Hoffnung liegt bei Islamisten

Was sich derzeit am Horn von Afrika abspielt, erinnert an die Blütezeit der Freibeuter im 17.Jahrhundert: nur dass heute nicht mehr die spanische Silberflotte oder venezianische Galeeren, sondern moderne Fischkutter, Containerschiffe oder Supertanker im Fadenkreuz der Piraten stehen. Die Welt ist ob der Erfolge der Seeräuber nicht nur empört, sondern auch erstaunt: Dass es einigen Haudegen gelingt, die gesamte den Suezkanal passierende Weltschifffahrt in Atem und obendrein zwei Dutzend hochmoderner Kriegsschiffe zum Narren zu halten, stösst auf Verwunderung. Und teilweise sogar auf ein wenig Schadenfreude.

Denn in dem Konflikt steckt etwas von David gegen Goliath: Zumindest bei der ersten Generation der Piraten am Horn von Afrika handelte es sich um nichts anderes als verzweifelte Fischer. Weil Somalia, das seit 1990 keine funktionierende Regierung mehr hat, auch über keine Küstenwache verfügt, erdreisteten sich Fischerflotten aus aller Welt, in die Hoheitsgewässer der Ostafrikaner einzudringen und dort auf rücksichtslose Weise mit Schleppnetzen Tabula rasa zu machen. Bald sahen Somalias Fischer ihre Fanggründe geplündert und zerstört: Eigentlich blieb ihnen gar nichts anderes übrig, als selbst den Kampf gegen die Eindringlinge aufzunehmen.

Schon seit Jahren herrscht vor der somalischen Küste Krieg, ohne dass sich die Welt darum gekümmert hätte. Die Besatzungen der ausländischen Fischkutter wehrten sich mit Heisswasserkanonen und Söldnern, woraufhin die Fischer auf «weichere» Ziele wie Getreideschiffe, Stückgutfrachter oder sogar Luxusjachten auswichen – und auf diese Weise zunehmend jegliche moralische Berechtigung verloren. Hinzu kam, dass die erfolgreiche neue Beschäftigung der Fischer auch verwegene Milizionäre aus dem somalischen Binnenland sowie gerissene Geschäftsleute anzog. Schliesslich hatte sich am Horn von Afrika ein ganzer Berufszweig etabliert, dessen Struktur mit der Mafia verglichen wird.

Nun schreien, wie bei solchen Gelegenheiten üblich, alle nach dem starken Mann. Kriegsschiffe der USA, der Nato und der Europäischen Union sollen den gesetzlosen Schurken Einhalt gebieten. Dabei kreuzen schon längst zwei Dutzend Zerstörer, Fregatten und Corvetten aus aller Welt ums Horn von Afrika. Immer deutlicher stellt sich jedoch heraus, dass die starken Männer gar nicht viel auszurichten vermögen: Vor den Augen der Matrosen wird ein weiteres Schiff nach dem anderen gekapert. Man müsste praktisch jedes der 20000 jährlich den Golf von Aden passierenden Schiffe einzeln begleiten, um Überfälle auszuschliessen, klagt eine Sprecherin der US-Marine – das ist natürlich völlig ausgeschlossen.

Selbst die starken Männer räumen deshalb ein, dass der somalischen Piraterie nur auf politische und nicht auf militärische Weise beizukommen ist. Solange die Lage im Chaosstaat nicht grundsätzlich verbessert wird und seine Gewässer nicht effektiv geschützt werden, wird es immer verwegene Hasardeure oder verzweifelte Fischer geben, die ihr Glück als Freibeuter versuchen. Dabei wäre der Schutz der Gewässer leicht zu garantieren: Eine von der Uno beauftragte Marine-Einheit sollte die über 3000 Kilometer lange Küstenlinie künftig kontrollieren. Wesentlich schwerer ist die Befriedung Somalias: Auch diese ist jedoch mitnichten ausgeschlossen.

Schon seit Jahren mischt sich Washington massiv in die somalischen Belange ein, um dort die Islamisten auszuschalten, und trägt so wesentlich zur Destabilisierung des Staates bei. Jeder Somalier weiss jedoch, dass nur die Islamisten das Land aus seiner Zersplitterung und Agonie befreien können: Allein sie vermochten während ihrer kurzen Herrschaft vor zwei Jahren unter anderem auch die Piraterie zu stoppen. Neben den fanatischen Gotteskriegern gibt es in Somalia eine Mehrheit gemässigter Islamisten. Der Westen sollte endlich seine ideologischen Scheuklappen ablegen und Somalias einzige Hoffnungsträger unterstützen.>

Erstellt: 22.11.2008, 01:15 Uhr






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