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«Wir füllen die Kunsthalle mit Leere»

Von Magdalena Schindler. Aktualisiert am 10.09.2009

Als Yves Klein vor fünfzig Jahren einen leeren Galerieraum zum Kunstwerk erklärte, war das eine Provokation. Warum eine leere Ausstellung auch heute noch Sprengkraft hat, erläutert Kunsthalle-Leiter Philippe Pirotte.

Raum zum Nachdenken über eine radikale künstlerische Geste: «Voids» in der Kunsthalle Bern. (zvg)

Raum zum Nachdenken über eine radikale künstlerische Geste: «Voids» in der Kunsthalle Bern. (zvg)

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Zur Ausstellung

Die Ausstellung «Voids. Eine Retrospektive» in der Kunsthalle Bern vereint neun leere Ausstellungen von Yves Klein, Art & Language, Robert Barry, Robert Irwin, Stanley Brouwn, Bethan Huws, Maria Eichhorn und Roman Ondak. Zur Ausstellung liegen ein hervorragendes Katalogbuch auf Englisch (JRP Ringier-Verlag , Fr. 62.–) und ein Begleitheft auf Deutsch vor.

Das Rahmenprogramm beginnt morgen Freitag um 20 Uhr mit einer Performance des Fluxus-Künstlers Ben Vautier rund um das Thema «Rien n’existe pas» (Calvinhaus, Marienstrasse 8 in Bern). Vernissage der Ausstellung: Samstag, 12. September, 18 Uhr. Dauer bis 11. Oktober.

«Bund»: In der Regel füllt ein Kurator ein Museum mit Kunstwerken, Sie machen genau das Gegenteil: Die Kunsthalle ist vollkommen leer. Was steckt dahinter?

Philippe Pirotte: Sicher geht es nicht um die Provokation. Die Ausstellung ist eigentlich eine klassische Museumsausstellung. Man könnte also höchstens insofern von Provokation sprechen, als eine Kunsthalle eine Museumsausstellung macht. Die Ausstellung ist das Resultat einer kunsthistorischen Studie über die Tradition, leere Ausstellungen zu machen, wie es sie seit Yves Klein gibt.

Wie kam die Ausstellung zustande?

Die Idee dazu kam vom Genfer Künstler John Armleder. Zusammen mit Mathieu Copeland, Mai-Thu Perret und anderen war er mitten in den Forschungsarbeiten zum Thema der leeren Ausstellung, als wir vor zwei Jahren ins Gespräch kamen. Wie Laurent Le Bon vom Centre Pompidou, wo die Ausstellung im Frühjahr zu sehen war, bin ich also nur Ko-Kurator. Wir alle fanden es allerdings wichtig, dass das Projekt nicht nur aus einem Buch besteht. Bisher war der Entscheid, einen Ausstellungsraum leer zu lassen, immer eine radikale künstlerische Geste. Erstmals wird sie nun in einen kuratorischen Akt umgewandelt: Wir füllen die Kunsthalle mit historischer Leere.

Yves Kleins leere Ausstellung in einer Pariser Galerie 1958 gilt als Wendepunkt in der Geschichte der modernen Kunst. Warum?

Weil er der Erste war, der einen Raum als solchen zum Kunstwerk erklärte, also eigentlich nicht viel anderes tat als vor ihm schon Marcel Duchamp, der mit seiner Signatur auf einem Flaschentrockner das Readymade erfand. Das hat natürlich provoziert, weil das Leerlassen einer Ausstellung den gängigen Erwartungen völlig widerspricht. Aber darum ging es Klein eigentlich gar nicht, er wollte auf die Schönheit eines weissen leeren Raumes hinweisen. Dieser ist bei ihm die logische Fortsetzung seiner grossen monochromen Phasen in Blau, Rosa oder Gold: Die Leere ist eine malerische Geste, der Raum ein begehbares Gemälde, das die Frage nach der Wechselwirkung von Materialität und Immaterialität aufwirft.

Sind leere Ausstellungen nicht auch Spiegel einer Verweigerungshaltung gegenüber dem Kunstbetrieb?

