Zeitung heute

Tribüne: Aus dem Tierbuch...

Von Marianne Staub. Aktualisiert am 03.07.2009

Zur Person

Die Thunerin Marianne Staub ist FDP-Grossrätin. Bis 2001 war sie Präsidentin Schweizer Tierschutz STS. Sie ist Gründungs- und Ehrenpräsidentin des Dachverbands Berner Tierschutzorganisationen.

Man müsse den Bürokraten die Flügel stutzen und nicht den Schwarzen Schwänen vom Thunersee, liess sich Nationalrat Adrian Amstutz wiederholt verlauten. Er scheut sich auch nicht, Wörter wie «Tierschutz-Taliban» zu benutzen. Dass ausgerechnet ein nationaler Politiker verbal derart unflätig um sich schlägt, ist beschämend. Dagegen wehre ich mich sowohl als Politikerin wie auch als Tierschützerin vehement. Niemand weiss so gut wie er, dass nicht Bürokraten, sondern Parlamentarier (wie er) Gesetze erlassen und sie wieder abändern können.

Es ist zudem verdächtig, wenn das Wort Tierschutz plötzlich aus dieser Ecke kommt. Denn wären die Tiere auf die Bundesparlamentarier der SVP angewiesen, wären sie wohl heute rechtlich gesehen immer noch dasselbe wie ein Stuhl oder ein Tisch. Auch sind viele mühsam errungene Verbesserungen für Tiere – zum Beispiel für eine artgerechtere Haltung von Nutztieren – von der SVP regelmässig und grossmehrheitlich bekämpft worden.

Bis vor zwei Jahren war es absolut friedlich auf dem Thunersee – auch mit den rund zehn australischen Schwarzen Schwänen. Es war allerdings nie korrekt, dass der Züchter mit grossem Garten am See auch noch gleich ein Stück des Thunersees als seinen privaten Tierpark mitbenutzte. Aber obwohl das Aussetzen von Tieren verboten ist, hat bei den Schwarzen Schwänen jahrelang niemand opponiert, auch die Verbände nicht. Sowohl Einheimische wie auch Gäste hatten Freude an den eleganten Tieren. Das Jagdinspektorat hatte 2004 mit dem Halter einen Kompromiss ausgehandelt, wonach die rund zehn Tiere auf dem See bleiben dürfen, die Eier in Gelegen ausserhalb des Grundstücks des Züchters jedoch angestochen werden.

Weil es vorab der einheimischen Vogelvielfalt Sorge zu tragen gilt und weil es am Thunersee bedeutende Wasservogelschutzgebiete gibt, schien mir dieser Kompromiss für Menschen und Tiere ein gangbarer Weg zu sein. Und deshalb habe ich mich aktiv dafür eingesetzt. Im Gegensatz zu den Schwänen gibt es in der Politik nicht nur schwarz oder weiss, Kompromisse sind für unser Zusammenleben unumgänglich. Plötzlich aber, ab Mitte 2007, sollte der Kompromiss keine Gültigkeit mehr haben. Die angeblich echten Tierschützer waren nicht mehr Freunde aller Tiere, sondern ausschliesslich Freunde der Schwarzen Schwäne. Plötzlich wurden Unterschriften gesammelt mit dem Anliegen, dass der Schwarzschwan auf dem Thunersee ohne Begrenzung des Bestandes frei leben und sich vermehren kann. Gleichzeitig erschien ein Buch des Züchters, in dem zu lesen ist, dass das «Schwaneneier-Anstechen» und damit das Embryo-Abtöten von Amtes wegen ganz eingestellt werden sollte. Damit wurde der Kompromiss einseitig aufgekündigt – und wer ihn akzeptiert oder gar unterstützt hatte, wurde auf einmal arg beschimpft und gar mit Morddrohungen eingedeckt.

Die Geister, die die angeblichen Tierschützer gerufen hatten, wurden sie nun nicht mehr los. Der Kanton versuchte zwar ein weiteres Mal, mit dem Züchter eine einvernehmliche Lösung für die Haltung seiner exotischen Tiere zu finden. Doch vergeblich. Es kam, wie es kommen musste: Der Kanton verfügte im Mai 2008 schliesslich, dass weiterhin zehn Schwarze Schwäne auf dem unteren Thunerseebecken toleriert werden – allerdings mit Auflagen für den Tierzüchter. Der Züchter wollte diese nicht erfüllen und hat Beschwerde geführt. Mir ist kaum eine Tierart bekannt, für die keine Haltungsvorschriften eingehalten werden müssen; Hunde etwa müssen gechippt, Kälber in Gruppen gehalten werden und Kühe Auslauf haben. Weshalb aber sollen ausgerechnet Tierhalter von exotischen Tieren keine Auflagen einhalten müssen? Oder weshalb öffnen die Tierparks nicht die Gehegetüren? Auch dort gibt es viele schöne Tiere, die gerne die Umgebung erkunden würden.

Die Beschwerde wurde vor Kurzem abgelehnt, die Auflagen erfuhren im gleichen Zug noch eine Verschärfung. So wurde der Züchter verpflichtet, den Schwänen künftig die Flügel zu stutzen. Darauf hat dieser flugs seine Tiere vom See entfernt und teils verschenkt – und das angeblich den Tieren zuliebe. Flügelstutzen sei Tierquälerei, behaupten SVP-Politiker und der Züchter. Damit unterstellen sie ausgewiesenen Tierkennern wie Bernd Schildger, Direktor des Tierparks Dählhölzli,Tierquälerei – denn Pelikane und Flamingos im Dählhölzli haben gestutzte Flugfedern. Die Stellen, wo gestutzt wird, sind weder blutversorgt noch mit Nerven durchzogen. Deshalb ist der Eingriff schmerzlos. Und auch das Argument, Schwäne mit gestutzten Flügeln seien den Strömungen ausgeliefert, mag nicht so recht zu überzeugen. Junge, noch flugunfähige weisse Schwäne müssen damit ebenfalls zurechtkommen.

Fazit: Weniger Polemik, dafür mehr Anstand und mehr Wissen über Tiere und Tierschutz: Dann wäre es für Menschen und Tiere wesentlich friedlicher – auch am schönen Thunersee. (Der Bund)

Erstellt: 03.07.2009, 11:22 Uhr

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