Wolle, die vor der Sonne schützt
Von Mireille Guggenbühler. Aktualisiert am 20.07.2009
Matthias Simmen (links) und Otto Brechbühl: 200 Kubikmeter Schafwolle eingebaut. (Beat Schweizer)
Die Hitze flirrt über dem schwarzen Asphaltplatz vor dem Haus. Matthias Simmen und Otto Brechbühl warten an der gleissenden Sonne, die Hände in den Hosentaschen. «Gehen wir hinein, da ist es schön kühl», sagt Matthias Simmen. Keine Klima-Anlage und auch keine schattenspendenden Rollläden sorgen in Simmens künftigem Klavier-Atelier für die angenehme Temperatur, sondern Wolle. Allerdings nicht Mineralwolle, die man zum Dämmen von Häusern üblicherweise braucht. Das neu gebaute Dreifamilienhaus in Thun ist in 200 Kubikmeter Schafwolle eingepackt – 40 Zentimeter dick ist diese Fassadenisolation. Dafür mussten 4500 Schafe ihr Fell lassen. Die Wolle hat zwei Sattelschlepper gerade schön gefüllt.
Matthias Simmen, der Klavierbauer aus Thun und Otto Brechbühl, der unermüdliche Kämpfer für Schafwollverwertung aus Guggisberg: Hier haben sich per Zufall zwei gefunden, deren Wege sich ohne den Neubau des Hauses Simmen wohl kaum je gekreuzt hätten. Eine Kundin, die von Simmens Dämmplänen mit Wolle hörte, verwies ihn auf Otto Brechbühl.
Brechbühl liess sich nicht zwei Mal bitten: Das Dreifamilienhaus an der Kyburgstrasse ist mittlerweile zu seinem Vorzeigehaus geworden. Es ist der erste Neubau in der Schweiz, der in reine Schafwolle (ohne Stützfasern) gepackt wurde.
Wolle heizt und kühlt nicht
«Schafwolle heizt nicht und kühlt nicht, sondern hält ihre eigene Standtemperatur. Deshalb können Schafe auch bei der grössten Kälte und bei der grössten Hitze draussen sein», erklärt Otto Brechbühl. Wolle könne zudem bis zu 33 Prozent ihres Gewichts an Feuchtigkeit aufnehmen – ein Vorteil gegenüber herkömmlichen Dämmstoffen, wie Brechbühl sagt. Letztere müssten fast immer mit einer sogenannten «Dampfbremse» – einer Folie – gegen Feuchtigkeit geschützt werden. Und: Schafwolle bindet Giftstoffe wie Formaldehyd und soll gar gegen Elektrosmog schützen. Wenn Brechbühl über die «herausragenden» Eigenschaften von Schafwolle spricht, gerät er in Fahrt. Und auch etwas ins Schimpfen: Er ist überzeugt, dass sich der Absatzmarkt von Schafwolle verbessern liesse, wenn der Staat etwas weniger eingreifen und der Schafzuchtverband «werbemässig» etwas mehr für das Produkt Wolle machen würde. Zurzeit subventioniert der Bund die Verwertung der Schafwolle mit 600 000 Franken pro Jahr. Für die Schafhaltung werden zusätzlich 30 bis 40 Millionen Franken an Direktzahlungen ausgeschüttet. «Wenn das Geld für Schafwolle einfach so fliesst, dann kümmert die Vermarktung kaum jemanden». Zu viel Subvention verhindert Innovation – da ist sich Brechbühl sicher.
Wolle im Fokus der Wissenschaft
Umso mehr will er sich selber für die Schafwolle einsetzen, zitiert aus Untersuchungen und legt eine Studie des Deutschen Wollforschungsinstitutes auf den Tisch. Sie beweist, dass Schafwolle als Dämmstoff das Raumklima verbessert und Innenraum-Schadstoffe, vorab Formaldehyd, zu binden vermag. In der Schweiz ist ein entsprechender Versuch denn auch gelungen: In einem Schulhaus der Sekundarschule Frauenfeld wurden überhöhte Formaldehydwerte festgestellt. Der Einbau von Schafwollmatten und -vlies liess die Werte innert kürzester Zeit «massiv unter die Richtwerte des Bundesamtes für Gesundheit sinken», schreiben die Frauenfelder Behörden in einer Medienmitteilung.
Brechbühl selber arbeitet mit österreichischen Firmen zusammen. Er schickt die gesammelte Wolle aus der Region nach Österreich ins Ötztal. Dort wird sie gewaschen, anschliessend im Villgratental zu Dämmmaterial verarbeitet. Ökologisch ist die Reise der Schafwolle aus dem Kanton Bern nach Österreich wohl kaum sinnvoll. Dafür stimme die Qualität, sagt Brechbühl dazu. In der Schweiz gebe es nur zwei Firmen, die Isolationsmaterial aus Schafwolle herstellten. «Die einen mischen zusätzlich künstliche Stützfasern bei, die anderen verwenden Moorsalz als Mottenschutz – das taugt nichts», sagt Brechbühl bestimmt. Die Motten sind es denn auch, die der Schafwolle zwischen den Hauswänden im schlimmsten Fall den Garaus machen könnten. Aus diesem Grund wurde das entsprechende Dämmmaterial vor dessen Einbau gegen Motten behandelt.
Wolle macht Haus «behaglich»
Simmen selber findet es in seinem neuen Haus «behaglich und angenehm». Das Raumklima stimme, sei ganz anders als im früheren Bau, der an exakt derselben Stelle gestanden hat. Im ehemals «tropfnassen» Parking ist es laut Simmen seit der Schafwollisolation trocken.
Noch stehen an Matthias Simmens künftigem Arbeitsort Kisten herum – im oberen Teil des Erdgeschosses will sich Simmen den Klavieren seiner Kunden widmen, unten soll es einen Ausstellungsraum geben. Und ganz zuoberst im Haus bewohnt Simmen mit seiner Familie eine Dachwohnung. Simmens Haus ist nicht nur mit Schafwolle isoliert, es ist auch ein zertifiziertes Haus – er darf als vierter Bauherr im Kanton Bern, den Zusatz «nach Minergie-P-Eco-Standard gebaut» verwenden. Etwas weniger fachlich ausgedrückt bedeutet dies, dass sein Haus energieeffizient ist sowie nach gesundheitlichen und ökologischen Kriterien gebaut wurde.
Simmen hat sogar darauf geachtet, dass sich die Elektroleitungen nirgends überkreuzen, um «Spannungsfelder» zu vermeiden, wie er sagt. Und als Klavierbauer war ihm die «Klangharmonie» in den Räumen wichtig. Wegen der Schafwolle habe er die Zertifizierung beinahe nicht erhalten, sagt Simmen. «Zu wenig bekannt, zu wenig Erfahrung damit», erklärt er sich die anfängliche Skepsis der Behörden gegenüber der Schafwollisolation. Erhalten hat er die Zertifizierung dann doch noch. Klar, dass ein solches Haus seinen Preis hat. Doch den behält Simmen für sich.
Sicher ist: Schafwolle ist um 20 Prozent teurer als herkömmliches Dämmmaterial. Doch das Argument wischt der wirblige Otto Brechbühl mit einer Handbewegung weg: «Dafür braucht es keine Folie als Dampfbremse. Dies gleicht den Preis fast aus.» (Der Bund)
Erstellt: 20.07.2009, 08:50 Uhr



