Zeitung heute

Robert Walsers Schreibgestus

Aktualisiert am 12.02.2009

Ein kritischer Nachdruck

der Erstausgabe und die Faksimile-Edition der Handschrift von Robert Walsers Erstlingsroman «Geschwister Tanner» eröffnen die kritische Ausgabe seiner Werke.

Robert Walser ist und bleibt im Gespräch. Vor wenigen Wochen konnte man von der finanziellen Sicherung der Robert-Walser-Stiftung und von der bevorstehenden Neueinrichtung des Robert-Walser-Archivs in Bern Kenntnis nehmen. Und schon folgt ein neuer Coup, mit dem Walsers postumer Aufstieg zum modernen Klassiker besiegelt wird: Von der Kritischen Robert-Walser-Ausgabe (KWA) unter der Leitung von Wolfram Groddeck und Barbara von Reibnitz liegen die ersten zwei Bände vor: ein grossformatiger Band mit Faksimile-Abbildungen der 179 Manuskriptblätter zu Walsers erstem Roman, «Geschwister Tanner», in Originalgrösse (etwas kleiner als A4) und begleitender diplomatischer Umschrift sowie ein kleinerer Band, der den kritisch aufgearbeiteten Text der Erstausgabe des Romans (erschienen 1906 im Berliner Cassirer-Verlag) präsentiert.

Nun war man bei Robert Walser schon vor dem neuen Grossprojekt in einer komfortablen Lage: Sein Werk ist in der vorbildlichen, mehrfach aktualisierten 20-bändigen Werkausgabe von Jochen Greven und der Transkription der Nachlass-Mikrogramme durch Bernhard Echte und Werner Morlang in der 6-bändigen Ausgabe «Aus dem Bleistiftgebiet» (beides im Suhrkamp-Verlag) erhältlich. Wozu also diese kritische Edition, deren Entstehung im Minimum 15 Jahre in Anspruch nehmen und am Schluss über 40 Bände umfassen wird und rund 10 Millionen Franken kostet? Was sich anhand der ersten Bände beurteilen lässt, ist zum einen die solide Sicherung der kritischen Textgrundlage des Erstdrucks, zum andern die Präsentation der Handschrift, der bei Walser besondere Bedeutung zukommt.

Grundlagenforschung

Mit Stroemfeld und Schwabe haben sich zwei Verlage mit grosser Erfahrung im Bereich der kritischen Edition auf Walser eingelassen. Kritische Editionen präsentieren langfristig angelegte Grundlagenforschung im Bereich der Literatur, die ihren Weg zum breiteren Publikum angesichts der teuren Einzelbände und der langen Entstehungsdauer oft nur indirekt findet. Im letzten Herbst wurde mit der Historisch-Kritischen Hölderlin-Ausgabe jenes Projekt abgeschlossen, das vor gut dreissig Jahren am Anfang des Stroemfeld-Verlags stand und zugleich das Feld der Nachlass-Edition revolutioniert hat: Statt dem Leser nur das Endprodukt der akribischen Entzifferungs- und Deutungsarbeit der Herausgeber zu bieten, wird ihm konsequent das integrale Manuskriptmaterial in Faksimile präsentiert.

Bei wenigen Autoren gehört der Schreibgestus so sehr zum Werk wie bei Robert Walser, wo er sich zugleich – in vielfacher Brechung – im Text widerspiegelt: An rund hundert Stellen ist in «Geschwister Tanner» vom Schreiben die Rede, wie die jedem Band der neuen Ausgabe beiliegende DVD leicht zu eruieren erlaubt. Diese ist in jeder Hinsicht ein unverzichtbares und vorzügliches Arbeitsinstrument und soll weiterhin den jeweils aktuellen Stand der Gesamtedition präsentieren.

