Zeitung heute

Swingende Mundart

Von Ane Hebeisen. Aktualisiert am 26.01.2011

Die Band Chantemoiselle um die Sängerin Myria Poffet bewegt sich erstaunlich elegant zwischen Mundart-Swing und Cüpli-Chanson.

Zwischen Mundart-Swing und Cüpli-Chanson: Myria Poffet. (zvg)

Zwischen Mundart-Swing und Cüpli-Chanson: Myria Poffet. (zvg)

Mit Marktlücken ist das immer so eine Sache. Einerseits schreien sie danach, gestopft zu werden, andererseits gibt es vielleicht gute Gründe dafür, dass da noch gewisse Löcher klaffen. Vermutlich hat es auch einen guten Grund, warum bisher noch niemand auf die Idee gekommen ist, den Chanson-Swing und den Cabaret-Jazz ins Berndeutsche zu übersetzen; zu gross die Gefahr, ins Beromünster-Schubidu-Fach abzustürzen, zu gross die Bedenken, ob sich dafür ein Publikum findet, das über den Kreis einiger lokaler Cüplibar-Betreiber hinausgeht. Myria Poffet hat mit ihrem Projekt Chantemoiselle all dies gewagt, und der Umstand, dass sie bei ihrer Plattentaufe die Mühle Hunziken locker ausverkauft, räumt zumindest schon einmal letzteren Zweifel aus dem Weg.

Es gibt zwei weitere Gründe, warum ihr musikalisches Abenteuer als geglückt betrachtet werden kann. Myria Poffet bedient eine Stimme, die selbst dann nicht belanglos wird, wenn das Liedgut mal im etwas Seichten dümpelt. Und sie weiss eine Band im Rücken, die der ganzen Sache die nötige Tiefenschärfe verpasst. Da ist der sachdienliche und doch stets fintenreiche David Elias am Schlagzeug, da ist der stilsichere Cabaret-Pianist Willy Schnyder und da ist der frenetische Tieftöner Michel Poffet – der wohl einzige headbangende Jazz-Kontrabassist der Welt. Eine Band, die alles kann, und auch wenn bei Chantemoiselle oft das Naheliegende gefragt ist, vermögen diese drei Herren diesem eine würdevolle Eleganz zu verpassen.

Zu alledem kann Myria Poffet auf einen illustren Freundeskreis zurückgreifen: Leute wie Büne Huber, Trummer oder Michael von der Heide haben ihr für ihre unbetitelte Debüt-CD (Chop Records/Phonag) Liedtexte geschrieben. In der Mühle Hunziken wird zudem eine beachtliche Schar an Gastmusikern, Solisten und Duett-Partnern aus dem Hinterbühnenbereich auf die Bühne gerufen, darunter sind musikalische Schwergewichte wie der Trompeter Thomas Knuchel, der Geiger Simon Heggendorn oder die singende Stimmungskanone Bruno Dietrich.

Die Welt der Chantemoiselle ist zuweilen aber doch etwas gar unverblüffend: Paris ist hier wie überall sonst die «Stadt der Liebe», Argentinien «das Land der Leidenschaft», und in New York finden sich die «verrauchten Jazzclubs». Und wenn die Chantemoiselle keck sein will, dann singt sie über Katzen («miaaauuu»), über ihre Frisur oder über einen uninteressanten Barpianisten. Am stärksten ist diese berndeutsche Barmusik dann, wenn sich Myria Poffet mit Haut und Seele dem Weltschmerz hingibt und mit ihrer Band zu hoffnungslosen, versoffenen Jazzballaden ansetzt. Lieder wie «Bitternacht», «Hut und Haar» oder das betörende «Melancholie in Moll» haben dermassen Stil und Fröstel-Potenzial, dass man sich wünschen würde, die Bernerin würde sich konsequenter aufs Fatale und Tiefgründige anstatt aufs Augenzwinkernde konzentrieren. Aber auch so hat die Chantemoiselle beste Voraussetzungen, zum nationalen Liebchen für jene Endverbraucher zu werden, die der stumpfen Popmusik abgeschworen, am allzu komplizierten Jazz indes noch keinen Gefallen gefunden haben. (Der Bund)

Erstellt: 26.01.2011, 10:54 Uhr

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