Am Kap der verlorenen Hoffnung

Ein Erstling, der durch tiefe Menschenkenntnis besticht, durch kompositorische Klugheit und eine fast

altmeisterliche Sprache: Der Deutsche Stephan Thome hat in Taipeh einen Roman über seine Heimat geschrieben.

Den Namen hat noch niemand zuvor gehört. Stephan Thome ist Experte für chinesische Philosophie und lebt seit vier Jahren in Taipeh, der Hauptstadt Taiwans. Dort, denkbar weit weg von seiner Heimat, hat Stephan Thome genau über diese einen Roman geschrieben. Über das fiktive Bergenstadt im Hessischen, dem wirklichen Biedenkopf, Thomes Geburts- und Kindheitsort, eng nachempfunden. In Biedenkopf wie in Bergenstadt findet alle sieben Jahre ein dreitägiges Volksfest statt, der «Grenzgang», der an ein historisches Geschehen anknüpft und es ins Folkloristische und Bierselige umbiegt.

Warum schreibt ein Sinologe am anderen Ende der Welt über hessische Wander-, Trachten- und Trink-Rituale? Weil er womöglich nur aus der äussersten Ferne nah und scharf genug sehen kann, was an diesen Ritualen interessant ist – und über sie hinaus weist. Und wie Stephan Thome darüber schreibt, gibt Anlass zum Staunen. Es handelt sich immerhin um ein Romandebüt.

Illusionsloser Blick aufs Leben

Unheimlich geradezu, wie dieser 37-jährige Wissenschaftler sich in das Lebensgefühl von Mittvierzigern einfühlen und einschreiben kann, deren Lebensentwürfe zu Bruch gegangen sind. Da ist Thomas Weidmann, einst ein aufstrebender Historiker, der nach der Habilitation seine Stelle in Berlin verloren hat und nun am Gymnasium seines Heimatortes unterrichtet; alleinstehend, einschlägige Begegnungen organisiert er mithilfe des Internets. Und da ist Kerstin Werner, geschieden, ohne Arbeit und Einkommen; im Haus der Sohn, verschlossen und stachlig, wie Sechzehnjährige sein können, sowie die halb demente Mutter. Die einzige Freundin wohnt Hunderte Kilometer entfernt und hat gerade Kerstins Geburtstag vergessen.

Der illusionslose Blick, den Thomas und Kerstin auf ein Leben werfen, das zu führen und auszuhalten ist, aber überhaupt nicht dem entspricht, was sie einmal gewollt haben: Der tut weh, selbst beim Lesen, weil sich hier ein hoher Grad von Intelligenz und Durchblick mit der Einsicht verbindet, dass gerade diese Qualitäten nicht unbedingt bei der Lebensbewältigung hilfreich sind. Warum ist er gescheitert, fragt sich Thomas. War er doch nicht ehrgeizig genug, oder nur ehrgeizig in der phlegmatischen Bergenstädter Variante, die «vor allem der Form genügen und sich ein gutes Gewissen für den Fall des Scheiterns erarbeiten wollte?» Und warum setzt Kerstin nicht ihren alten Traum vom eigenen Tanzstudio um? Wegen der Umstände, der Geldknappheit, weil die Realisierung aus «zu vielen kleinen Schritten» besteht – oder weil sie sich ihren Traum lieber unangetastet bewahren möchte?

Diese beiden Figuren «am Kap der verlorenen Hoffnung» platziert Stephan Thome nun mitten in den Lärm, die wogende Menge und den Bierdunst des Grenzgangs. Etlicher Grenzgänge: Wie mit Siebenjahresstiefeln springt der Autor von den beiden Schlüsseljahren 1999 (da kehrt Thomas aus Berlin zurück, da zerbricht Kerstins Ehe ) und 2006 (da finden Thomas und Kerstin vorsichtig zueinander) zurück in die Vergangenheit und voran in die Zukunft. Er gibt seinen beiden psychologisch so fein gezeichneten Helden (und den ebenso scharf konturiert und farbensatt gemalten Nebenfiguren) nicht nur eine zusätzliche gesellschaftliche Dimension, sondern erweitert sie gewissermassen auch zeitlich.

