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Fünf Pässe in den Beinen
Von Claudia Badertscher. Aktualisiert am 10.08.2009 1 Kommentar
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Wer müde, schlappe Gestalten erwartet, die zitternd an ihren Velos hängen, ist im Zielraum des Alpenbrevets in Meiringen am falschen Ort. Stattdessen: gut hundert zwar völlig verschwitzte und vom Regen durchnässte, aber übers ganze Gesicht strahlende Gestalten in knallbunten Trikots. Im Minutentakt treffen neue Fahrer ein, bei jedem wird geklatscht, man gratuliert sich gegenseitig. Obwohl alle gerade 10 Stunden und mehr über steile Alpenpässe gestrampelt sind, sind sich die Eintreffenden einig: «Es ist der Hammer.»
Wer sich für die Alpenrundfahrt anmeldete, konnte zwischen drei Routen wählen. Das höchste Prestige geniesst die «Platin-Tour» über 276 Kilometer und 7031 Höhenmeter: von Meiringen über Grimsel, Nufenen, Lukmanier, Oberalp, Susten und wieder zurück nach Meiringen. Die drei Strecken sind so konzipiert, dass sich die Fahrer unterwegs entscheiden können, ob sie abzweigen wollen. So biegt die zweitlängste oder die «Gold-Tour» bei Airolo links ab, umgeht Lukmanier und Oberalp, führt dafür aber über den Gotthard. Sie umfasst 5294 Höhenmeter. Bei der kleinsten, oder besser gesagt der am wenigsten langen Runde, der «Silber-Tour», gilt es immer noch drei Alpenpässe und 3975 Meter Höhendifferenz zu überwinden. Sie passiert Grimsel, Furka und Susten.
Der Susten ist der härteste Pass. Darin sind sich die im Zielraum Versammelten einig. Kilometerlang geht es dort kerzengerade bergauf. «Das geht an die Nieren», sagt Hans-Jörg Nydegger aus Rosshäusern. Das Schlimmste: «Man sieht immer schon, wie enorm weit man noch fahren muss», so der 49-Jährige.
Zentral ist eine intensive Vorbereitung. «So etwas macht man nicht aus dem Stand», sagt Nydegger. Er habe dieses Jahr schon 11000 Kilometer abgespult. Wenn es sein «Bürojob» zulasse, trainiere er fünf bis sechs Mal in der Woche. Zudem ist stetig auf die Ernährung zu achten. Jedes Kilo zu viel muss den Pass hochgeschleppt werden. «Das sind alles sehr, sehr ambitionierte Hobbysportler hier», sagt Marcus Burkard. Der 38-Jährige ist aus München angereist: «Das Alpenbrevet ist der Höhepunkt der Saison, dagegen sind andere Radmarathone ein Schleck.»
Mindestens einmal auf der Fahrt kriegt jeder Fahrer eine Krise. Wenn die Beine schwer werden. Oder die Moral nachlässt. «Bei mir haperte es am Lukmanier», sagt Burkard. Dann müsse man sich auf andere Gedanken bringen. Etwa, indem man an etwas Schönes denke, oder an diejenigen, die im Ziel warteten. Ein anderes Rezept hat Nydegger: «Nach unten schauen. Dann sehe ich, was ich schon alles geschafft habe. Das gibt mir Energie.» Was zudem helfe, sei die gegenseitige Solidarität unter den Radlern. «Da kommt immer wieder einer vorbei und ruft: ,hopp, hopp‘», so Burkard. «Schliesslich machen wir hier alle den gleichen Blödsinn.»
Es ist gerade auch diese Solidarität, die das Alpenbrevet von herkömmlichen Radrennen unterscheidet. Burkard: «Da es keine Rangliste gibt, muss man nicht gegeneinander fahren.» So wird auf der Strecke auch mal ein Schwatz gehalten. Die erste Frage ist jeweils: «Welche Strecke fährst du?»
Ganz ohne Konkurrenz geht es aber auch am Alpenbrevet nicht: «Am Susten habe ich sie doch noch gepackt», sagt Burkard zu einem eben eingetroffenen Kollegen. Gepackt, das heisst in Velofahrersprache: überholt. «Es macht halt Spass, an einem anderen vorbeizuziehen», gibt der Münchner zu. Etwas Taktik sei da schon auch im Spiel. So hole er bei Abfahrten stets sehr viel heraus – bis zu fünf Minuten. Andere seien eher Bergspezialisten.
Taktieren muss man aber vorab sich selbst gegenüber: «Um diese Wahnsinnsstrecke überhaupt zu schaffen, bedarf es einer sehr genauen Einteilung der Energie», erklärt Burkard. Denn das Ziel des Alpenbrevets sei vorab, den Weg zu überstehen. Dazwischenkommen könnte alles mögliche: Übersäuerung, Unterkühlung, ein platter Reifen, andere technische Probleme mit dem Fahrrad oder gar ein Unfall auf den für den Verkehr nicht gesperrten Strassen. «Man weiss nie, ob man ins Ziel gelangt», sagt Hanskaspar Frei aus Gossau, «es ist ein Abenteuer.» Ist das Alpenbrevet-Abenteuer überstanden, bleibt das Gefühl, «es geschafft zu haben», sagt Jens Christian Brockmann aus Deutschland. Der 27-Jährige hat die Platin-Runde in Rekordzeit absolviert. Sein Landsmann Burkard fügt hinzu: «Einen solchen Endorphinschub hatte ich seit Langem nicht mehr.» Die Kollegen zu Hause sagten zwar, er spinne. «Aber so etwas kann halt nur verstehen, wer es selbst erlebt hat.» (Der Bund)
Erstellt: 10.08.2009, 08:59 Uhr





mark herrmann
allen einen grossen respekt! Antworten