Robert Walser hat nach eigenen Aussagen den Roman 1906 innerhalb von wenigen Wochen, praktisch ohne Korrekturen niedergeschrieben. Wir können im Faksimile des Manuskripts verfolgen, wie Walser die Blätter, wohl von Beginn weg im Bestreben, einen Roman von etwa 200 Seiten zu schreiben, wenn auch kaum mit präzisen Ideen über den Handlungsverlauf,mit schöner Regelmässigkeit in Sütterlinschrift beschrieben hat, über lange Strecken mit somnambuler Sicherheit eine Episode an die andere reihend, die Handlung mal zügig vorantreibend, oft tändelnd, wie auf die eigenen, sich aus der Sprache erzeugenden Einfälle lauschend. Nur selten gerät Walser beim Schreiben in eine Sackgasse, die in Streichungen und Neuansätze mündet: Ein erstes Mal, als der junge Protagonist Simon Tanner die zu Beginn des Romans beschriebene Anstellung in einer Buchhandlung – durchaus im doppelten Wortsinn – nach wenigen Seiten wieder kündigt, womit der Roman wieder am Anfang steht: Wie der moderne Taugenichts Simon Tanner jeglicher verbindlichen, dauerhaften Verpflichtung aus dem Wege geht, erfindet sich der Roman gewissermassen von Episode zu Episode neu. Sein Held versucht sich in immer neuen Anstellungen und Wohnräumen, so wie sich im Schreiben der fiktive Kosmos dieser unsteten Existenz ständig neu entwirft. Dass dabei kein multiperspektivischer Familienroman, etwa im Stil der wenige Jahre zuvor erschienenen «Buddenbrooks», entsteht, versteht sich von selbst: Die Geschwister Tanner sind vielmehr ein Fragment jenes «vielfach zerschnittenen Ich-Buchs», an dem Walser immer weitergeschrieben hat.

Nachwort befriedigt nicht ganz

Ernst Cassirer liess das Manuskript von Christian Morgenstern, dem Verfasser der «Galgenlieder», lektorieren. Es kam zu einigen aufschlussreichen Überarbeitungen und vor allem grösseren Kürzungen, die Walser (und nicht der Lektor, wie bisher angenommen wurde) mit entschiedenem Strich vollzog.

Nicht ganz befriedigen können das Editorische Nachwort und der Anhang: Zwar wird minutiös der Schreib- und Überarbeitungsprozess und seine Spur im Manuskript dokumentiert und kommentiert, doch fehlt teilweise die Einbettung in einen entstehungsgeschichtlichen Kontext. Statt einer grosszügigen Faksimile-Präsentation von zwei Briefen des Lektors Christian Morgenstern wäre derLeserin und dem Leser mehr gedient mit einer Dokumentation aller Zeugnisse zur Entstehungsgeschichte, auch wo sie im Widerspruch zum Manuskriptbefund stehen.

Der Start zur neuen Edition ist im Gesamteindruck überzeugend, den Nachweis ihrer Notwendigkeit muss die KWA jedoch mit jedem Band neu erbringen: So soll die Edition das immense Korpus der kleinen Prosa Walsers in neuer Systematik, Vollständigkeit und Kontext-Bezogenheit erschliessen. Auch eine neue Transkription der Mikrogramme ist vorgesehen, die – anders als die bisherige – neben unpublizierten Texten ebenfalls die Vorstufen zu von Walser veröffentlichten Prosatexten einbezieht. Auf die Fortsetzung darf man gespannt sein.



Die Bücher Robert Walser: Kritische Ausgabe sämtlicher Drucke und Manuskripte. Hrsg. von Wolfram Groddeck und Barbara von Reibnitz. Band I,2: Geschwister Tanner (Erstdruck) 340 S., 1 DVD; Band IV,1: Geschwister Tanner (Manuskript) 414 S., Faksimiles, 1 DVD. Schwabe/Stroemfeld, Basel/Frankfurt am Main 2008. Fr. 62.– bzw. 140.–.









>

Erstellt: 12.02.2009, 01:16 Uhr

Gratis ePaper für «Bund»-Abonnenten

Weblog «KulturStattBern»