Zeitung heute

«Türe zur Selbstständigkeit»

Von Anita Bachmann. Aktualisiert am 29.06.2009

Die Stiftung Zugang für alle setzt sich dafür ein, dass moderne Technologien auch für Behinderte zugänglich sind. Sinnvoll programmierte Internetseiten öffnen Blinden den Zugang zu Informationen, an die sie sonst nicht gelangen.

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Der Bildschirm des Laptops ist nur halb aufgeklappt. René Jaun ist blind und braucht deshalb nicht zu sehen, was auf dem Bildschirm steht, wenn er im Internet surft. Was es zu lesen und zu sehen gibt, verkündet ihm eine synthetische, monotone Stimme über Lautsprecher. Alternativ kann Jaun die Informationen des Bildschirmlesers, zum Beispiel wo er sich gerade in der Menüliste seines Computers bewegt, auch über die Braillezeile lesen. Dieses Gerät übersetzt Texte in die Blindenschrift, die er mit den Fingern ertasten kann. «So kann ich E-Mails lesen, mein Facebook-Profil betreuen, die Steuererklärung ausfüllen oder für diese eine Fristverlängerung beantragen», sagt Jaun.

«Hier»- und «Mehr»-Links

Wenigstens sei er als Blinder nicht ständig im Internet, habe einmal eine alte Frau zu ihm gesagt. «Internet ist aber unter Umständen die Türe zur Selbstständigkeit», sagt Jaun. Mehr als andere Leute seien Blinde darauf angewiesen, an Informationen zu gelangen, die sie sonst nicht sehen könnten. Doch auch im Internet scheint es nicht einfach zu sein, an die gewünschten Informationen heranzukommen. Jaun hat eine Nachrichtenseite aufgerufen, und die synthetische Stimme liest die Informationen in der Reihenfolge, wie die Seite als Datei in der Programmiersprache HTML aufgebaut ist. «Wir sind bereits ein paar Minuten auf der Seite. Bei der Schlagzeile, die Sehenden in den ersten Sekunden ins Auge springt, bin ich noch nicht angekommen», sagt er. Das müsste aber nicht so sein, weiss Jaun. Er ist Accessibility-Spezialist und testet Internetseiten für die Stiftung Zugang für alle.

Seien beispielsweise Überschriften als solche deklariert und nicht nur fett und gross dargestellt, könne er mit einer Hilfsfunktion gezielt danach suchen. Wenn in der Programmierdatei zu den Links nicht nur «hier», «mehr» oder «zur Meldung» stehen würde, sondern die Information, wohin der Link tatsächlich führe, würde er auch für Blinde brauchbar, erklärt Jaun. Das gleiche gilt für Grafikelemente: Statt einer hilfreichen Information liest die synthetische Stimme als Alternativtext eine unmögliche Kombination aus Zahlen, Buchstaben und Satzzeichen vor. Um was für eine Grafik es sich handelt, bleibt Blinden damit verborgen.

Der Teufel wäre ein PDF

Die Stiftung Zugang für alle setzt sich dafür ein, dass moderne Technologien auch für Behinderte zugänglich sind. Dabei gehe es nicht nur um Blinde, sondern um verschiedene Arten von Behinderungen und auch um ältere Menschen, sagt Markus Riesch, Ko-Geschäftsleiter der Stiftung Zugang für alle. Auch Hörbehinderten, Menschen mit kognitiven oder motorischen Behinderungen könnte mit zusätzlichen Elementen, einem einfachen Aufbau oder der Geräteunabhängigkeit der Zugang zum Internet ermöglicht werden. Gemäss Zahlen der Weltgesundheitsorganisation WHO sind 15 Prozent der Bevölkerung behindert.

In der Schweiz gilt seit 2004 das Behindertengleichstellungsgesetz. Internetseiten barrierefrei zu gestalten, sei aber nicht nur aus rechtlichen Überlegungen sinnvoll: «Barrierefreie Seiten sind besser verschlagwortet und können von Suchmaschinen einfacher gefunden werden, sie können neue Technologien besser adaptieren und 30 Prozent mehr Besucher erreichen.» Um das Internet sinnvoll nutzen zu können, müssten aber noch andere Stolpersteine aus dem Weg geräumt werden. «Ich kann zwar meine Steuererklärung im Internet ausfüllen, aber mein versteuerbares Einkommen kann ich auf dem Lohnausweis nicht lesen», sagt Jaun. Der gescannte Lohnausweis, übersetzt vom Bildschirmleser, ergibt einen langen Zahlen- und Buchstabensalat. Wo sich die gesuchte Zahl versteckt, lässt sich nicht ausmachen. Die gleichen Probleme bieten PDF-Dokumente, die beim E-Government häufig eingesetzt werden. «Würde der Teufel wiedergeboren, dann wäre er ein PDF», sagt Jaun. Es sei nicht einfach, aber wenn Verwaltungen mit gutem Beispiel vorangehen würden, müsste die Privatwirtschaft nachziehen. (Der Bund)

Erstellt: 29.06.2009, 10:36 Uhr

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