Santésuisse provoziert den Kanton

Das Spital Thun ist für die Kantonsbehörden ein Vorzeigespital. Nun schlägt Santésuisse, der Branchenverband der Krankenversicherer, vor, im Berner Oberland nur noch ein Spital zu betreiben: jenes in Interlaken.

Ein «innovatives Spital» mit «unternehmerisch denkenden Führungskräften»: Vorzeigespital Thun. (Franziska Scheidegger)

Ein «innovatives Spital» mit «unternehmerisch denkenden Führungskräften»: Vorzeigespital Thun. (Franziska Scheidegger)

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Als «provokativen Vorschlag» bezeichnet Annamaria Müller den Vorschlag von Santésuisse, in ferner Zukunft das Spital Thun zu schliessen und stattdessen auf das Spital Interlaken zu setzen. Müller ist Vorsteherin des kantonalen Spitalamts, und sie ist es sich gewohnt, dass «uns zurzeit ganz viele Vorschläge erreichen, wie wir die Gesundheitskosten im Kanton Bern senken könnten. Zum Teil gehen die Vorschläge 180 Grad auseinander.» Sie ist deshalb nicht erstaunt über die Idee von Santésuisse, von der sie allerdings «zum ersten Mal» via «Bund» erfährt. Vergangene Woche wurde bekannt, dass die Krankenkassenprämien – einmal mehr – schweizweit gewaltig ansteigen werden. Im Kanton Bern um satte 11,5 Prozent. Regierungsrat Philippe Perrenoud (sp) räumte an einer gleichentags einberufenen Medienkonferenz ein, dass die hohen Spitalkosten zu Lasten der Krankenkassen im Kanton Bern mit dafür verantwortlich sind, dass die Prämien so hoch sind.

Gute Spitalverteilung erwünscht

Santésuisse ist der Branchenverband der Krankenversicherer. Und aus der Sicht des Verbandes ist eines klar: «Je mehr Spitalbetten und Spezialärzte es in einem Kanton hat, desto höher fallen die Gesundheitskosten aus», sagt Santésuisse-Sprecher Felix Schneuwly. Dies würden die Kostenvergleiche der einzelnen Kantone zeigen. Bei Santésuisse sieht man deshalb zwei Möglichkeiten für den Kanton Bern, die hohen Kosten zu reduzieren. Die erste, planerische Variante bestünde in einer «guten regionalen Verteilung der Spitäler im ganzen Kanton». Eine gute Verteilung einzelner Spitäler heisst so viel wie: Nicht in jeder Gegend im Kanton Bern braucht es aus der Sicht von Santésuisse noch ein Spital. Für die medizinische Grundversorgung des Berner Oberlands beispielsweise würde laut Santésuisse theoretisch das bestehende Spital in Interlaken genügen. Patienten aus der Region Thun, so Schneuwly, könnten dann nach Bern in ein Spital fahren.

Nun ist aber just das Spital Thun mittlerweile zum Vorzeigespital des Kantons geworden. Das Regionalspital gilt als «innovativ», als ein Spital, dessen Führungskräfte «sich aktiv darum bemühen, mit den Herausforderungen der Zukunft umzugehen», wie es Spitalamtsvorsteherin Annamaria Müller formuliert. «Im Spital Thun lehnt man sich nicht zurück, sondern denkt unternehmerisch», sagt sie weiter. Schon nur aus diesem Grund empfinde sie den Vorschlag von Santésuisse eben als «provokativ – doch ich habe provokative Ideen gern, sie zwingen einen zum Nachdenken.» Müller ist allerdings überzeugt, dass man diesen Vorschlag bei der Gesundheitsdirektion nicht ernsthaft diskutieren wird. «Vorschläge zur Kostensenkung sind zwar willkommen, wir sind aber nicht verpflichtet, diese Vorschläge umzusetzen. Regierungsrat Philippe Perrenoud hat zudem klar gemacht, dass er die Spitallandschaft nicht mit der Axt umbauen will.»

Santésuisse-Sprecher Schneuwly selber bezeichnet das Spital Thun ebenfalls als «ein innovatives Spital – in verschiedener Hinsicht». Ungeachtet dessen verweist er auf die nötige Senkung der zu hohen Spitalkosten im Kanton Bern: «Würde man regionale Kriterien spielen lassen bei der Auswahl der Spitäler, die es künftig wirklich noch brauchen würde, dann sprächen diese Kriterien gegen Thun.»

Schneuwly führt noch eine zweite,«aus unserer Sicht bessere», Kostensenkungsvariante ins Feld. «Wenn man ab 2012 in Fallpauschalen abrechnet, dann wird der Wettbewerb entscheiden, welche Spitäler überhaupt noch überleben können. Sofern man im Kanton Bern den Wettbewerb spielen lässt.» Und wenn er nicht spielt? « Wenn der Kanton indes nicht nur 55 Prozent jeder Fallpauschale übernimmt, sondern auch noch hilft, die Defizite eines Spitals zu decken, dann werden auch nicht rentable Spitäler weiter überleben. Entsprechend werden die Kosten im Kanton Bern nicht sinken. Die Prämienzahlenden werden sich dann aber nicht mehr finanziell an Überkapazitäten beteiligen.» Ab 2012 werden schweizweit nicht mehr Spitaltage abgegolten, sondern Pauschalen für bestimmte Krankheitsdiagnosen verrechnet.

Felix Schneuwly ist überzeugt, dass im Kanton Bern «regionalpolitische Überlegungen» bei der künftigen Gestaltung der Spitallandschaft eine grosse Rolle spielen werden. «Ich weiss von Mitarbeitern kleinerer Spitäler im Kanton Bern, die sich schon sicher sind, dass der Kanton ihr Spital aus regionalpolitischen Gründen nicht eingehen lassen wird.» Für Schneuwly ist auch klar, weshalb dies «mit grosser Wahrscheinlichkeit» tatsächlich so kommen könnte: «Gesundheitsdirektoren, die Spitäler nicht schliessen, werden wiedergewählt. Gesundheitsdirektoren, die Spitäler schliessen, werden abgewählt.»

Kanton will «ausgewogene Liste»

Spitalamtsvorsteherin Müller findet, dass die Spitalliste 2012 des Kantons Bern «ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Stadt und Land, privaten und öffentlichen Spitälern» aufweisen müsse. Ohne einschneidende Massnahmen, sagt sie, liessen sich die Kosten aber nicht senken. Allerding sei die Haltung vieler Prämienzahler etwas seltsam: «Wenn die Prämien steigen, heisst es, der Kanton macht seine Hausaufgaben nicht. Schlagen wir die Schliessung eines Spitals vor, zögert aber dann niemand, darüber zu jammern», so Müller. (Der Bund)

Erstellt: 07.10.2009, 08:21 Uhr

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