Wie einer war und sein wird, sagt viel aus darüber, wie er ist: Mit diesem Kunstgriff erweist sich der literarische Debütant ohne alle Besserwisserei als ein Meister der Form. Einer, der den Rahmen des Grenzgangs ganz unaufdringlich auch symbolisch begreift. Zum einen, weil die Figuren im Lauf des Geschehens ihre eigenen Grenzen ausschreiten, austesten und verlegen (wie früher die bösen Nachbarn der Bergenstädter deren Grenzsteine); zum anderen, weil die tollen Tage immer wieder eine verrückte Hoffnung nähren: Das alles auch ganz anders sein könnte.

Und diese Hoffnung überlebt sogar die organisierte Spiessigkeit der männerbündlerischen Aufmärsche, der popotätschelnden Anmache und der organisierten Besäufnisse. Sie verwandelt sich, vielleicht gerade in der Atmosphäre des Ausser-sich-Seins, in Mut und Aktivität. Der Grenzgang ist für den Romancier ein gefundenes Fressen: Hier kann er dramatisch verdichten und verwandeln, was sich sonst episch verlaufen würde.

Wer diesen Debütroman liest, der überraschend, aber völlig berechtigt auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis steht (und ihn sogar gewinnen könnte!), dem könnte der freudige Seufzer entfahren: Nein, unser Alltag ist noch nicht zu Tode geschildert, nein, unser Deutsch ist noch nicht ausgeschrieben. Was Thome dem Mit- und Gegeneinander von Eheleuten, Eltern, Freundinnen und Kollegen an Nuancen und Einsichten abgelauscht hat; was er an Formulierungen, Vergleichen und Metaphern dafür findet, das reiht ihn gleich unter die besten Autoren seiner Altersklasse ein.

Ein reifes literarisches Debüt

Beispiele gefällig? Kerstins Ex-Mann fährt mit einem protzigen Wagen vor: «Die Art von Auto, mit der man eine Midlife-Crisis bekämpft, bevor sie sich einstellt.» Das Selbstbewusstsein von diesem Jürgen, den sie doch mal geliebt hat, ist, wie sie jetzt feststellt, «eigentlich nur eine Leihgabe der Umgebung». Kerstin sucht ihren Sohn in seinem Zimmer auf. «Dieses Zimmer sagt: Mir geht’s nicht gut. Nur das. Es sagt nicht: Hilf mir.» Thomas Weidmann trifft bei seiner Internet-Partnersuche überwiegend auf Frauen jenseits der Vierzig, finanziell unabhängig und beruflich erfolgreich, «die, wenn sie ins Erzählen kommen, eine Illusionslosigkeit offenbaren, eine Vertrautheit mit Enttäuschungen, dass er sich daneben vorkommt wie ein Erstsemester im Nebenfach Leben». Und dann hinein ins pralle Grenzgang-Vergnügen: «Spass. Der füllte das Festzelt wie Blut eine verstopfte Arterie.» So geht es über 450 Seiten, mit nur wenig Längen, aber vielen, vielen scharfsinnigen Beobachtungen und glänzenden Formulierungen.

Literarische Debüts fallen in der Regel durch Frische und Unbekümmertheit auf und die Dringlichkeit des Erzählenmüssens. Ein Erstling aber, der durch tiefe Menschenkenntnis besticht, durch kompositorische Klugheit und eine fast altmeisterliche Sprache, kurz: durch Reife – das ist sehr selten. Hier ist es der Fall.



Das Buch Stephan Thome: Grenzgang. Roman. Suhrkamp, Frankfurt 2009. 454 S., Fr. 40–.





> (Der Bund)

Erstellt: 10.10.2009, 01:16 Uhr

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