Zeitung heute

Schreiben als Trost

Von Beat Mazenauer. Aktualisiert am 31.12.2008

Seit 2002 schreibt der Berner Franz Dodel unter dem Titel «Nicht bei Trost» an einem Haiku ohne Ende. Unter seiner Hand entsteht ein leichtfüssiger Strom der Gedanken über Gott, die Welt und das Ich.

Lässt seinen Gedanken freien Lauf: Franz Dodel im Garten seines Ateliers in Boll. (Bild: Beat Schweizer)

Lässt seinen Gedanken freien Lauf: Franz Dodel im Garten seines Ateliers in Boll. (Bild: Beat Schweizer)

Nach landläufigem Verständnis ist ein Haiku eine dreizeilige lyrische Miniature mit dem Silbenmuster 5-7-5. Traditionell beschreibt es bildhaft einen Gegenstand aus der Natur. Wenn Franz Dodel nun mit einem philosophischen Endlos-Haiku aufwartet, scheint er auf den ersten Blick einen Widerspruch zu erzeugen. Doch die Haiku-Form lässt trotz ihrer stilistischen Prägnanz Abweichungen zu, wie «Nicht bei Trost» besonnen demonstriert.

Dodel, Jahrgang 1949, studierter Theologe, heute als bibliothekarischer Fachreferent an der Berner Uni-Bibliothek tätig, schreibt seit Jahren täglich an seinem Kettengedicht mit alternierenden 5- und 7-silbigen Zeilen. 2004 sind die ersten 6000 Verse in der Edition Haus am Gern erschienen. Nun gibt ein schwarzes Buch im Brevier-Format auf Dünndruck-Papier den Blick auf die nächsten 6000 Zeilen frei.

Im Strom der Worte

«Nicht bei Trost» verströmt die Gelassenheit eines Dichters, der die Wahrheit sucht, ohne sie finden zu müssen: «ich stelle mir vor / wie es wäre das Denken / einzustellen um / ungehindert da zu sein / wenn man da ist (falls / man Dasein so noch bemerkt)». Dodels Dichtung ist kein vertracktes Bemühen um Einhaltung der Form, sondern hält sich – ganz im Sinne der Haiku-Tradition – an eine einfache und flüssige Diktion. Es gibt hier keine gewundenen poetischen Umstellungen in der Syntax. Der Strom der Worte fliesst in einem natürlichen Bett, die Lesenden brauchen lediglich die Interpunktionen selbst zu setzen. Diesem Strom entspricht inhaltlich die leichtfüssig mäandrierende Reflexion über Gott, die Welt und das Ich, die in übertragenem Sinn auch Barthes’ Forderung für ein gutes Haiku einlöst: dass «Wort und Ding in eins fallen». Dodels Ding ist der suchende Gedanke, den er mit metaphorischer Schlichtheit hin und wieder auch ins Bild setzt.

Während sich jeweils auf den ungeraden Seiten das Haiku scheinbar wie von alleine fortschreibt, weist der Autor auf den Seiten gegenüber die ihn beeinflussenden Zitate und Anregungen nach – ab und an um kleine Bilder erweitert. Periodisch taucht hier Marcel Proust auf, dessen «A la Recherche du temps perdu» der Dichter alle 500 Verse seine Reverenz erweist.

Anknüpfend an die Tradition hat Franz Dodel eine eigenständige poetische Form gefunden, die sich wunderbar geschmeidig liest wie ein fortlaufendes Selbstgespräch über die Bedingungen des eigenen Denkens, Fühlens und Seins. Das poetische Ich lässt sich ohne festes Ziel glücklich treiben: «. . . ich mag die / Wünsche an denen / festzuhalten sich nicht lohnt /auch die die lange / unerfüllt bleiben . . .»

Endlos heisst ohne ein Ende, und das auch über die abschliessenden Buchdeckel hinaus. Dafür kommt Franz Dodel das Internet gerade recht. Periodisch lassen sich auf seiner Webseite www.franzdodel.ch die Fortschreibungen nachlesen. Zurzeit steht das Gedicht bei der Zeile 14144: «fast vergessen schon / das lacrimarum valle».

Franz Dodel: Nicht bei Trost. Haiku endlos. Edition Korrespondenzen, Wien 2008. 608 Seiten, Fr. 49.90. (Der Bund)

Erstellt: 31.12.2008, 10:18 Uhr

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