Gegen den «alternativen Hokuspokus»
Die Befreiung des Leistungskatalogs der Grundversicherung von Scheinbehandlungen wie der Homöopathie, Anthroposophischen Medizin, Traditionellen Chinesischen Medizin, von der Phyto- und Neurotherapie durch Bundesrat Couchepin war sachlich korrekt und mutig. Denn mit Wasser und Zuckerkügelchen, Sticheleien entlang von aus der Luft gegriffenen Kraftlinien, mit magischen Prozeduren und allerhand Kräutern lässt sich «erfolgreich» behandeln, was dank dem grossen Regenerationspotenzial des menschlichen Organismus ohnehin selbst heilt oder bessert.
Abgesehen von der Befreiung der Grundversicherung vom alternativen Hokuspokus sind die wenigsten kostendämmenden Massnahmen der Gesundheitspolitiker wirksam und lobenswert. Die Einschränkung der freien Arztwahl ist patienten- und der Ärztestopp ärztefeindlich. Beides ist unvernünftig und ökonomisch unwirksam im Gegensatz zur ökonomisch sinnvollen Befreiung der solidarisch finanzierten Grundversicherung von unwirksamen, fragwürdigen und überflüssigen Massnahmen. Die Überprüfung des Leistungskatalogs der Grundversicherung ist weder bequem noch populär, aber längst fällig, um die für die Kostensteigerung verantwortlich gemachten fortschrittlichen Novitäten kritisch unter die Lupe zu nehmen. So wäre die Entlastung des Leistungskatalogs von überflüssigen Rehabilitationsaufenthalten nach erfolgreichen Operationen (z. B. nach Gelenkersatz), von effekthascherischen Novitäten ohne Langzeitwirkungsnachweis, von fragwürdig präventiv wirkenden Vorsorgeuntersuchung und Check-ups mit falschen Testergebnissen, vernünftig und möglich.
Mit solchen und weiteren sachlich vertretbaren Entlastungen der solidarisch finanzierten Grundversicherung werden diejenigen Patienten nicht benachteiligt, die sich fragwürdige Leistungen finanziell nicht leisten können oder wollen. Denn die Nichtkonsumenten solcher Angebote auf dem Gesundheits- und Wellnessmarkt werden von Leerlauf, Verängstigung und Schaden bewahrt. Die heute tolerierte Kommerzialisierung von Gesundheit und Medizin und Werbung für heilerischen Unsinn und effekthascherische Novitäten täuschen gutgläubige Patienten und verursachen unnötige Kosten. Darüber hinaus ist ein politischer Segen für Hokuspokus oder gar ein akademischer Segen für eine von Geschäftstüchtigkeit strotzende Double Check AG kein Ansporn für die Akteure im Gesundheitswesen und Gesundheitspolitiker, das Wunschdenken zu überwinden und das mühsame, nach Wahrheit suchende Denken zu pflegen, um das Gesundheitswesen von einem illusionären Aktivismus und unnötigen Kosten zu bewahren. (Der Bund)
Erstellt: 31.03.2009, 10:53 Uhr



