Zeitung heute
Der wundersame Bucherfolg
Artikel zum Thema
Die Geschichte klingt wie das Märchen vom amerikanischen Tellerwäscher, der dank harter Arbeit und Hingabe zum Multimillionär aufsteigt – und vielleicht macht just dieser Aspekt die Faszination des Bestsellers «The Shack» (deutsch: «Die Hütte») aus.
Als William Paul Young im Jahr 2005 ein Dutzend Kopien seines soeben fertiggestellten Manuskripts an seine sechs Kinder und einige enge Freunde verteilte, stand der damals 49-Jährige an einer Wegscheide seines Lebens; in der Ehe kriselte es, seit er zehn Jahre zuvor einen Seitensprung begangen hatte. Und um seine Finanzen stand es schlecht, nachdem er 2003 zusammen mit seiner Frau hatte Konkurs erklären müssen. Young begab sich während dieser turbulenten Phase zwar in Therapie, sein Gewissenskampf aber ging weiter – auch weil er seelische Narben aus seiner Jugend aufwies, als er als Kind von Missionaren von Einheimischen in Neuguinea wiederholt sexuell missbraucht worden war.
Schreiben als Therapie
Also schrieb sich der kanadisch-amerikanische Autor die Seele vom Leib. Das Resultat dieser Arbeit nannte er «The Shack»; eine Metapher für einen hässlichen, finsteren Ort, der so gut versteckt ist, dass er unerreichbar für Gottes heilende Kraft scheint. Zur Verwunderung von Young stiess sein Manuskript auf positives Echo im Bekanntenkreis: Seine Freunde verlangten weitere Kopien zur Weiterverteilung. Young entschied sich, den ehemaligen Pastor Wayne Jacobsen einzuschalten. Dieser, so sagte er später der «New York Times», fand nach der Lektüre des Manuskripts: «Es brachte Gott in einer Art und Weise zum Leben, wie es zuvor noch wenige Werke der Literatur geschafft hatten.»
Zusammen mit einem dritten Freund entschieden sich Young und Jacobsen, das Manuskript zu überarbeiten und einem Verlag anzubieten. Vergeblich. Nach 16 Monaten mussten sie ihre Suche erfolglos abbrechen, weil das Buch für christliche Verlage zu kontrovers und für säkulare Herausgeber zu religiös war. Also kratzten sie 15000 Dollar zusammen und gründeten ihren eigenen Verlag, genannt Windblown Media.
Bestseller ohne Rezension
Heute, zwei Jahre nach der Publikation von «The Shack», hat Windblown Media in Zusammenarbeit mit Hachette gemäss eigenen Angaben weltweit sechs Millionen Exemplare des Buchs verkauft. Angesichts der minimalen Werbekampagne ist dies ein sensationeller Erfolg. Seit mehr als einem Jahr befindet sich das Buch auf einem Spitzenplatz der stark beachteten Bestseller-Liste der «New York Times» – obwohl die Zeitung «The Shack» in ihrer Berichterstattung stets nur als kulturelles Phänomen betrachtete und das Buch nie mit einer ernsthaften Rezension würdigte.
Das Geheimnis des Erfolgs: Mundpropaganda in religiösen Kreisen. Die seltsam berührende und inspirierende Geschichte, in der ein Dialog mit Gott, Jesus Christus und dem Heiligen Geist im Zentrum steht, sprach viele Amerikaner an, die einen anderen, weniger traditionellen Zugang zum Glauben suchten. Die Kirche, sagte Priester Steve McVey aus Tampa der Zeitung «USA Today», tendierte dazu, den Gottesdienstbesuchern einzutrichtern, wie sie sich Gott gegenüber zu verhalten hätten. Das Buch hingegen zeige, wie gross die Gnade des Herrgotts sei: «Man kann bei ihm keine Punkte sammeln.»
Propaganda in der Kirche
Einige Pastoren gingen gar dazu über, von der Kanzel aus Werbung für das Buch zu machen. Anfänglich, sagt Bill Ritchie, der im Bundesstaat Washington eine Kirche führt, die keiner der national organisierten Konfessionen angehört, sei er von der Beschreibung von Gott derart verblüfft gewesen, dass er das Buch habe weglegen müssen. «Ich konnte damit nicht umgehen.» Dann aber überwand er sich; hernach verkündete er seiner Gemeinde: «Das ist eines der bemerkenswertesten Bücher, das ich in den vergangenen Jahren gelesen habe.»
Hilfreich für die Promotion des Buches war sicherlich auch die Kontroverse, die in religiösen Kreisen alsbald ausbrach. Albert Mohler, führender Theologe der traditionellen Baptisten, sprach in seiner wöchentlichen Radiosendung von einem «zutiefst subversiven» und «gefährlichen» Buch, das wichtige Teile der Bibel falsch auslege. Ein Pastor an der Westküste, nicht gerade bekannt als religiöses Zentrum der USA, sagte, er sei «entsetzt» über das Buch, das Gottes Positionen, so wie sie in der Bibel dargelegt seien, verdrehe.
