Auf die nächsten 160 Jahre!

Der Verwaltungsrat der Tamedia und die Espace Media Groupe haben einen mutigen und visionären Entscheid gefällt: In Bern werden weiterhin zwei Tageszeitungen publiziert, die viel grössere, in Stadt und Land verbreitete «Berner Zeitung» mit ihren Splitausgaben und der kleinere «Bund» mit Stadt und Agglomeration als hauptsächlichem Verbreitungsgebiet.

Mutig ist der Entscheid, weil heute, mitten in einer schweren Wirtschaftskrise, die Schliessung des chronisch defizitären «Bund» die ökonomisch attraktivere und jedenfalls weniger riskante Alternative gewesen wäre. Ein Bekenntnis zur bezahlten Presse und zur Pressevielfalt ist momentan keine Selbstverständlichkeit.

Visionär ist das neue Konzept, weil es zwei Redaktionen auf intelligente, ausgeklügelte Weise miteinander verknüpft.

Fachleute sind sich einig, dass bezahlte Zeitungen künftig höheren Qualitätsansprüchen genügen müssen, wenn sie noch Leser ansprechen wollen. Und gleichzeitig werden sie mit weniger Journalisten auskommen müssen: Leser- und Anzeigenmarkt werden weiter schrumpfen; Kostensenkungen werden zum überlebenswichtigen Imperativ.

Um die beiden scheinbar unvereinbaren Forderungen – höhere Qualität, weniger Leute – miteinander zu versöhnen, gibt es nur eins: Kooperation und die Mobilisierung von Synergien. Genau das streben der kleine «Bund» und der grosse «Tages-Anzeiger» an. Denn anders, als übelwollende Zeitgenossen behauptet haben, wird der «Bund» nicht ein Kopfblatt des «Tagi». «Kopfblatt» würde bedeuten, dass alles Überregionale aus Zürich geliefert würde und wir nur noch die Berner Sauce darübergiessen könnten. Das wird nicht stattfinden.

Zwar wird der «Bund» viele Inhalte vom «Tages-Anzeiger» beziehen und auf dessen umfangreiche Angebote zurückgreifen können. Er wird aber gleichzeitig zum Lieferanten: Die gemeinsame Bundeshausredaktion zum Beispiel wird hier in Bern unter dem «Bund»-Dach angesiedelt. Und wenn in Bern kulturelle, wirtschaftliche, politische Ereignisse von überregionalem Interesse stattfinden, werden «Bund»-Journalisten diese für den «Tages-Anzeiger» rapportieren und gelegentlich auch kommentieren.

Das alles sind gute Nachrichten. Wenn wir trotzdem nicht euphorisch gestimmt sind, dann deshalb, weil wir für das Überleben und die Rückgewinnung einer gesunden wirtschaftlichen Basis einen hohen Preis bezahlen: Knapp zwanzig Vollzeitstellen werden in Bern verloren gehen. Von einigen Kolleginnen und Kollegen, die sich mit dem «Bund» identifiziert und ihre ganze Arbeitskraft engagiert in seinen Dienst gestellt haben, werden wir uns trennen müssen. Das ist ein schwieriger und schmerzhafter Vorgang.

Die Alternative war jedoch nicht: Entweder reduziert der «Bund» die Redaktion auf 35 Stellen, oder er macht mit 54 weiter. Die Alternative war: Entweder reduziert er die Kosten massiv, oder er verschwindet – und mit ihm sämtliche 54 Stellen.

Organisatorisch werden wir die Ressorts Inland und Ausland zu einer Zentralredaktion zusammenfassen, die, mit Inland-, Ausland- und Wirtschaftskompetenzen ausgestattet, künftig den ersten, politischen Faszikel sowie den Wirtschaftsteil produziert, die Schnittstellen mit dem «Tagi» besetzt und wichtige Themen aus Berner Optik kommentiert. Eine verkleinerte Wirtschaftsredaktion wird sich schwergewichtig mit der Berner Wirtschaft beschäftigen. Die Ressorts Stadt und Kanton Bern werden zusammengelegt; der Fokus wird – entsprechend unserer Leserschaftsstruktur – noch etwas mehr auf die Stadt und die Region Bern ausgerichtet. Im Lokalbereich gehen naturgemäss am wenigsten Stellen verloren.

Der vierte Faszikel wird sich künftig wie eine attraktive tägliche Beilage mit Kultur in allen ihren Facetten beschäftigen, mit gesellschaftspolitischen Themen, Wissenschaft und den schönen Seiten des Lebens, zum Beispiel dem Reisen. Er wird auch Elemente der bisherigen Samstagsbeilage «Der kleine Bund» enthalten, Kolumnen, Reportagen, Interviews.

Im Herbst wird der «Bund» zudem ein neues Layout bekommen. Dieses, obzwar dem ebenfalls neuen Erscheinungsbild des «Tagi» angeglichen, wird die Eigenständigkeit des «Bund» und den Anspruch unterstreichen, weiterhin eine nach journalistischen Prinzipien gefertigte, seriöse, liberale Tageszeitung zu sein. Wenn wir es richtig anstellen, und wenn die Zusammenarbeit zwischen Zürich und Bern klappt, werden wir den Leserinnen und Lesern also ein Angebot machen können, welches das heutige noch übertrifft.

Wir haben in den vergangenen Wochen und Monaten breite ideelle Solidarität gespürt. Sie war für uns ein Lebenselixir in dieser Periode der zermürbenden Ungewissheit. Jetzt werden wir aber auf materielle Solidarität angewiesen sein, die sich im Kauf von Abonnements und in der Buchung von Annoncen manifestieren muss. Mag der Entscheid des Verwaltungsrats noch so mutig und visionär sein, dennoch ist klar: Die nächsten 160 Jahre überlebt unsere inzwischen fast 160-jährige Zeitung nur, wenn sie auch wirtschaftlich zu überzeugen vermag. (Der Bund)

Erstellt: 15.05.2009, 08:05 Uhr

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