«Eine moderne Ausbildung»
Die Schweiz steckt voller Mythen: Tell schoss den Apfel vom Kopf des Sohnes, die Schweiz wurde als Staat 1291 gegründet und – ein jüngstes Beispiel – die kritische Soziologie solle zugunsten einer wirtschaftshörigen Governance-Forschung mundtot gemacht werden. Mythen haben den Vorteil, dass sie leicht zu verstehen und oft herzerwärmend sind. Ihr Nachteil besteht darin, dass sie häufig auf Un- oder Halbwahrheiten beruhen.
Der Grundsatzentscheid eines neuen Studienplans Sozialwissenschaften wurde von der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Bern vor zwei Jahren getroffen. Reformgegner widersetzten sich der Umsetzung des Beschlusses, sodass es erst dieses Jahr gelang, unter Einbezug der Studierenden und des Mittelbaus den neuen Studienplan zu entwerfen. Die meisten Studierenden der Sozialwissenschaften sind in der Politikwissenschaft eingeschrieben, und deren Fachschaft unterstützt den Studienplan. Auch alle Professoren des Departements stehen – mit der Ausnahme von Frau Prof. Claudia Honegger – geschlossen hinter dem neuen Studienplan.
Das Ergebnis des zweijährigen Diskussionsprozesses kann sich sehen lassen. Nicht nur in der Forschung, sondern auch in der Lehre wollen die sozialwissenschaftlichen Institute enger zusammenarbeiten. Sie bieten einen Studiengang an, der den Studierenden eine viel grössere Entscheidungsfreiheit bei der Wahl der einzelnen Lehrveranstaltungen lässt. Schwerpunktbildung wird gefördert. Dennoch ist der Studienplan so aufgebaut, dass er allen Absolventen den Zugang zu den weiterführenden schweizerischen Masterprogrammen in der Soziologie, Politik- und Medienwissenschaft öffnet. Diese Quadratur des Kreises – Flexibilität bei gleichzeitiger grosser Anschlussfähigkeit – gelingt auch durch die breite und solide Ausbildung in qualitativen und quantitativen Methoden. Sie ist sowohl für weitere Studien, aber auch für den Arbeitsmarkt ausserhalb der Universität von grösster Bedeutung.
Der Studienplan entspricht nicht nur den internationalen professionellen Kriterien der sozialwissenschaftlichen Fächer. Er ist auch in der Schweiz einzigartig, weil nirgends Soziologie und Politikwissenschaft so eng zusammenarbeiten und von Synergien profitieren, wie dies in Bern geplant ist. Er stärkt das «Berner Profil», mit dem unsere Studienabgänger schon sehr viel Erfolg bei der Arbeitsplatzsuche hatten. Das «Berner Profil» zeichnet sich zum einen durch die enge Verbindung von Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowie die Verknüpfung von Theorie und Empirie aus. Es wird in Zukunft aber auch inhaltlich bestimmt sein: Unsere gemeinsame Forschung im Departement richtet sich an der Frage der Regelung und Steuerung moderner Gesellschaften und Ökonomien aus. Welche unterschiedlichen Wege zu demokratischer Legitimität, sozialer Sicherheit und wirtschaftlichem Erfolg gibt es? Wie fällen Bürgerinnen und Bürger ihre Entscheidungen in gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen? Welche sozialen Strukturen fördern die soziale und politische Teilhabe? Welche politischen Institutionen sind nicht nur für die Demokratie als Regierung des Volkes, sondern auch der Demokratie als Regierung für das Volk zuträglich – beispielsweise wenn es um den Schutz von sozialen Minderheiten oder um die Durchsetzung von Umweltschutzmassnahmen geht? Wann, wie und wo wird in entwickelten Demokratien das Marktprinzip eingeschränkt? Welche Vor- und Nachteile bietet die Mitgliedschaft der Bürger in Interessenverbänden? In unserem Departement beschäftigen wir uns mit solchen Fragen. Uns ist noch immer nicht klar, wie man daraus den Vorwurf konstruieren kann, dies sei unkritische Herrschaftstechnologie. Auf die Kenntnis der sozialwissenschaftlichen Diskussion und des Forschungsstandes kann man sich dabei auf jeden Fall nicht berufen.
Unverständlich ist für uns auch die Angst einer Minderheit unserer Studierenden vor dem neuen Studienplan. Er gibt ihnen nicht nur mehr Optionen beim Studienabschluss, sondern auch viel mehr akademische Freiheit während des Studiums. Im Grunde gewinnen fast alle mit diesem neuen Studienplan und kaum jemand hat einen Nachteil. Trotzdem nehmen wir diese Ängste sehr ernst. Wir konnten in den letzten Tagen durch Gespräche und Diskussionen mit den Studierenden zumindest eine Annäherung der Standpunkte erreichen. Wir hoffen, durch eine noch bessere Informationspolitik diese Ängste gänzlich zerstreuen zu können.
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Erstellt: 29.05.2009, 01:16 Uhr