Gott als schwarze Frau
Young ist an dieser Kontroverse nicht unschuldig, weil er sich bewusst über Dogmen hinweggesetzt hatte. So entschied er sich, Gott – den er in seinem Buch «Papa» nennt – als afroamerikanische Frau darzustellen. Dann beschloss er, alle Teile der Dreifaltigkeit Fleisch werden zu lassen. Und er setzte sich über die Bibel hinweg, aus der klar hervorgeht, dass Gott Sünde bestraft.
Der Autor reagiert deshalb auf die theologische Kritik an seinem Buch betont kühl. Er verweist darauf, dass selbst in einem tiefreligiösen Land wie den USA nur drei von zehn Bewohnern allwöchentlich einen Gottesdienst besuchten. Deshalb sei es wichtig, den Menschen einen anderen Zugang zum Glauben zu ermöglichen. «Ich will keinen Kampf mit den Dogmatikern provozieren», sagt er. «Ich habe kein Bedürfnis, den Kirchen ihre Gläubigen wegzunehmen.» Er vertrete aber die Meinung, dass die Beziehung mit Gott «wechselhaft und dynamisch» sei und keine Institution mit einem Fundament aus Zement benötige.
Breites Bücherspektrum
Der Erfolg des Buches zeigt auch, welch grossen Stellenwert religiös geprägte Werke in den USA haben. So verkauft sich der Lebenshilfe-Bestseller des bekannten Pastors Rick Warren, «The purpose driven life» (deutsch: «Leben mit Vision», Gerth Medien, Fr. 31.50), auch sieben Jahre nach seiner Publikation immer noch bestens – über 30 Millionen Exemplare des religiösen Ratgebers soll Warren, der auch in der Politik eine wichtige Rolle spielt, bisher abgesetzt haben.
Am anderen Ende des Spektrums angesiedelt ist die düstere, 16-teiligen Romanserie «Left behind». Von diesen 1995 bis 2007 publizierten Büchern – auf Deutsch unter dem Titel «Finale – Die letzten Tage der Erde» (Blanvalet-Verlag) erhältlich – sollen über 65 Millionen Exemplare über den Ladentisch gegangen sein. Dies bewog den mittlerweile verstorbenen Prediger Jerry Falwell, ein Aushängeschild der evangelikalischen Rechte, zum Ausspruch: «In Bezug auf die Auswirkungen auf das Christentum hat wohl nach der Bibel kein anderes Buch eine derart wichtige Rolle gespielt.»
Die «Left behind»-Serie, gemeinsam verfasst von Tim LaHaye und Jerry Jenkins, ist geprägt von Visionen über die Apokalypse, in der die Heilsgeschichte als Abfolge verschiedener Zeitalter dargestellt wird. Dieses Konzept der biblischen Hermeneutik (Auslegungskunde), gemeinhin Dispensationalismus genannt, ist unter gläubigen amerikanischen Protestanten höchst populär. Auch diese Serie wurde von den Literaturkritikern naserümpfend ignoriert. «Ich kann damit umgehen», sagt Koautor Jenkins. «Ich wünschte, ich wäre gescheit genug, um ein Buch zu schreiben, das schwierig zu lesen ist.»
275 Millionen Bücher verkauft
Vielleicht sind es aber just die Einfachheit der religiös geprägten Bücher und ihr Schwarz-Weiss-Denken, mit denen sich ihr Erfolg begründen lässt. In einer Industrie, die von der Wirtschaftskrise stark betroffen ist, sind sie jedenfalls einer der wenigen Wachstumssektoren. Voriges Jahr wurden gemäss Branchenangaben fast 275 Millionen Exemplare von religiösen Büchern verkauft, ein Plus von 4,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Sämtliche grossen Verlage besitzen mittlerweile Tochterunternehmen, die sich auf die Publikation spirituell geprägter Bücher spezialisiert haben. Und obwohl Religion in der politische Auseinandersetzung derzeit keine derart zentrale Rolle mehr spielt wie beispielsweise während des Präsidentenwahlkampfs 2004, rechnen alle Fachleute mit einem weiteren Wachstum der Branche.
Dem kann sich auch Washington nicht entziehen, obwohl die Bevölkerung der Hauptstadt gemeinhin als links der Mitte bezeichnet wird. Im bekannten Buchladen «Politics and Prose», einem der letzten unabhängigen Geschäfte in der Region, wurden im vergangenen Jahr 100 Exemplare von «The Shack» verkauft – «zu meiner grossen Überraschung», wie die Besitzerin Carla Cohen lachend eingesteht. (Der Bund)
Erstellt: 16.06.2009, 09:21 Uhr



