Sein eigener Feind

SF 2 zeigt die packende siebenteilige Serie «John Adams» mit Paul Giamatti in der Rolle des zweiten Präsidenten.

Berührendes Liebespaar: John Adams  (Paul Giamatti)  und seine Frau Abigail (Laura Linney). (zvg)

Berührendes Liebespaar: John Adams (Paul Giamatti) und seine Frau Abigail (Laura Linney). (zvg)

Die Serie

SF2 zeigt «John Adams» als Free-TV-Premiere in Originalfassung mit deutschen Untertiteln, jeweils am Sonntagabend.

Helden treten anders auf. An seinen hängenden Schultern erkennt Abigail Adams, dass ihr Mann als Unterlegener von einem Prozess zurückgekehrt ist. Wir sind im Boston des Jahres 1770. Einsam hat sich John Adams durch einen Wintersturm zurück in die Wärme seines Hauses gekämpft. Das erste Bild von ihm ist das eines einsamen Reiters, einer Figur, die im Zwielicht beinahe verschwindet. Das ist durchaus symbolisch: Die Konturen von Adams (1735–1826), neben George Washington, Benjamin Franklin und Thomas Jefferson einer der Gründerväter der USA, sind unscharf. Er zählt zu den unbekanntesten Bekannten der amerikanischen Geschichte.

Die siebenteilige Serie des amerikanischen Qualitätssenders HBO holt Adams aus dem Dämmerlicht. Das Epos zeichnet packend ein kritisches und vielschichtiges Porträt des zweiten Präsidenten der USA und seiner Zeit; die zahlreichen Emmys letztes Jahr waren dafür der gerechte Lohn. Mit Tom Hooper wurde für die Verfilmung von David McCulloughs Biografie ein Engländer engagiert – eine Qualitätsgarantie in den Augen all jener, die glauben, dass nur Regisseure von der Insel wirklich wissen, wie man Perücken und Kostüme inszeniert und historische Stoffe akkurat und lebendig verfilmt.

Politischer Wadenbeisser

«John Adams» ist aufwendig produziert und mit Paul Giamatti (Adams), Laura Linney (Abigail), Tom Wilkinson (Franklin), David Morse (Washington) und Stephen Dillane (Jefferson) erstklassig besetzt. Ein Überraschungscoup ist die Wahl von Giamatti, der bisher vor allem als Darsteller kleiner, missmutiger Verlierer in Independent-Filmen wie «Sideways» oder «American Splendor» geglänzt hat. In letzterem verkörperte er den Comic-Autor Harvey Pekar – von dieser Underground-Ikone mit eher zersetzendem Humor ist es ein grosser Schritt zum einenden und staatsgründenden John Adams, möchte man meinen. Giamatti aber schafft diesen spielend. Allein schon mit seiner allem Pathetischen abholden Ausstrahlung verhindert er jede Form von historisierender Verklärung. Sein John Adams ist ein oft grimmig grummelnder, manchmal cholerischer Mann, ein Wadenbeisser, einer, der auch im Triumph nie gelassen wirkt.

Giamattis Leistung ist umso beeindruckender, als das 500-Minuten-Epos nicht weniger als 56 Jahre umfasst. Das Massaker 1770 in Boston durch die englischen Kolonialtruppen, der Kampf um die Unabhängigkeit, Adams Abstecher nach Europa, seine frustrierenden Erfahrungen als Vizepräsident unter George Washington, seine Amtszeit als zweiter Präsident der USA (1797–1801) und die langen Jahre, die er zurückgezogen auf seinem Gut verbrachte, sind dabei die wichtigsten Kapitel. Wie sein Freund und zeitweiliger Gegenspieler Thomas Jefferson starb Adams, dessen privates Leben von vielen Schicksalsschlägen überschattet wurde, am 4. Juli 1826, dem 50. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung.

Das Bild, das die Serie dabei von John Adams entwirft, ist das eines Mannes, dessen positive Qualitäten zu oft ins Negative kippen. Er ist prinzipientreu, aber auch stur, Diplomatie ist ihm deshalb komplett fremd; sein Intellekt ist so scharf, dass er andere damit immer wieder verletzt, sein Ehrgeiz derart gross, dass er davon beinahe zerfressen wird und mehrmals in Depressionen verfällt. Grosszügigkeit kennt er kaum, zu stark wird er vom Argwohn getrieben, seine historischen Leistungen würden nicht angemessen gewürdigt. Ihm widerfuhr, was er befürchtete: Er war kein «Yes, we can!»-Politiker wie Barack Obama, kein Charismatiker – wer sich heute auf ihn beruft, gewinnt damit politisch keinen Glanz.

Die grosse Liebe

John Adams wäre wohl an seinen Schwächen gescheitert, wäre da nicht seine Frau Abigail gewesen. Sie war oft die einzige, die ihn mässigen konnte, sie war ihm Halt, sie war aber auch seine versierteste Kritikerin. Laura Linney verkörpert diese Frau, und wie sie das tut, ist schlicht und ergreifend phänomenal. Zu den beeindruckendsten Szenen der Serie, die dank den Bildern von Kameramann Tak Fujimoto auch visuell überzeugt, gehören jene zwischen den beiden Ehepartnern: die intimen Momente etwa, in denen Abigail die Plädoyers von John gegenliest und ihn korrigiert, die Stunden, welche die beiden mit dem Schreiben und Lesen ihrer Briefe verbringen, in denen ihre Liebe dokumentiert ist. «John Adams», das ist nicht nur eine brillante Biografie und Charakterstudie, nicht nur das politisch-präzise Porträt einer revolutionären Epoche, welche die Welt bis heute prägt. «John Adams», das ist auch eine ausserordentliche und überaus berührende Liebesgeschichte. (Der Bund)

Erstellt: 13.07.2009, 14:09 Uhr

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