Medien zwischen Geld und Geist

Von Daniel Goldstein. Aktualisiert am 18.11.2008

Was bleibt vom Renommee, wenn die Rendite alles diktiert? In den Medien noch weniger als in anderen Branchen, meint der deutsche Journalist und Buchautor Hans-Jürgen Jakobs. An Fallbeispielen zeigt er auf, wie schlecht sich schnelles Geld und schürfender Geist vertragen. Er plädiert für Qualität – auch im Internet und auch mit Staatshilfe.

«Das Prinzip Geist ist Lebensgrund und Lebensbestimmung des Journalismus. Damit ist gemeint: Beobachten, Erforschen, Bewerten und Kritisieren der Wirklichkeit. Es ist die Tradition des Jakob Philipp Siebenpfeiffer. Sie ist politisch, weil sie herrschende Verhältnisse in Frage stellt und Widerspruch organisiert.» Der Autor, der sich auf einen kämpferischen Liberalen des 19. Jahrhunderts beruft und heute das «Prinzip Geist» durch das herrschende «Prinzip Geld» in höchstem Mass gefährdet sieht, dieser Autor ist kein Ewiggestriger, der am liebsten Pamphlete in Bleisatz gösse, sondern ein Mann an vorderster Front heutiger Publizistik: Hans-Jürgen Jakobs, Leiter der Online-Redaktion der «Süddeutschen Zeitung».

Seine Leitgestalt hiess in Wirklichkeit Philipp Jakob Siebenpfeiffer und starb 1845 in Bümpliz. Er hatte in seinem «Boten aus Westen» den Geist der französischen Julirevolution von 1830 verbreitet und 1832 das Hambacher Fest der deutschen Liberalen organisiert. Zu zwei Jahren Haft verurteilt, konnte er in die Schweiz fliehen; er erhielt in Bern nicht nur Asyl, sondern auch eine Professur für Straf- und Staatsrecht. Nach diesem Vorkämpfer der «Pressfreiheit» ist heute «ein bedeutender Journalistenpreis benannt, der alle zwei bis drei Jahre an engagierte Schreiber der Zunft verliehen wird».

Wenn die Heuschrecken kommen

Engagierte Schreiber – Jakobs beweist mit seinem Buch, dass er auch zu diesen zählt – stossen in heutigen Demokratien nicht mehr auf (direkte) politische Repression, wohl aber steht ihnen das entgegen, was der Autor als «Prinzip Geld» definiert: «Die westliche Gesellschaft definiert Wichtigkeit über Geld, und die zentralen Vermittler dieses Gesellschaftswerts, der als ,Marktwert‘ einen objektiven Anstrich bekommt, sind Medien – die sich wiederum selbst dem kapitalistischen Prinzip des Immer-Mehr, des Maximierens von Gewinn und Umsatz, nicht entziehen können.»

Am wenigsten entziehen können sich jene Medien, die «Heuschrecken» in die Hände geraten, wie SPD-Chef Franz Müntefering die internationalen Finanzinvestoren genannt hat. Das Buch, gerade noch vor dem offenen Ausbruch der Finanzkrise erschienen, schildert zwei Beispiele ausführlich: die Sendergruppe ProSiebenSat.1 und die «Berliner Zeitung».

Die Rosskuren der Investoren

Jakobs attestiert Roger Schawinski, dieser habe «auf journalistische Qualität gesetzt», doch kurz nach seinem Abgang als Sat.1-Chef Ende 2006 habe mit dem Eigentümerwechsel der Niedergang eingesetzt – nicht nur journalistisch, sondern auch finanziell, weil dem Konzern mit dem Einkauf ausländischer Sender eine Schuldenlast von 3 Milliarden Euro aufgebürdet worden sei. Trotz gewaltigem Sturz der Aktienkurse und vielen Entlassungen hat soeben im «Spiegel» der scheidende Chef des britischen Hauptinvestors Permira, Thomas Krenz, diese Strategie noch verteidigt.

Bei der «Berliner Zeitung» hat laut Jakobs «der britische Presseimperator (David) Montgomery» die Strategie ausgegeben: «Der Newsroom soll näher an das Anzeigengeschäft rücken», und er versucht, werbefreundlichen Inhalt mit weniger Journalisten zu produzieren – mit dem Ziel, die Rendite von 14 auf 18 Prozent zu steigern. Und dann noch mehr, meint der Autor, «da die Finanzbranche nun einmal Grössen zwischen 20 und 30 Prozent gewöhnt ist». Doch Leser und gute Journalisten liefen davon: «Der Berliner Fall beweist, wie schnell man eine Zeitung ruinieren kann und wie der Zwang zum Geld dem Verlust an Geist entspricht.»

«Gehobene Verleger alten Stils»

Den extremen Renditeerwartungen hält Jakobs entgegen: «Ist das ein Naturgesetz?» Dass es ein gewisses Mass an Gewinn braucht, leuchtet auch ihm ein: «Ohne Geld kein Geist.» Schon Goethe habe die Verleger einander überbieten lassen. Und: «Der gehobene Hamburger Verleger alten Stils – Personen wie Springer oder Augstein – machte wie alle anderen auch gern Gewinne. Sie ergaben sich – und das ist der Unterschied – am Ende des Jahres gewissermassen als erwünschtes Abfallprodukt des eigenen Tuns.»

