Zeitung heute
Adieu Feminismus
Das popfeministische «Missy Magazine» gewinnt in Deutschland einen Förderpreis und wird daraufhin von sämtlichen renommierten Zeitungen geradezu gehypt. Selbst die «Emma» klopft der neuen Konkurrenz grossmütterlich auf die Schulter und wünscht ihr Glück.
In der Schweiz stirbt währenddessen die älteste feministische Zeitung, die «Fraz». Und niemanden scheint dies wirklich zu interessieren. Dafür gibt es viele Gründe.
Die Frauenzeitung «Fraz» kannten nur knapp 2500 Leute im Land. Für eine Flucht nach vorn mit ausgeklügelter Werbestrategie fehlte die finanzielle Unterstützung. Hätte dies das Ruder herumgerissen? Wohl kaum.
Das grösste Problem der «Fraz» und auch aller anderen feministischen Blätter in der Schweiz ist nämlich ihre Ausrichtung. Egal wie alltagsnah, frech, selbstironisch und mit coolem Layout versehen eine solche Zeitung auch sein mag, das kauft einem hier niemand ab.
Wo Feminismus drauf steht, ist auch Altbackenes drin. Was in Deutschland mit Wohlwollen goutiert wird, nämlich Popkultur meets selbstbewusste, moderne Frau, bekommt in hiesigen Medien einen anderen Stempel: vom Kampfblatt zum Blümchenfeminismus. Die Verpackung siegt über den Inhalt, ehe man sich diesen überhaupt angesehen hat.
Die grundlegende Meinung in der Schweiz ist offenbar die, dass es keinen Feminismus braucht. Nicht mehr. Deshalb relativiert sich auch die Nachfrage nach einer diesbezüglichen Zeitschrift. Grund für diese Einstellung sind vier verschiedene Bilder, die in der breiten schweizerischen Öffentlichkeit, in bestimmten Medien, bei potenziellen Geldgebern und sogar 80er-Feministinnen vorherrschen.
Die breite Öffentlichkeit denkt Folgendes: diese ewig gestrigen Weiber. Unzufrieden mit sich selbst, deshalb männerhassend. Unästhetisch noch dazu. Und dann diese ständige Nörgelei wegen Lohnungleichheit. Als ob es nichts Wichtigeres auf dieser Welt gäbe. Sollen sie doch froh sein, dass sie nicht in Afghanistan geboren sind. Hier in der Schweiz gehts doch allen gut.
Dann die ausgesuchten Medien: Und ob wir feministisch sind! Wir mögen keine Frau Eva Hermann und auch keinen Herrn René Kuhn. Wir sind froh, wenn uns solche offensichtlichen Geschichten ins Haus schneien und wir damit das Sommerloch überbrücken können. Übertreiben muss man es aber keineswegs. Man darf schliesslich nicht vergessen, dass dem Feminismus etwas Verstaubtes anhaftet. Das sagen selbstverständlich nicht wir, das sagt die Öffentlichkeit. Eine offenkundige Feministin einstellen? Hm, das müssen wir uns erst noch überlegen.
Die Geldgeber meinen: Frauen engagieren sich in der Schweiz zuhauf in ehrenamtlichen Tätigkeiten. Sie haben dabei eine schier unerschöpfliche Energie und können sich jahrelang durch diverse Durststrecken kämpfen. Aber für die Frauen gehört das irgendwie dazu. Es war ja schon immer so. Warum sollen wir es ihnen einfacher machen und ihnen damit den Spass verderben?
Abschliessend die 80er-Jahre-Community: Wir haben so viel für die nachfolgenden Generationen getan. Doch alles ist bereits gesagt. Der Kampf ist vorbei, die Bewegung ist eingeschlafen, das Bewusstsein ist tot und die jungen Leute von heute sind eher für ihr iPhone zu begeistern, als für Politik und Frauenthemen.
Es mag gut sein, dass alles bereits gesagt wurde. Das nimmt aber in der Literatur auch niemand so genau. Themen wiederholen sich schliesslich in der Geschichte. Feministisch sein heisst damals wie heute, sich nicht fremd lenken lassen und sich niemals unter dem eigenen Wert verkaufen. Sei es nun im Beruf oder in der Beziehung.
Und solange sich im Zusammenleben und Zusammenwirken von Frau und Mann aber letztendlich auch am Selbstbild von Frauen nichts Grundlegendes verändert, sagt man besser manches öfter als einmal zu wenig. Denn einfach über dem Wort Gleichberechtigung den Titel Gesetz zu platzieren, bedeutet nicht zwingend, dass sich irgendjemand davon persönlich angesprochen fühlt.
Deshalb ist heute das Schreiben über Alltagssituationen und Lebensrealitäten von Frauen, fern von Mode- und Outfit-Tipps,sicherlich immer noch mehr als gerechtfertigt. Zumal ein Herr Roger Köppel mit seiner Weltwoche nicht einfach so davonkommen sollte.
Doch die beste Rechtfertigung ist hinfällig, wenn die Identifikation fehlt. Deshalb gibt es heute in der Schweiz keine «Fraz» mehr und wird es wohl in dieser Form auch in Zukunft nicht mehr geben.> (Der Bund)
Erstellt: 18.09.2009, 01:16 Uhr



