100 Jahre Filmmusik: Wie Bilder klingen lernten
Von Marianne Mühlemann. Aktualisiert am 27.08.2009
Stichworte
Buch, Filme und Live-Musik
Im Rahmen der Reihe «Das andere Kino» präsentiert im September in der Grossen Halle auch die Reitschule Bern Stummfilmabende mit zeitgenössischer Live-Musik.
Den Auftakt (Do 10. 9.) machen I Salonisti und der ungarische Zymbalspieler Pal Ratonyi. Sie begleiten die poetische Tragikomödie «Gadjo Dilo», von Tony Gatlif. Am Fr 11. und Sa 12. 9. spielt Musica nel buio, ein Stummfilm-Ensemble aus Bologna, zu Buster-Keaton-Filmen. Franz Treichler joue DADA. (Do 17. 9.) ist das sechste Projekt einer Serie von Neukompositionen der Tonspur von mehreren Filmen. Das Trio Words within Music (mit Daniel Schnyder, sax; David Taylor, btbn; Kenny Drew Jr, p) vertont am Fr 18. 9.) Faust Murnau, eine kühne, hochdramatische Inszenierung von Fausts Pakt mit dem Teufel. Das Duo Praed improvisiert am Sa 19. 9. zu diversem Filmmaterial.
Beginn jeweils 20.30 Uhr. Informationen: www.reitschule.ch
Das Buch: Peter Moormann (Hrsg.): Klassiker der Filmmusik. Verlag Philipp Reclam, Stuttgart 2009. 309 S., Fr. 16.90.
Das BSO-Konzert: Sa 29. 8., 19.30 Uhr, spielt das BSO auf dem Bundesplatz «Legends of the Silverscreen». Info: www.bsorchester.ch
Auch wer selten ins Kino geht, hat sie im Ohr, die eingängigen Melodien, zu denen auf der Leinwand geliebt, geschossen und gelitten wird. Man hört die Soundtracks nicht nur im Kino, sondern auch im Radio, im Konzert, in den Charts, auf CD. Die Filmmusik hat sich emanzipiert. Sie schreibt ihre eigene Erfolgsgeschichte. Das war nicht immer so.
Wie dem mit Notenbeispielen und spannenden Hintergrundinformationen angereicherten Band «Klassiker der Filmmusik» zu entnehmen ist, wurde die vermutlich erste Originalfilmmusik vor hundert Jahren komponiert. Camille Saint-Saëns (1835–1921) schrieb sie zum Stummfilm «L’Assassinat du Duc de Guise». Bis dahin wurde Filmmusik bloss als Beilage zu den bewegten Bildern betrachtet. Salonmusik und leichte Klassik begleitete die Stummfilme. Oder es wurde frei improvisiert. Für den Einsatz von Live-Musik gab es verschiedene Gründe. Einige Kinobetreiber wollten damit das störende Rattern des Projektors übertönen oder Pannen (Filmrisse) überbrücken. Andere suchten mit Musik die gespenstische Wirkung eines geräuschlosen Films zu neutralisieren. Es sollte verhindert werden, dass sich das Publikum im dunklen Zuschauerraum ängstigte und den Vorführungen fernblieb.
Nach Stimmungen geordnet
Die Filmmusik gewann schnell an Bedeutung. Die Kinotheken wurden ausgebaut. Sie umfassten Musikauszüge, die bei einer Filmvorführung live vorgetragen wurden. Die Stücke waren nach Stimmungen geordnet – dramatisch, virtuos, lustig, melancholisch –, so hatte ein Musiker sofort das Passende zur Hand. Beliebt waren sinfonische Dichtungen von Richard Strauss, Smetana oder Liszt, auch Opernouvertüren und Intermezzi. Je nach Grösse der Kinos und der Zahl der zur Verfügung stehenden Musiker wurden die Stücke bearbeitet und an jeweilige Filmepisoden angepasst. Die Besetzung variierte. Vom einzelnen Pianisten, einem kleinen Ensemble bis zum grossen Sinfonieorchester war alles möglich. Längere Originalpartituren lagen jedoch erst in den 1920er-Jahren vor. Am bekanntesten sind jene zu «Panzerkreuzer Potemkin» (1925) oder «Metropolis» (1927). Mit der Einführung des Tonfilms Ende der 1920er-Jahre verloren viele Musiker ihren Job.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland, verlagerte sich Anfang der 1930er-Jahre die Entwicklung der Filmmusik weitgehend in die USA. Hier setzten viele komponierende Emigranten (unter ihnen E.W. Korngold) ihre Arbeit fort. Es entstand Musik zu Animations- und Science-Fiction-Filmen, Experimental-, Opern- und Tanzfilmen. Die Musik emanzipierte sich von den Bildern oder begann sie zu legitimieren: Wie in Walt Disneys «Fantasia» (1940), wo die Bildsequenzen programmatische Aspekte der Musik optisch umsetzen.
Wagner als Vorbild
Als Musterbeispiel eines klassischen Hollywood-Scores gilt Max Steiners Filmmusik zu «Vom Winde verweht» (1939), eine der umfangreichsten der Filmgeschichte. Inspiriert wurde sie von Richard Wagner. Die Musik ist für ein voll besetztes Sinfonieorchester geschrieben, Leitmotive ziehen sich durch die ganze Partitur. 1952, als die Filmmusik noch kein durchkalkuliertes Marketinginstrument war wie heute, wurde erstmals ein einzelner Song zum Kassenschlager: »Do Not Forsake Me» zum Western «High Noon». Der Erfolg war auch dem Aufkommen des Plattenspielers zuzuschreiben, der es möglich machte, Filmmusik auch ausserhalb des Kinos, in den privaten vier Wänden zu hören.
Zusätzliches Geschäft
Die Musik brachte der Filmindustrie ein zusätzliches Geschäft. Die Platte warb für den Film und umgekehrt. «Love Story» (1970) belegte wochenlang den ersten Platz der Charts. Ebenso Ennio Morricones Mundharmonika-Melodie, die der namenlose Rächer (Charles Bronson) in «Spiel mir das Lied vom Tod» (1968) anstimmt. Und eine minimalistische Melodie gespielt mit Tenorsax, Triangel und Kontrabass mauserte sich zu einem der bekanntesten Leitthemen der Filmmusikgeschichte – sie machte den «Pink Panther» unsterblich. In den 1990er-Jahren wurde die ausgekoppelte Filmmusik zu «Titanic» (1997) zum Kassenschlager. Innerhalb weniger Wochen ging der Titel über 9 Millionen Mal über den Ladentisch. Die Liste liesse sich verlängern. Im dreihundertseitigen Kompendium «Klassiker der Filmmusik» sind über 100 der bekanntesten und besten Scores der Filmgeschichte beschrieben
Filmmusik auf dem Bundesplatz
Im Zeichen von Filmmusik steht auch am Samstag das Saison-Eröffnungskonzert des Berner Symphonieorchesters. Filmmusikspezialist Frank Strobel dirigiert auf dem Bundesplatz die Soundtracks zu «Doktor Schiwago», «Der Fluch der Karibik», «Star Trek», «Jurassic Park» und anderen. Am Anfang war das Bild. Was bleibt ist die Musik. Sie funktioniert auch so. (Der Bund)
Erstellt: 27.08.2009, 09:57 Uhr




