Zeitung heute
«Kunst und Religion sind Geschwister»
von Religion im öffentlichen Raum.
«Bund»:In Amsterdam, Karlsruhe oder Vaduz sind derzeit Ausstellungen zeitgenössischer Kunst zu sehen, die um die Themen Religion und Spiritualität kreisen. Wie erklären Sie sich diesen Trend?
JOhannes Stückelberger: 9/11 wird in diesem Zusammenhang immer wieder als ein Auslöser genannt. Aber das Phänomen ist komplexer. Ein Faktor ist sicher die Globalisierung, die den Westen vermehrt mit Kulturen konfrontiert, die den Prozess der Säkularisierung nicht durchlaufen haben. Ich denke, man kann es als Reaktion darauf interpretieren, wenn in Europa Religion heute wieder stärker präsent ist im öffentlichen Raum, gleichsam wieder an die Oberfläche gespült wird.
Sigmar Polke arbeitet derzeit an Fenstern für das Grossmünster in Zürich, Gerhard Richter hat letztes Jahr für den Kölner Dom ein Glasgemälde geschaffen. Warum geschah dies nicht schon früher?
Das wäre vor vierzig Jahren undenkbar gewesen, Richter hätte seinen Ruf wohl ruiniert. Religion galt als etwas Privates, und die Kirchen ihrerseits orientierten sich stark nach innen. Im Gegensatz dazu suchen die Kirchen heute wieder mehr Sichtbarkeit und verstehen ihr Gebäude stärker als öffentliche Orte. Dass Richter ein Fenster für den Kölner Dom schuf, liegt zum einen an dieser Öffnung der Kirchen, zum andern daran, dass Raumbezogenheit und Ortsspezifik heute ein grosses Thema in der Kunst sind.
Kirchen werden auch als Ausstellungsorte genutzt, beispielsweise wenn Schweizer Kunstschaffende die Kirche San Staë in Venedig im Rahmen der Biennale bespielen.
Kirchen sind grossartige Ausstellungsräume. Sie als solche zur Verfügung zu stellen, bereitet der Institution Kirche weniger Probleme, als beispielsweise darin Restaurants zu betreiben oder sie als Turnhallen zu vermieten. Ausstellungen entfremden die Kirchen am wenigsten von ihrem meditativen Charakter.
Fühlen sich Kunstschaffende nicht auch vereinnahmt, wenn sie in Kirchen ausstellen?
Wenn die Kirche einen offenen Dialog mit den Künstlern sucht, dann ist das Problem der Vereinnahmung nicht gegeben. Aber natürlich gibt es Fälle, wo die Besitzer darauf achten, dass die Kunst nicht in Widerspruch steht zu dem, was sie vertreten. Konflikte gab es beispielsweise in Venedig anlässlich der Biennale 2005, als die Ausstellung von Pipilotti Rist in San Staë geschlossen wurde. Aus meiner Sicht geschah dies hauptsächlich deshalb, weil ihr an die Kirchendecke projiziertes Paradies, in dem nur zwei Frauen vorkommen, nicht mit kirchlichen Vorstellungen dieser Geschichte kompatibel war.
Wo berühren sich Kunst und Religion ganz grundsätzlich?
Ich spreche gern von Kunst und Religion als Geschwistern. Bei beiden geht es um letzte Fragen: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Was hat es mit der Welt auf sich? Die Religionen geben darauf Antworten, die Künstlerinnen und Künstler ebenfalls.
Nur hat die Kirche konkretere Antworten bereit, als sie die Kunst bietet.
Genau. Aber auch die Religionen müssen ihre Heiligen Schriften interpretieren und immer wieder neu deuten. Ich glaube, diesen Hebammendienst des Deutens leistet auch die Kunst. Seit Beginn der Moderne tut sie dies in eigener Verantwortung, was nicht ausschliesst, dass Künstler wie Richter daran interessiert sind, die eigene Sicht auf die Welt mit der kirchlichen Tradition ins Gespräch zu bringen.
Die Reaktionen auf Richters Glasfenster waren nicht nur positiv.
Gerhard Richter hat vom Erzbischof von Köln eine Rüge bekommen. Dieser fand, dass das Fenster besser in eine Moschee als in eine Kirche passe, weil Richter nicht – wie ursprünglich vorgesehen – moderne Heilige darstellte, sondern ein abstraktes Bild schuf. Ein weiterer, wenn auch nicht so deutlich formulierter Kritikpunkt dürfte gewesen sein, dass Richter in dieser Arbeit mit dem Zufall spielt, etwa in der Anordnung der Farben. Das kann für die Kirche ein Problem darstellen: Was hat der Zufall in einer gottgewollten Welt zu suchen?
