in beschränktem Umfang direkt verwertbares Wissen und werden daher im Bildungsmarkt an den Rand gedrängt.

Der Umbau der Universitäten in private Unternehmen ist in vollem Gang. Die Universität Bern nimmt dabei einen unrühmlichen Spitzenplatz ein, wie ein Bericht in der «WochenZeitung» vergangene Woche aufzeigt. Das allgegenwärtige ökonomische Vokabular – die Universität als «Dienstleister», die Studierenden als «Kundinnen und Kunden» – und das Motto für die 175 Jahr Feier «Wissen schafft Wert» sprechen dafür Bände.

So präsentiert sich denn auch die Schwerpunktbildung im Departement Sozialwissenschaften im Lichte dieser Logik; der neue Schwerpunkt «Governance» setzt einen klar politikwissenschaftlichen Akzent. Bisher wurde jedoch nicht kommuniziert, dass die Schwerpunktsetzung und der neue Studiengang mithelfen sollen, sich von den stark steigenden Forschungsbudgets des Bundes zusätzliche Mittel zu sichern. Ein Lehrstuhl für Soziologische Theorien passt schlecht in diese Strategie und soll nun als Damenopfer über die Klinge springen.

Eine Universität darf sich nicht alleine von Forschungsgeldern und Dienstleistungsaufträgen für die Privatwirtschaft blenden lassen, sondern muss auch ihren Auftrag in der Lehre wahrnehmen. Es erstaunt nicht, dass der studentische Widerstand gegen null tendiert, wenn die Lehre einseitig auf Arbeitsmarktqualifikationen ausgerichtet und Studierende mit Sprungbrettevents, «Career Days» und «Wallstreet»-Partys geködert werden.

Universitäten sollen junge Leute auch bilden, nicht nur ausbilden. Deshalb braucht es auch weiterhin kritische Wissenschaften wie die Soziologie, die solche Modeerscheinungen reflektieren und hinterfragen. Fehlen die internen Kritik- und Kontrollinstanzen, könnte sich ein Damenopfer bald als Bumerang erweisen – dies bewies der mattgesetzte Finanzsektor bereits anschaulich. (Der Bund)

Erstellt: 26.05.2009, 09:39 Uhr

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