Zeitung heute

Minarette als Waffen des Islam

Von Artur K. Vogel. Aktualisiert am 06.10.2009 2 Kommentare

Städte tun sich schwer mit dem Plakat jener evangelikalen und rechtsnationalen Kreise, welche den Schweizer Stimmbürgern die Initiative für ein Verbot von Minaretten in der Schweiz schmackhaft machen wollen.

Die Plakate zeigen eine verschleierte Frau und, auf einer Schweizer Fahne gruppiert, eine Ansammlung von Minaretten, die in ihrer Schemenhaftigkeit auch an Langstreckenraketen erinnern: Minarette als Waffen des Islam zur Verbreitung der Scharia und damit der Unterdrückung der Frau.

Dass Initiant Hansulrich Schlüer, SVP-Nationalrat, sich als Befreier benachteiligter Frauen aufspielt, mag ja nur lachhaft sein. (Bei anderer Gelegenheit – der Verhinderung von Tagesstrukturen für Schulkinder im Rahmen der Schulharmonisierung etwa – ist Schlüer als sehr viel weniger frauenfördernd aufgefallen.) Aber dass Frauen im Islam unterdrückt werden – was in vielen Fällen und vielen Ländern zutrifft –, wird als ernsthaftes Argument der Befürworter aufgefahren. Nur wird keine einzige unterdrückte Muslimin befreit und keine einzige traditionelle Zwangsehe verhindert, indem man in der Schweiz Minarette verbietet.

Von ähnlichem Kaliber sind die übrigen Schlagworte, welche die Initianten auffahren. Islamischer Extremismus? Klar, dass er existiert. Würde die Initiative angenommen, könnte damit aber kein einziger Terroranschlag verhindert werden. Ganz im Gegenteil. Die konfrontative Stimmung würde durch einen solchen, von vielen Muslimen als feindlich empfundenen Akt noch verstärkt.

In vielen muslimischen Ländern sei das Christentum massiv behindert oder gar verfolgt, heisst es weiter. Stimmt: In Saudiarabien gab es Todesurteile und Prügelstrafen für heimlich abgehaltene christliche Gottesdienste. Nur: Wir Schweizer verstehen uns als Hort der Menschenrechte, der Religions-, Glaubens- und Meinungsfreiheit. Auf massive Verstösse gegen diese Rechte in andern Ländern zu reagieren, indem wir sie hierzulande selber einschränken, wäre die absurdeste aller möglichen politischen Reaktionen.

In Wirklichkeit kann es nur eine Begründung für die Anti-Minarett-Initiative geben: Man will verhindern, dass Muslime ihre Gebetsstätten ebenso markieren können wie Christen die Ihren. (Bezeichnenderweise haben Minarette und Kirchtürme ja oft eine ähnliche Form, die man mit etwas feministischer Verve durchaus als «phallisch» interpretieren könnte.)

Ein Phänomen – die Ausbreitung des Islam – zu stoppen, indem man es zwingt, sich zu verstecken, hat allerdings etwas Kindisches. Es erinnert an Versteckspiele, bei denen mindestens die Jüngeren glauben, sie seien unsichtbar, wenn sie sich die Augen zuhalten.

Der Islam ist heute die am zweitmeisten verbreitete Religion in der Schweiz. Das ist eine Tatsache; sie abzustreiten, wäre töricht, sie zu verstecken, realitätsfremd. Man muss sich mit dem Islam vertraut machen und auseinandersetzen. Vielleicht trägt die krasse Werbung der Initianten dazu bei; dann hätte die Initiative, die am 29. November hoffentlich klar abgelehnt wird, wenigstens eine positive Wirkung gehabt.

Leider operieren auch Gegner mit fragwürdigen Begründungen. So konnte man hören, wir müssten mit politischen Aktionen und wirtschaftlichen Boykotten islamischer Staaten oder mit gewalttätigen Aktionen islamistischer Kreise rechnen, wenn wir die Initiative annähmen. Schon zuzulassen, dass für die Initiative Propaganda gemacht wird, könnte feindliche Reaktionen gegen die Schweiz auslösen.

Doch die Initiative soll nicht bekämpft werden, indem wir auf gewisse (Öl-)Staaten schielen, sondern nur mit dem Blick auf die Bundesverfassung. Sie garantiert Glaubens- und Religionsfreiheit für alle. Für Christen, Atheisten, Muslime, Buddhisten, Juden, Hindus, Schintoisten und – ja – sogar Scientologen, so absurd diese «Religion» sein mag. Einzige Bedingung: Wer die eine oder andere Religion ausübt, muss sich dabei an die in der Schweiz geltenden Gesetze halten.

Das heisst selbstverständlich: Wo Muslime gegen geltendes Recht verstossen, müssen sie dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Wer die Prinzipien nicht akzeptiert, die hier gelten, soll sich einen andern Wohnsitz suchen. Aber das gilt für alle, für Christen, Atheisten . . .

Ein Verbot von Minaretten, ein Sondergesetz, das nur eine bestimmte Religionsgemeinschaft trifft, ist eine unschweizerische Idee, ein Rückfall in den Kulturkampf. Kurz: einer Gruppierung unwürdig, die sich «schweizerisch» und «Volkspartei» nennt. (Der Bund)

Erstellt: 06.10.2009, 09:50 Uhr

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2 Kommentare

René Holzer

06.10.2009, 15:02 Uhr
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Der heutige türkische Ministerpräsident Erdogan soll einmal das Minarett als "Bajonett"gegen den Westen gepriesen haben. Es gibt eigentlich einen simplen Grund, etwas gegen Minarette zu haben: sie passen einfach nicht in die (ur)schweizerische Landschaft. Meinetwegen kann es in Zürich, Basel und Genf dutzende geben, in den schönsten Tälern sind sie dagegen suspekt (Landschaftsschutz). Antworten


Andreas Mathys

06.10.2009, 15:07 Uhr
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Ein ausgezeichneter Artikel! Nicht ein Wort, dem ich nicht zustimmen könnte. Antworten



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