Zeitung heute
Schöpferisches Widerstehen
Eine Jahrhundertkatastrophe wie die Shoa scheint die Sprache zu ersticken, aber diese widersteht der im Verfolgungswahn verordneten Sprachlosigkeit. Die deutsche Literaturwissenschaftlerin Karin Lorenz-Lindemann, die sich seit Jahrzehnten für die Vermittlung jüdischer Kultur und israelischer Literatur engagiert, legt einen Sammelband mit Studien zum Werk jüdischer Autorinnen und Autoren des 20. Jahrhunderts vor, dessen Titel «Meine Wurzeln treiben hier und dort» bereits viel über die Befindlichkeit der Porträtierten aussagt, denn deren Zugehörigkeit und Identität unterstehen nicht einer einzigen Ausrichtung.
Sorgfältig legt die Verfasserin diese mehrfache Verwurzelung frei, welche Verlust und Gewinn zugleich bedeutet. Im Unterschied zu vergleichbaren Aufsätzen wendet sie ihre Aufmerksamkeit nicht einzig auch hierzulande bekannten Namen zu, sondern sie widmet sich ebenso jenen Schriftstellern, die zu Unrecht selten ins Blickfeld geraten: etwa Dan Pagis, Tuvia Rübner, Karl Emil Franzos, Moses Rosenkranz.
Die teils persönlichen Erfahrungen mit den Autorinnen und Autoren mischen sich auf anregende Weise mit literarischer Analyse, so dass ein vielschichtiges Porträt entsteht. So berühren innerhalb dieses gehaltvollen Bandes unter anderem die Studien zu Lea Goldberg (1911–1970), die als Dichterin und Übersetzerin eindrücklich zwischen der europäischen und der hebräischen Literatur vermittelt hat, sowie zur Autorin und Journalistin Cordelia Edvardson (*1929), welche als Jugendliche das KZ überlebt hat und deren Biografie sich in Deutschland, Schweden und Israel ansiedelt.
Das Buch Karin Lorenz-Lindemann: Meine Wurzeln treiben hier und dort. Wallstein-Verlag, Göttingen 2009. 216 S., Fr. 45.90.
> (Der Bund)
Erstellt: 12.06.2009, 11:30 Uhr



