Die Neigetechnik gehört abgeschafft
Lieber etwas langsamer, dafür mit mehr Komfort und pünktlich
Cisalpino – gescheitert. Danke für diesen Kommentar und die entsprechenden Artikel. Was zurzeit auf der Gotthard-Strecke abläuft, spottet tatsächlich jeder Beschreibung, und ist eine Zumutung für die Zug-Passagiere. Beispielsweise ist der Cisalpino, der um 11 Uhr 46 in Lugano ankommen sollte, überhaupt nie pünktlich. Zehn Minuten Verspätung sind noch das wenigste. Ich stelle das mehrmals pro Woche fest.
Da lobe ich mir die guten alten SBB-Züge. Erstens gab es da in der ersten Klasse Platz für Beine und Gepäck, was in den jetzigen Cisalpino-Zügen nicht der Fall ist. Zweitens fuhr beispielsweise der «Canaletto» kurz nach neun in Zürich ab, kam um zwölf in Lugano an und fuhr zuverlässig weiter nach Mailand und Venedig . . .
Die Viertelstunde, die jetzt angeblich eingespart wird, ist reines Wunschdenken der Cisalpino-Oberen. Von der dauernden mühseligen Umsteigerei Richtung Mailand rede ich schon lieber gar nicht. Dass es der oberste SBB-Mann Meyer gleichzeitig wagt, von kommenden und unvermeidlichen Preiserhöhungen zu sprechen, ist eine Frechheit. Dass er die Verspätungen künftig den Verantwortlichen zuordnen und diese sanktionieren will, verdient hingegen Beachtung. Aber er muss nicht etwa beim Zugpersonal anfangen, sondern bei denen, die den Cisalpino-Flop zu verantworten haben. Sollten diese Herrschaften dafür zur Kasse gebeten werden – das gäbe fürwahr Geld. Vielleicht für Entschädigungen an die gestressten Passagiere auf der Gotthard-Strecke . . .
Sonja KolbRümlang
Hätte schon früher handeln sollen
Die Neigezüge der Cisalpino, aber auch jene der Deutschen Bahn (DB) haben eines gezeigt: Die Neigetechnik ist nicht so einfach, wie man sich das noch vor einigen Jahren vorgestellt hatte. Damals lautete die Lösung «Technik vor Beton». Die gesamte Fachwelt glaubte, auf bestehenden, kurvenreichen Strecken könne die Reisegeschwindigkeit ohne grosse Ausbauten erhöht werden. Mit der Neigetechnik und geringen Gleiskorrekturen können theoretisch zwar durchaus Reisezeitgewinne erzielt werden. Die negativen Schlagzeilen, mit den dauernden Pannen – mit den alten und den neuen Cisalpino-Zügen – sollten alle Bahn-Verantwortlichen heute aber überzeugt haben, dass diese Technik als gescheitert zu betrachten ist und dass wieder zur traditionellen Traktion mit herkömmlichen Rollmaterial zurückkehrt werden muss. Besser heute als morgen.
Bei der Cisalpino hätte der Abschied von der (untauglichen) Neigetechnik vor der Bestellung der neuen Cisalpino-Neigezüge, d.h. vor 2004, erfolgen sollen. Denn es war damals schon bekannt, dass sich mit der Inbetriebnahme des Gotthard-Basistunnels die Streckenabschnitte auf der Nord-Süd-Achse (Zürich–Mailand), auf welchen sich mit der Neigetechnik überhaupt noch Zeitgewinne herausholen lassen, auf verschwindend kleine Bereiche reduzieren.
Die Neigetechnik muss aus folgenden Gründen fallen gelassen werden:
1. Fahrzeuge sind sowohl in der Anschaffung als auch im Betrieb sehr teuer, ja eigentlich nicht finanzierbar.
2. Viele Reisende lieben die Neigetechnik nicht, weil es ihnen ganz einfach unwohl und schlecht wird.
3. Bei Ausfall von Neigetechnik-Fahrzeugen und dem damit notwendigen Einsatz von konventionellem Ersatz-Rollmaterial wird der Fahrplan jeweils vollends auf den Kopf gestellt. Aus wirtschaftlichen Gründen können selbstredend nicht genügend Neigetechnik-Fahrzeuge entlang der gesamten Strecke auf Pikett vorgehalten werden.
