Der fliegende Teppich der Poesie
Wo sind wir hier gelandet, gestrandet? In einer «Stadt mit Wasseretagen und Schwebstofftapeten», den Namen kennen wir noch nicht. Die Häuser haben «empfindliche Wangen», der Philosoph im Uhrenturm nickt bedächtig auf Arabisch. Es gibt eine Sterndeuterin, einen Zauberer und einen ungarischen Krokodildompteur, auch eine Nautische Akademie.
Admiral von Krusenstern, der frühere Befehlshaber der Flotte, besitzt eine Erst- und eine Zweitausgabe des Platon und sucht «das Endgültige» auf den sieben Weltmeeren, weil es im Hafen nicht zu finden ist. Schiffsarzt Dr. Larrios verschreibt bei entsprechender Indikation Hofmannstropfen aus der Lyrischen Hausapotheke. Ein Patient von ihm konstruiert Fliegen aus Edelstahl. Eine ganz gewöhnliche Stadt also – aber den Namen wissen wir noch immer nicht. Immerhin: Dass sie am Meer liegt, unterliegt keinem Zweifel. Was ja den Kreis der Möglichkeiten stark eingrenzt. – Oder nicht? Dresden, zum Beispiel. Libussa Federspiel, Dozentin an der Nautischen Akademie, sagt: «Ich kenne Dresden. Das ist auch eine von unseren Städten am Meer.»
Nichts ist unmöglich in Uwe Tellkamps «Gedicht in vierzig Kapiteln», als das der Verlag seine «Reise zur blauen Stadt» ankündigt; denn die Dinge sind in dem Buch ein bisschen aus der üblichen Ordnung gerückt. In Wahrheit nämlich haben wir in keiner realen Stadt angelegt, sondern in der Welt der Fantasie, der Dichtung, des Märchens. Und da kann Dresden schon mal am Meer liegen. Vieles in dem Band ist anders als in der realen Welt, die Schwerkraft des Wirklichen aufgehoben. «Es gibt Bücher, die lassen Apfelbaumzweige / durch die Seiten wachsen», lesen wir. «Daran reifen Sorten, / deren Aromen durchsichtige fliegende Teppiche sind.» An einer Stelle des Buchs schwingt sich Pegasus durch die Lüfte, das geflügelte Pferd der Poesie.
Finanzminister Donald Duck
So öffnet «das Wunder seine Flügel». Andererseits wurzelt die Welt des Gedichts durchaus im Realen, im Hier und Jetzt unsrer technisch-ökonomischen Welt. Computer, Hypertext, Handys und Börsenkurse sind keine Fremdwörter. Und wie in der wirklichen Welt hat die Kultur beim Finanzminister – er heisst Donald Duck – schlechte Karten. Das eigentlich Überraschende an dem Buch aber ist sein literarisches Genre. Uwe Tellkamp ein Lyriker?
Einem grösseren Publikum ist der gebürtige Dresdener als erfolgreicher Romanautor bekannt; letztes Jahr erntete er mit seinem Roman «Der Turm» viel Lob bei der Kritik. Und doch: Wer ein Gespür für Sprache besitzt, wird – angesichts der Ausdruckskraft, der Intensität und poetischen Verdichtung von Tellkamps Romansprache – über dieses Gedicht-Buch nicht sehr erstaunt sein.
Suche nach der blauen Blume
«Nach innen geht die geheimnisvolle Reise», heisst es einmal bei Novalis. Wenn Tellkamp mit dem Satz «Wir reisen nach innen» die berühmte Formel des romantischen Dichters beinahe wortgetreu zitiert, outet er sich selber als verkappter Romantiker. Nicht minder deutet die in der namenlosen Stadt allgegenwärtige Farbe Blau in diese Richtung: Sie lässt an die Romantik, ihre Suche nach der blauen Blume denken. Auch sonst ist Tellkamps namenlose Stadt nicht auf Sand, sondern auf Literatur gebaut. Allein schon die Namen verschiedener Figuren: Der Kastellan des Archivs heisst Prospero, eine Versicherungsmaklerin Zenobia Quichotte, die Architektin in der Hafen-City Penelope. Und auch der Baron von Münchhausen oder Scheherazade kommen in dem Buch vor. Und so wie Tellkamp literarische Gestalten wiederauferstehen lässt, so erleben auch reale Menschen ihre Resurrektion: Mozart lebt, der Admiral Nelson desgleichen.
Und das lyrische Geschehen? Ist ein bisschen undurchsichtig und im Grunde Nebensache, es verschwindet fast unter den fantastischen Blüten der Imagination, den Kapriolen der Sprache. Denn dies ist das Buch vor allem: ein ausgelassenes, virtuoses Sprach-Spiel, das an den Mitspieler und Leser stellenweise enorme Anforderungen stellt. Über seine fantastisch-hermetischen Bilder und verrätselten Anspielungen dürfte sich künftig noch so mancher germanistische Dechiffrierkünstler den Kopf zerbrechen.
Das buch Uwe Tellkamp: Reise zur blauen Stadt, Insel-Verlag, Frankfurt 2009, 110 S., Fr. 22.90.
> (Der Bund)
Erstellt: 22.09.2009, 01:15 Uhr




