Zeitung heute

Die Arche in der Werft

Im Kirchenschiff der ehemaligen Abtei steht das mächtige Gerüst eines Schiffsbauches. Die Ladung ist im Chor verstreut: Es sind Dinge, die es nicht mehr gibt oder nicht geben kann. Wird diese Arche Noah mit ihrer skurrilen Fracht dereinst in See stechen oder ist sie längst gestrandet?

Die Sommerschau in der ehemaligen Abteikirche Bellelay ist dem Genfer Künstler Christian Gonzenbach gewidmet. Im barocken Kirchenraum erschaffen seine zur Installation verbundenen Objekte eine Welt, in der Zeit und Raum ihre orientierende Kraft verlieren.

War dies alles schon oder wird es sein? Wartet die im ehemaligen Chor und in den Seitenkapellen verstreute Fracht darauf, eingeladen zu werden? Oder ist das Schiff lange schon gestrandet, zum Gerüst verwittert, die letzten Überreste der Ladung verstreut? Wird hier eine neue Arche Noah gebaut, die unsere heutige Welt hinüberrettet in die Zeit nach der Sintflut?

Gedankenkonstrukt

Im Spiel mit den Fragen, auf die es keine schlüssigen Antworten gibt, hat Gonzenbach diese Arche als Sinnbild eines Gedankenkonstrukts gebaut. Sie ist ein Fahrzeug für eine geistige Reise durch eine Welt, in der Anfang und Ende unbestimmt sind. Indem Gonzenbach den Dingen ihre Bindung an die Zeit nimmt und sie ihrer ursprünglichen Funktion entfremdet, erschafft er, was es eigentlich nicht geben kann.

Etwa die «Gommes», wo er Radiergummis zu prähistorischen Faustkeilen schnitzt. Im Werk «Homo ab ovo» klebt Gonzenbach einen menschlichen Schädel aus Bruchstücken eines Strausseneis zusammen. Die Nachbildungen fossiler Saurierknochen hingegen weisen zurück in eine untergegangene Welt. «La bibliothèque» bewahrt im hölzernen Büchergestell ein Knochen um Knochen aufgereihtes Straussenskelett. Was der Künstler mit seinen Bauwerken, Plastiken, Zeichnungen und Objekten erzählt, mündet in die Vorstellung eines kurios verschobenen Abbildes der Welt.

Zwitterdinge und Mischwesen

Was wir wahrnehmen, ordnen wir ein: im Raum, in der Zeit, hinsichtlich der Funktionen. Dieses Navigationssystem weist uns den Weg und sichert unsere Wahrnehmung. Christian Gonzenbach überführt Zeit- und Ortsgebundenes in ein Universum der Verunsicherung. Seine Arbeiten sind gegenständlich und doch nicht von unserer Welt. Das ursprüngliche Ding bleibt bestehen, und doch wird es zu einem unverkennbar anderen. So ist «Homo ab ovo» Menschenschädel und Straussenei zugleich. In der Arbeit «Bottes» macht Gonzenbach aus Straussenbeinleder Stiefel, die präzise die Form von Straussenbeinen haben.

Im Animationsfilm «Conversion» treffen sich ein Wiesel und ein Huhn. Das Wiesel macht Anstalten, das Huhn zu attackieren. Doch plötzlich zieht das Huhn sein Federkleid aus und steht nackt da. Und das Wiesel tut es ihm gleich – sie tauschen Fell und Federn. In «Le meilleur ami de l’homme» ist ein treu blickender Hund verkehrt herum ausgestopft – er kehrt sein Innerstes nach aussen, seine Freundschaft zum Mensch. Auch der Film, den man sich in einem vom Künstler entworfenen Kleiderschrank ansieht, stellt vor allem Fragen. Können wir raus aus der Haut, in der wir stecken? Und sind wir das, was wir äusserlich zu sein scheinen? In Gonzenbachs Universum hallt Frage um Frage wider. Er führt in seiner ausserordentlichen Schau eine Wahrnehmung der Welt vor, in der das Vieldeutige uns die Augen öffnet für neue Sichtweisen – ernsthafte und heitere, skurrile und poetische.

Die Ausstellung dauert bis 12. September. Öffnungszeiten: Mo-Fr, 10-12, 14-18 Uhr. Sa/So 10-17 Uhr. Ein Katalog ist erschienen. www.abbatialebellelay.ch. (Der Bund)

Erstellt: 27.07.2009, 15:55 Uhr

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