Eine Erfolg versprechendere Möglichkeit für den Italien-Verkehr bestünde darin, hochwertiges Rollmaterial italienischer Produktion anzuschaffen (z.B. Trenitalia-Eurostars etc.). Damit können auf dem italienischen Netz gute Konditionen bezüglich Trasseeverfügbarkeit etc. erreicht werden. Dieses System wird zurzeit mit grossem Erfolg auf den Destinationen Schweiz - Paris angewendet. Die Tochtergesellschaft von SNCF und SBB (Lyria) hat schon vor Jahren französische TGV-Fahrzeuge angeschafft. Die Firma konnte deshalb damals wie heute auf gleicher Augenhöhe mit der SNCF verhandeln. Es wäre niemand auf den Gedanken gekommen, für den französischen Markt eigene Fahrzeuge zu entwickeln – und schon gar nicht Neigezüge. Die Franzosen haben sich noch nie ernsthaft mit der Neigetechnik auseinandergesetzt. Glücklicherweise! Sie ersparten sich damit viel Ärger.
Fehlinvestition Zürich–München
Im Hinblick auf die von der Schweiz finanziell massgeblich unterstützte Elektrifizierung der Strecke Zürich–München und der dort immer noch vorgesehenen Neigetechnik sind heute ernsthafte Gedanken zu machen, ob man auf dieser Destination mit allen Mitteln an dieser Technik festhalten will. Nach den jahrelangen, ebenfalls fast nur negativen und deshalb imageschädigenden Erfahrungen der Deutschen Bahn mit der Neigetechnik werden diese auf ihrem Netz kaum Neigetechnik-Fahrzeuge dulden. Es könnte also durchaus der Zustand eintreten, dass die Stecke 2015 zwar auf die Neige-Technik vorbereitet ist, dass dannzumal aber gar keine geeigneten Fahrzeuge vorhanden sind. Deutsche Fahrzeuge werden es auf gar keinen Fall sein. Also welche dann?
Paul Stopper, UsterVerkehrsplaner
Überholte Neigetechnik
ist viel zu kostspielig
Zwängerei der SBB mit Neigezügen:
Vergangenen Sonntag um 11 Uhr 09 ab Zürich setzten die SBB lediglich eine ICN-Komposition bestehend aus sieben Wagen ins Tessin ein. Früher als klassischer Zug mit Lok und Reisewagen wurden zu dieser Abfahrtszeit etwa 14 Waggons angeboten. Bereits ab Zürich waren beim ICN fast sämtliche Sitzplätze belegt. Von Arth-Goldau bis Bellinzona waren Stehplätze zu verzeichnen. Da beim ICN zugunsten einer maximalen Anzahl von Sitzplätzen kaum Stauraum vorhanden ist, versperrte das Gepäck den Gang und die Plattformen. Dies verletzt bei einer Evakuation auch Sicherheitsaspekte. Die meisten Reisenden würden eine etwas längere Fahrzeit ohne Neigezüge zugunsten von mehr Platz und Komfort zweifellos vorziehen.
Was soll eigentlich die ganze Zwängerei mit Neigezügen am Gotthard, Lötschberg und Simplon? In etwa zehn Jahren geht der Gotthard-Basistunnel in Betrieb. Dann braucht es keine Neigezüge mehr. Von Basel via Bern–Brig nach Milano verkehren die Züge schon heute über Neubaustrecke Rothrist–Mattstetten und durch den Lötschberg-Basistunnel. Die kurzen Abschnitte, wo die Neigetechnik noch etwas bringt, stehen in keinem Verhältnis zum Aufwand.
Völlig überflüssig ist die Neigetechnik zwischen Genève und Milano, wo über weite Streckenabschnitte mit 140-160 km/h gefahren werden kann. Die kostspielige Zwängerei mit Neigezügen ist vollständig überflüssig.
Jürg StreuliWetzikon
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Erstellt: 24.07.2009, 01:15 Uhr