Insofern ja, als sich Künstler in der Nachfolge von Yves Klein zunehmend gefragt haben: Müssen wir eigentlich immer etwas anbieten? Dabei wird auch die Handelbarkeit und Käuflichkeit von Kunst grundsätzlich infrage gestellt. Dass die Reaktionen auf leere Ausstellungen oft negativ sind, kommt aus dieser Tauschmentalität, aus der Empörung darüber, dass man für scheinbar Nichts etwas zahlen soll.

«Voids» aktualisiert neun leere Ausstellungen aus der Vergangenheit. Worin unterscheiden sie sich?

Man kann sagen, eine leere Ausstellung ist immer gleich. Das stimmt jedoch nicht, weil der Künstler jedes Mal einen anderen Kontext schafft. Die Ausstellung von Art & Language beispielsweise hiess «Air Conditioning Show» und sollte die Aufmerksamkeit auf die spezifischen, auch praktischen Bedingungen einer Ausstellung lenken. Wieder anders ging Bethan Huws im Haus Esters in Krefeld vor. Sie fand, das von Mies van der Rohe erbaute Haus sei so schön, dass sie nichts hinzufügen wollte.

Dann geht es also auch einfach darum, die Architektur eines Raumes zur Geltung zu bringen?

Ja, das kann ein Aspekt sein: Ich glaube, es gibt viele Leute, die sich nicht bewusst sind, wie detailreich auch die Architektur unserer Kunsthalle ist. Ebenso interessant ist aber, dass im Fall von Bethan Huws die Präsenz von Kunst durch diejenige der Künstlerin ersetzt wurde, wenn auch nur phantomhaft in Form ihres Namens. Dies ist eine ganz andere konzeptuelle Geste als die institutionelle Kritik, wie sie zum Beispiel Maria Eichhorn formulierte, als sie 2001 die Berner Kunsthalle leer räumte und ihr Ausstellungsbudget für Renovationsarbeiten zur Verfügung stellte. Visuell sieht also jede dieser Leeren gleich aus, mental aber sind sie alle verschieden.

Hat sich das Thema der leeren Ausstellung nicht inzwischen erschöpft?

Nein, ich habe selbst gestaunt, wie es Roman Ondak 2006 gelungen ist, eine weitere Dimension ins Spiel zu bringen. Er hat – und das ist ganz typisch für die heutige Künstlergeneration – eine Verschwörung inszeniert. Er teilte dem Publikum mit, dass da etwas ist, was es nicht sieht, nämlich eine Abhöranlage. Ob das stimmt oder nicht, bleibt offen.

Die erste Station von «Voids» war das Centre Pompidou. Wie hat man dort auf die Ausstellung reagiert?

Das weiss ich nicht im Detail, «Voids» wurde jedenfalls auch als Anti-Blockbuster-Ausstellung bezeichnet. In Paris fand die Ausstellung nur in einem Teil des Gebäudes statt, bei uns wird das radikaler, weil alle Säle leer sind. Tatsache ist, dass das Centre Pompidou als einziges Museum bereit war, bei «Voids» mitzumachen, obwohl es intern Mühe hatte, das Projekt zu legitimieren.

Also doch ein brisantes Thema?

Es sieht ganz so aus. Auch wenn der Zugang zum Thema letztlich ein historischer ist, die Infragestellung der Konsumierbarkeit von Kunst passt wohl nur schlecht ins Konzept eines Museums, das grosse Publikumszahlen generieren muss. Zwar sind die spezifischen Leeren teils schon Klassiker, aber kuratorisch ist «Voids» ein sehr ungesichertes Projekt, ein Abenteuer. Insofern passt es letztlich doch sehr gut ins Kunsthalle-Programm.

Der Umgang mit der Leere und dem Nichts in Kunst, Philosophie und Religion wird im Ausstellungskatalog ausführlich ausgeleuchtet. Warum sollen die Leute überhaupt noch in die Kunsthalle kommen?

Sie sollen kommen, um sich mental auf die Leere einzulassen. Voids» möchte den Anstoss dazu geben, über die Idee der Leere nachzudenken und sich quasi einem spirituellen Exerzitium zu unterziehen. Dabei werden die Besucher von unseren Spontanführerinnen und -führern «abgeholt». (Der Bund)

Erstellt: 10.09.2009, 16:42 Uhr

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