Zeitung heute
Camper, Cowboys, Clandestinos
Von Daniel Di Falco. Aktualisiert am 04.09.2009
Links
Die Veranstaltung
Bis 27. September. Vernissage heute 18.30 Uhr, Kirchenterrasse am Ring.
Man muss schon genau hinsehen, um die Risse in diesem Idyll zu entdecken. Im Idyll der Familie Davis, die in den Weiten Oregons ihre Rinder aufzieht, währschafte Klösse aus der Suppe löffelt, mit dem Pickup zum Tanz fährt und nach getanem Tagwerk in ihre gemütlich zerwühlten Betten fällt. Vater Paul, Mutter Tony, ihre fünf Kinder und der Verwalter Mike – ein kleiner Kosmos, in dem sogar das Leben der Kojoten harmonisch rund verläuft: Sie streunen herum, werden erschossen und kommen ins Wohnzimmer, als Fellbalg auf den Haken über dem Hometrainer.
Aber wozu brauchen Cowboys einen Hometrainer? Es sind solche Momente, die am amerikanischen Mythos kratzen, den die Fotografien von Christian Lutz zunächst vorspiegeln: Das hier ist nicht der Wilde Westen, in dem die Zeit stehen geblieben ist – das sind die USA der Gegenwart. Das Tagwerk dieser Familie ist Schufterei, ihr Leben am Rand der Wüste einsam, ihre Zukunft alles andere als heiter. Und irgendwann wird einem diese enge Gemeinschaft gar zu eng: Lutz hat die Cowboys in lauter Quadratformate gezwängt.
Graue Zeiten in «Kodak City»
«Outwest», die Reportage über die Familie Davis, bricht das Marlboro-Klischee an der Realität. Dabei strahlt aus diesen Bildern das Licht in einer Klarheit, wie es nur die Wüste hervorbringt. Und die Farben: prächtig wie auf alten Werbepostern von Kodak.
Kodak übrigens – auch den Niedergang des Farbfilm-Imperiums sieht man in Biel. Catherine Leutenegger hat Rochester besucht, die «Kodak City», und die ist ganz grau. Unter einem trüben Himmel liegen leere Parkplätze, leere Wohnhäuser, leere Läden. Und drinnen, in den Lobbys, Büros und Labors von Kodak: Menschen, denen man die Sorgen vom Gesicht lesen kann. Die Digitalisierung der Fotografie hat nicht nur diesen Konzern in die Krise gebracht, sondern auch die Stadt, die von ihm abhängt.
Die Bieler Fototage sind kaum wiederzuerkennen. Jedenfalls nach der letztjährigen Ausgabe, die sich ganz der inszenierten Fotografie verschrieben hatte: lauter Kunst, die sich hermetisch mit sich selbst beschäftigte. Und mit der längst unfruchtbar gewordenen Frage nach der Konstruiertheit und Künstlichkeit des fotografischen Eindrucks, einem Exerzitium, an dem sich höchstens noch Kunststudenten und Medientheoretiker freuen können.
Im Kern politisch
«Bande à part» heisst jetzt das Thema. Das meint zunächst den Einzelnen und seine Beziehung zur Gesellschaft und ist so unverbindlich weit gefasst, wie man es von den Fototagen kennt. Doch steckt darin ein Kern, an dem sich in den 26 Ausstellungen des Festivals immer wieder Entscheidendes kristallisiert: die eigentlich politische Frage nach den Verhältnissen, unter denen die Menschen ihr Leben führen. So dürfen die einen campieren, während andere müssen: Mathieu Gafsou zeigt Touristen beim Zelten im saftigen schottischen Grün, Christophe Chammartin dagegen die klandestinen Arbeiter und ihre Plastikhütten in der Treibhauswüste Andalusiens.
Derweil beobachtet Meinrad Schade die Besucher eines indischen Tempels, die ihr Haar den Göttern und den westlichen Friseuren spenden. Charles Fréger erforscht, was Uniformen von Individuen übrig lassen. Und Martin Kollar steigt ins Innere der EU und gewinnt dem anonymen Apparat Momente individueller Komik ab.
Das Stativ im Gras
Kurzum: Es gibt in Biel viel Interesse an der Gegenwart da draussen, an den gesellschaftlichen und ökonomischen Realitäten. Und wenn dieses Biel ein Gradmesser für das ganze Fotoschaffen ist, zumal 2009 mehr als bisher arrivierte und internationale Namen im Programm sind, dann ist mit der Zeit der sterilen Studioexperimente vielleicht wirklich Schluss.
Wer will, kann die Frage nach der Selbstbezüglichkeit der Kamera auch so weiterverfolgen. Auf einem Bild vom Hof der Familie Davis sieht man das Stativ, das der Fotograf im Gras vergessen hat. (Der Bund)
Erstellt: 04.09.2009, 10:19 Uhr



