«Es wird an einem Tabu gerüttelt»

Der Wortstreit lässt aufhorchen. Es wird an einem Tabu gerüttelt, und das ist gut so. Bekanntlich kann man Gott oder seine Nichtexistenz nicht beweisen. Schon der Reformator Zwingli meinte etwa, der Käfer wisse so wenig über den Menschen wie der Mensch über Gott. Es steht doch geschrieben, man solle sich kein Bild davon machen. Auch die Bibel enthält Widersprüche und besteht aus vielen Legenden. Gefährlich ist es, wenn sie wörtlich genommen wird. Christus hat kein schriftliches Wort hinterlassen. Die Bibeltexte der Agentur C berühren mich eigenartig, und ich finde die Werbesprüche der Atheisten (ich bin keiner) im Jahr Darwins witzig. Aufklärung tut auch heute not.

Bruno GrafIttigen

Diskussion begrüsst

Eine Diskussion über die Gottesfrage, wie sie die Freidenker-Bewegung auslösen will, kann nur begrüsst werden. Allerdings geht Reta Caspar von einem Kirchenbegriff aus, den es in der Wirklichkeit so nicht gibt. Schon ein kurzer Blick auf die vielfältige religiöse Landschaft der Schweiz macht es unmöglich, von der Kirche zu sprechen. Zudem verkennt Frau Caspar, dass sich Religionswissenschaft und Theologie seit der Aufklärungszeit weitgehend von der bis dahin gängigen kirchlich-dogmatischen Bevormundung losgelöst haben.

Das universitäre Theologiestudium hat mein (selbst-)kritisches Denken geradezu gefördert, das ich im Rahmen meiner Tätigkeit innerhalb der Reformierten Kirchen seit über 30 Jahren einsetzen kann. Der Wert oder Unwert dieses Denkens bemisst sich ja stets an der Frage, ob es Anstoss zu einem Handeln gibt, das letztlich dem Leben dient. Kirchliche Selbstbezogenheit oder egoistische Selbstgenügsamkeit haben hier keinen Platz.

Zudem ist es bedauerlich, wenn Religion nur in ihren institutionalisierten Verhaltensmustern (z.B. Kirchen) wahrgenommen oder gar innerhalb der freudschen Traditionslinie als Rückfall in infantile Verhaltensweisen gedeutet wird. Religiöse Erfahrung ist ein Phänomen mit einer subjektiv-inneren Erlebnisqualität, das sich jenseits aller historisch-konkreten Institutionalisierungen (z.B. Kirchen) bewegt. Modernes theologisches Forschen und Denken stellt sich diesen Einsichten durchaus und nimmt die Vielheitsstandpunkte innerhalb der Gesellschaft zur Kenntnis.

Stephan BieriReformierter Pfarrer, Lützelflüh

Intoleranz und Respektlosigkeit

Herzlichen Dank für das Interview mit Reta Caspar. Angesichts der geplanten Freidenker-Kampagne wünsche ich mir als Reaktion der Kirchen, dass sie endlich Abstand nehmen von Absolutheitsansprüchen. Der von den monotheistischen Religionen so oft beanspruchte «einzig wahre Glaube» ist ein Widerspruch in sich, weil er zu Intoleranz und Respektlosigkeit gegenüber Andersdenkenden führt.

Für ethische Prinzipien hat der Mensch zwei Grundlagen: einerseits sein Weltbild, das durchaus «diesseitig» sein kann, als konkrete Vorstellung, an welcher Art von Gesellschaft er teilhaben möchte. Und andererseits Fähigkeiten wie Anteilnahme, Güte, Offenheit, Respekt, Solidarität und Verantwortungsgefühl. Ich respektiere den Glauben anderer Menschen, aber ich möchte, dass mein humanistisch-naturalistisches Weltbild ebenso respektiert wird.

Maja StrasserBern

Grundwerte der Gesellschaft

Ich verstehe nicht, wie Frau Caspar behaupten kann, die Grundwerte unserer Gesellschaft seien nicht christliche Werte. Interessanterweise kamen die Menschen auf anderen Kontinenten wie Asien oder Afrika auch nicht auf die Idee, «unsere» (europäische, christliche) Regeln für ihre Gesellschaft zu definieren: Ihnen liegen eben andere Religionen zugrunde.

Salome TschanzSteffisburg

Zurzeit nicht beweisbar

Als Mitglied der Freidenker-Vereinigung ist mir der Medienrummel recht. Er beschert uns neue Mitglieder. Klar, über Sinn und Unsinn von Werbung zu weltanschaulichen Themen kann man geteilter Meinung sein. Ob es einen Gott gibt oder eben nicht, können wir lebenden Menschen zurzeit nicht beweisen. Wie Reta Caspar im Samstagsinterview erwähnt, ist diese Frage auch nicht wirklich wichtig.

