Zeitung heute

Seriöser Tierschutz

Von Julika Fitzi. Aktualisiert am 28.08.2009

Versuchstiere – im Schatten der Gesellschaft. Als ich vor knapp einem Jahr die Fachstelle für Tierversuche beim Schweizer Tierschutz STS übernahm, war mir aus meiner langjährigen Tätigkeit als praktische Tierärztin bewusst, dass ich mit schwer verdaulichen Bildern aus Versuchslaboren konfrontiert sein würde.

Und tatsächlich gibt es immer wieder Momente, in denen ich leer schlucke und Berichte oder Bilder weglegen muss. Ich kann daher nachvollziehen, dass es Menschen gibt, die angesichts solch schockierender Bilder zu anderen Mitteln greifen, um ihrem Frust ein gewaltvolleres Ventil zu schaffen.

Ich verurteile Gewalt aber zutiefst und möchte seriösen Tierschutz betreiben. Nur so können wir Tierfreunde den Versuchstieren auf Dauer helfen. Ich habe Tiere in all ihren Lebensphasen erlebt: Leid, Schmerz und Tod konnte ich als Tierärztin nicht immer verhindern – durfte aber auch miterleben, wie schnell sich Tiere erholen können und wie viel Lebensfreude sie bei guter Gesundheit und Haltung ausstrahlen.

Und genau dies fehlt in der Versuchstierhaltung – ist schon aufgrund des beschränkten Platzangebots in kleinen Boxen und engen Käfigen mit spartanischer Ausstattung, ohne Abwechslung und Bewegungsfreiheit, ohne Tageslicht gar nicht möglich.

Viele Tiere sind bereits vor den eigentlichen Versuchen krank oder verhaltensgestört. Längst ist erwiesen, dass Resultate aus Tierversuchen mit ungenügender Tierhaltung nicht auf den Menschen übertragbar sind. Sie führen sogar zu falschen Therapieansätzen und schaden der Gesundheit des Menschen mehr, als sie nützen.

Um eine wissenschaftlich fundierte und ethisch vertretbare Forschung in der Schweiz zu gewähren, müssten die Tierhaltebedingungen dringend in der Tierschutzverordnung verbessert und dem Standard der Heimtierhaltung angepasst werden. Es darf nicht länger sein, dass der Bundesrat jene Katzen, Hunde und Nager, die im Labor genutzt werden, in viel schlechtere Haltungsbedingungen zwingt, als wenn diese Tiere als Heimtiere gehalten würden. Denn Tiere haben immer und überall die gleichen Bedürfnisse und das gleiche Recht auf anständige Haltung.

Verhängnisvoll ist auch die fehlende Transparenz: Wenn in den Versuchslabors wirklich alles so tierfreundlich, sauber und korrekt abläuft, wieso bleiben die Türen dann strikt verschlossen? Die Tierversuchsstatistik gibt keine Hinweise, was im Labor mit welchem Tier zu welchem Zweck geschieht. Oder warum keine Alternativmethode verwendet wurde.

Wenn viel später wissenschaftliche Publikationen zu den Versuchen erscheinen, ist jedes Intervenieren zu spät: Die Tiere haben bereits gelitten, wurden getötet, seziert, entsorgt. Das Bundesamt will nun die Forderung nach einem Studienregister prüfen. Der mögliche Informations- und Erfahrungsaustausch würde Tierversuche und Tierleid reduzieren, Alternativmethoden schneller und effizienter etablieren.

Nach meiner Beobachtung werden Forschungsfreiheit und Wissenschaft zu oft über das Tierleben und den Tierschutz gestellt. Zwar fordert das Gesetz eine Güterabwägung zwischen Tierwohl und Forschung, doch schwingt trotz dem Mitwirken von Tierschützern in Tierversuchskommissionen – die dort meist in der Minderzahl sind und überstimmt werden – das Pendel zuungunsten der Tiere aus.

So wurden in den letzten fünf Jahren über 100000 Tiere mehr in Tierversuchen verbraucht. Das ist auch deshalb schockierend, weil neuere Untersuchungen in Europa belegen, dass nur in wenigen Fällen Tierversuche zu neuen Medikamenten oder verbesserten Theorien führen. Die Tiere leiden und sterben also umsonst.

Umso mehr freuen wir uns, dass der Bundesrat kürzlich auf einen entsprechenden Vorstoss zugesagt hat, Qualität und Aussagekraft von Tierversuchen einer Prüfung zu unterziehen. Dies lässt hoffen, dass sich das Bundesamt in die richtige Richtung bewegt . . .





> (Der Bund)

Erstellt: 28.08.2009, 01:15 Uhr

Gratis ePaper für «Bund»-Abonnenten

Weblog «KulturStattBern»