Ein solcher Verleger – auch Bucerius («Die Zeit») und Nannen («Stern») werden genannt – «ist der perfekte ökonomische Geistesmensch», der selber gerne schreibt, aber die Unabhängigkeit seiner Journalisten schützt. Nur: Es gibt ihn nicht mehr. Jakobs breitet allerhand deutsche Verlagsinterna aus. Er beschreibt, wie Verlegerwitwen «gegen den – reichlich vorhandenen – männlichen Widerstand» ihre Macht sichern: als «Mitgliederinnen» eines Frauennetzwerks, in dessen Nähe er auch Kanzlerin Merkel rückt. Der Autor stellt die bange Frage, ob sie «dem Ansturm des Geldes trotzen» und «journalistischen Kurs halten» können.

Es geht auch mit weniger Gewinn

Insgesamt sieht er «heute in Deutschland und anderen wichtigen Pressemärkten mehr Verlegersimulanten als wirkliche Verleger» am Werk: Betriebswirtschafter, die sich am Renditeziel 20–30 Prozent ausrichten. «Reichen zwischendurch nicht vielleicht auch einmal zehn Prozent?», frägt der Autor rhetorisch und verweist auf Zeitungen, die sich ohne Gewinnmaximierung im Markt behaupten wie die «Frankfurter Allgemeine» oder der britische «Guardian», die im Besitz von Stiftungen sind, die genossenschaftliche Berliner «tageszeitung» oder die «Washington Post» als letztes grosses US-Blatt in unangefochtenem Familienbesitz. Und den «Spiegel» im Mehrheitsbesitz der Mitarbeiter, aber in der «Konfrontation zwischen Geist und Geld» mit dem Teilhaber Bertelsmann.

Sind das Auslaufmodelle? Jakobs zitiert den «Guardian»-Chefredaktor Alan Rusbridger, der befürchtet, dass sich arabische Staatsfonds, russische Oligarchen oder andere «reiche Leute Zeitungen leisten, um Meinungen zu machen». Diese Erscheinung kennt man auch aus der guten alten Verlegerzeit oder heute beim australisch-amerikanischen Medienboss Rupert Murdoch. Jakobs’ «Bestandesaufnahme ergibt, dass an vielen Stellen die Ideale des Aufklärungsjournalismus und der ,Vierten Gewalt‘ ernsthaft durch fremde Mächte aus Finanzwirtschaft und Politik gefährdet sind».

«Frustriert von Inszenierungen»

Die Gefährdung durch die Politik beruht auf Gegenseitigkeit, wie Jakobs anhand der Regierungszeit des «Medienkanzlers» Schröder illustriert: «Politiker und Journalisten begannen, Verständnis dafür zu entwickeln, dass sie einander brauchen, um im Stimmengewirr draussen nicht unterzugehen.» Aufmerksamkeit ist die Währung dieser von Meinungsumfragen geprägten «Mediendemokratie», und ihre Blasen können ebenso platzen wie jene an der Börse.

Doch der Autor hofft darauf, dass das Publikum dieses Spiel durchschaut, dass «die Menschen, frustriert von all den Inszenierungen und Verformungen, nach gültigen Sätzen fragen, nach Meinungen, auf die man sich verlassen kann. Sie wollen nicht mehr, dass der Schwanz mit dem Hund wedelt. Die Lust am Künstlichen würde damit den Niedergang der Presse beschleunigen, statt ihn aufzuhalten. In Wahrheit täte der überreizten Branche die Rückbesinnung auf Börne und Heine, auf Augstein und Bucerius gut.» Also auf liberale Blütezeiten des 19. und des 20. Jahrhunderts.

Hilferuf an die Politik

Um davon etwas ins 21. zu retten, setzt der Autor zum einen zeitgemäss aufs Internet (Text unten), aber auch auf die Politik. Er schlägt in acht Thesen unter anderem vor:

- Medienqualitätsgebühr anstelle der Radio- und TV-Gebühr; daraus würde Aus- und Weiterbildung für Journalisten finanziert, ebenso eine «unabhängige Redaktion für investigativen Journalismus», die alle interessierten Medien beliefert;

- Medienrat und «föderale Bundesmedienanstalt», also Strukturen, wie es sie etwa in der Schweiz längst gebe (er meint wohl Trägerschaft und Publikumsrat der SRG);

- Marktregeln, die «verhindern, dass anonymes Kapital zur Steuerungsgewalt der wichtigen Informationsbranche wird»;

- Medienkunde als Schulfach, das «auch den klassischen Journalismus thematisiert»;

- Einnahmenteilung, damit die von «Google und anderen Verteilzentren» kassierten Werbegelder auch «den Journalisten zufliessen».

Seine Titelfrage beantwortet Jakobs so: «Geist oder Geld? Ja, es sieht ganz so aus, als ging die erste Runde an jene, die mit viel Kapital die Gunst der Stunde nutzen – die Chancen, die die digitale Revolution eröffnet. Ja, der Journalismus ist in Gefahr. Aber ihm kann geholfen werden, wenn er sich selbst hilft.» Ob das Kapital, von der Finanzkrise gebeutelt, fortan weniger «marodiert» und konstruktiver eingesetzt wird, auch in den Medien, wird sich weisen müssen. Schon eingesetzt hat dagegen die Krisenwirkung, dass Sparzwang die journalistische Qualität weiter bedroht.

[i] Hans-Jürgen Jakobs. Geld oder Geist. Der grosse Ausverkauf der freien Meinung. Pendo-Verlag 2008, 240 S., Fr. 32.80. (Der Bund)

Erstellt: 18.11.2008, 09:47 Uhr

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