Liebe und Hass, Vernunft und Unvernunft, Gut und Böse sind menschliche Eigenschaften, sind unlöschbar in eines jeden Menschen Festplatte geprägt. Es kommt lediglich darauf an, was man daraus macht. Ob mit oder ohne Gott, spielt letztlich keine Rolle. Als Agnostiker liebe ich meine religiöse Partnerin und ich mag keine fanatischen Atheisten. Gerne reiche ich jedem religiös denkenden Menschen die Hand, erwarte aber im Gegenzug, dass meine religionsfreie Weltanschauung respektiert wird. Apropos lieben und hassen: eine Katze oder der Wolf, welche aus einem Trieb heraus töten. Das Entenpaar, welches ein Leben lang unzertrennlich zusammenlebt – Tiere und Menschen sind sich doch oft sehr ähnlich. Wobei wir thematisch nun schon wieder bei Charles Darwin gelandet sind.

Daniel AelligLangnau

Wo ist der Massstab?

Es ist amüsant, wenn Atheisten von moralischen und ethischen Werten reden, die unabhängig von Gott existieren sollen. Ja, welche denn? Wo ist da der Massstab? Jean Paul Sartre sagte mit Recht: «Wenn Gott nicht existiert, dann ist alles erlaubt.» Und Umberto Eco macht in seinem Roman «Das Foucaultsche Pendel» den Hinweis: «Seit die Menschen nicht mehr an Gott glauben, glauben sie nicht etwa an nichts mehr, sondern an alles.»

Jedem Atheisten steht es also frei, moralische Werte nach eigenem Gutdünken aufzustellen oder auch wegzulassen. Die Gebote «Du sollst nicht stehlen» oder «Du sollst nicht lügen» lassen sich beispielsweise keineswegs rational ableiten. Ihre Einhaltung erleichtert zwar das Zusammenleben, aber das könnte mir ja egal sein. Trittbrettfahrer profitieren bekanntlich am meisten. Damit will ich nicht sagen, dass Atheisten schlechtere Menschen wären. Vermutlich haben sie immer noch religiöses Gedankengut verinnerlicht oder sie nützen die Freiheiten, die die gemäss Sartre hätten, ganz einfach nicht aus.

Albert KuhnGrafenried

Eiferer für und wider Gott

Das Langweilige an der Diskussion zwischen Eiferern für und wider Gott ist, sie erklären nicht, was sie darunter verstehen und was es ihnen bedeutet. Das Seltsame ist, sie scheinen sich in der Annahme einig zu sein, vom selben zu reden.

Mark ItaHinterkappelen

Keine «bewusste Provokation»

Hocherfreut habe ich das Interview mit Reta Caspar gelesen. Sie spricht mir aus dem Herzen. Man muss nicht religiös sein, um ein guter Mensch zu sein. Umgekehrt leider auch nicht (aktuell z. B. Taliban, Richard Williamson). «Be good for goodness'sake», statt aus Angst, man könnte in der Hölle schmoren.

Diese Aktion ist keine «bewusste Provokation». Es wird ja nicht behauptet, dass es keinen Gott gibt oder dass Glauben lächerlich oder kindisch sei. Jedem das Seine. Ich finde es merkwürdig, dass Bern Mobil den harmlosen Slogan als Provokation anschaut, Bibelzitate und Werbung gegen Abtreibung hingegen nicht. Würden Sie Ausschnitte aus dem Koran oder dem Tanach als Werbung akzeptieren? Wäre das dann ebenfalls nicht provokativ, oder gilt das nur für Bibelzitate?

Yvonne DauwalderBern«Bekennende disqualifiziert»

«Werbung kann schädlich sein» wäre wohl der realistischere Titel für die provokativen Äusserungen von Frau C. zu den Plakaten «Gott ist die Liebe» der Agentur C. Hingegen ist richtig, dass Werbung darauf aus ist, Menschen zu beeinflussen.

Mit der Aussage von Frau C., «Kirche ist schädlich, sie verstellt das Denken», disqualifiziert sie alle sich zum christlichen Glauben bekennenden Menschen gewissermassen als «Wirrköpfe», die man eigentlich bevormunden müsste. Ist sich Frau Caspar bewusst, dass sie damit auch sich selber disqualifiziert? Als Freidenkerin sollte ihr doch «freies Denken» ein Hauptanliegen sein, ohne sich darum zu kümmern, ob der Mensch an Evolution, an Gott, an beides oder an nichts glaubt.

Es ist psychologisch nachweisbar, dass Menschen, die sich über das Verhalten anderer aufregen, gleiche oder ähnliche Veranlagungen in sich tragen. Damit liesse sich erklären, weshalb sich Frau C. vom Plakat der Agentur C «Gott ist die Liebe» derart beleidigt fühlt.

Diese Reaktion erstaunt umso mehr in einem Land, wo die meisten Menschen einer christlichen Konfession angehören. Ich würde Ihnen, liebe Frau Caspar, empfehlen, einmal darüber nachzudenken, was den Menschen liebesfähig macht. Ist es nur die Evolution oder vor allem eine übermenschliche universale (göttliche) Kraft, die ihn zum verantwortungsbewussten, gewissenhaften Mitgestalter unserer Welt macht? Eines ist sicher: «Wirrköpfe» sind dazu nicht fähig.

Frieda Zünd-ItenZollikofen

>

Erstellt: 24.02.2009, 01:17 Uhr




© Tamedia AG 2010 Alle Rechte vorbehalten