Gibt es heute noch religiöse Kunst?
Um 1800 kam es zu einem Bruch zwischen Kunst und Kirche, was nicht ausschliesst, dass es weiterhin Künstler gab, die im Dienst der Kirchen arbeiteten. Daneben gab es aber auch andere, die sich – wie Caspar David Friedrich – das Recht herausnahmen, religiöse Themen anders zu malen, als man es von der kirchlichen Tradition her erwartete. Friedrich löste mit seinem Tetschener Altar 1808 eine Kontroverse aus, weil er keine biblische Szene, sondern schlicht eine Berghöhe mit einem Kruzifix darauf malte. Ich würde behaupten, dass es in der Nachfolge von Friedrich viel mehr Künstler als gemeinhin angenommen gibt, die «religiöse» Bilder schufen. Ich spreche in diesem Zusammenhang gern von latenter Religiosität oder latenten Gottesbildern.
Sie denken an Motive jenseits von Gott als bärtigem altem Mann?
Ja, erinnert sei beispielsweise an Vincent van Gogh. Seine Darstellungen eines französischen Olivenhaines sind auch religiöse Bilder, weil in ihnen aus Sicht des Künstlers zum Ausdruck kommt, was Christus im Garten Gethsemane erlitten hat – auch wenn dieser darauf nicht dargestellt ist. Das meine ich mit latenten Gottesbildern.
Basieren solche Werke auf der unausgesprochenen Übereinkunft, dass Gott nicht darstellbar ist?
Durchaus. Die modernen Künstler nehmen das biblische Bilderverbot wieder ernst und thematisieren es auch explizit: Wenn Künstler wie Barnett Newman oder Marc Rothko sich für eine abstrakte Bildsprache entschieden, so hängt das auch mit ihrer jüdischen Tradition zusammen. Beide versuchen, Unendlichkeit, Gott als etwas Grosses, Allumfassendes zu thematisieren.
Heutige Künstler thematisieren religiöse Inhalte expliziter als dies Rothko oder Newman mit ihrer Farbfeldmalerei taten.
Seit etwa zehn Jahren lässt sich beobachten, dass Künstler vermehrt sowohl die Kirche als Gebäude darstellen – so auch Andreas Gursky in seinen Fotografien – als auch die neue Öffentlichkeit von Religion thematisieren. Der deutsche Künstler Gregor Schneider etwa wollte im Rahmen der Biennale 2005 einen schwarzen Kubus auf dem Markusplatz aufstellen, was jedoch aufgrund dessen Ähnlichkeit mit der Kaaba in Mekka, dem Heiligtum des Islam, abgelehnt wurde. Schneider hat damit an Ängste gerührt, die aufgrund gesteigerter Sichtbarkeit nichtchristlicher Religionen vorhanden sind. Realisieren konnte er seine Skulptur schliesslich in Hamburg, im Kontext einer Ausstellung über Malewitschs «Schwarzes Quadrat».
Ganz konkret auf Christus bezieht sich der englische Künstler Mark Wallinger mit «Ecce Homo».
Wallinger hat 1999–2000 auf einem leeren Sockel am Trafalgar Square in London eine Christusfigur aufgestellt. Er erinnerte damit anlässlich der Jahrtausendwende an jenen Menschen, auf den sich unsere Zeitrechnung bezieht. Wallingers Bezug zur Religion ist weniger kirchlich als politisch motiviert, indem er die starke Prägung unserer Gesellschaft durch christliche Traditionen bewusst macht. Auch er stellt letztlich die Säkularisierungsthese infrage. Er drehte ein eindrückliches Video in der Londoner Metro-Station «Angel». Darin tritt er selber als Engel auf und rezitiert den Prolog des Johannes-Evangeliums, einen Bibeltext, der den Bogen vom Weltanfang bis zum Weltende spannt.
Während Wallinger in seinem Video im Outfit eines Bankers auftritt, sind es vor allem traditionelle Engelsgestalten, die in der Weihnachtszeit allgegenwärtig sind.
Klar, aber neben Bildern, die die Wirklichkeit neu deuten und die uns am besten die aktuelle Kunst liefert, braucht der Mensch auch traditionelle Bilder. Auch sie können als Ausdruck einer latenten Präsenz und einer neuen Öffentlichkeit von Religion gedeutet werden.
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Erstellt: 24.12.2008, 01:15 Uhr



