Narr des Glücks
Von Alexander Sury. Aktualisiert am 12.12.2008
In einem Tea-Room in der oberen Berner Altstadt bist du Stammgast, eine ehemalige Bardame aus dem «Arcady» ist jetzt hier Geschäftsführerin – und du bist ihr an die neue Wirkungsstätte gefolgt. Du bist eine treue Seele. Als du, in einen langen Wintermantel gehüllt, zum vereinbarten Termin das Lokal betrittst, passiert das, was bei deinen Auftritten normal ist: Du fällst auf, ziehst verstohlene Blicke auf dich, auf den Gesichtern einiger Gäste lässt sich ein gewisses Unbehagen ablesen. Dein Gang wirkt noch schleppender als sonst. Später wirst du erzählen, dass du seit ein paar Tagen neue Schuhe hast, die an einigen Stellen noch drücken. Vor allem ältere Damen sitzen hier bei Kaffee und Kuchen und parlieren in gedämpftem Ton. Sie schauen dich diskret an, und dann schauen sie sich an, als ob sie gerade einen apokalyptischen Reiter erblickt hätten. Es ist ziemlich genau ein Vierteljahrhundert her, dass ich dir zum ersten Mal begegnet bin. Wahrlich eine kafkaeske Figur: Das dachte ich im ersten Moment. So einen Menschen wie dich hatte ich noch nie gesehen. Der Regisseur stellte uns den Mann vor, der in der Bühnenadaption von Franz Kafkas «Der Prozess» den Gerichtsdiener spielen sollte. Wir waren Mitglieder der Theatergruppe eines Berner Gymnasiums und staunten über diesen kühnen Besetzungscoup. Du warst damals Ende dreissig, in eine schwarze, schmuddelige Schale gekleidet, wilde schwarze Strähnen hingen dir ins Gesicht, deine dunklen Augen fixierten uns neugierig. Ein Bein schlepptest du nach, und die linke, krallenartig verkrampfte Hand presstest du gegen die Brust. Die körperliche Behinderung fiel natürlich sofort auf – und betonte gleichzeitig deine fast etwas dämonische Bohemien-Ausstrahlung. Du sprachst klug über Philosophie und Jazz, amüsiertest dich über die Absurditäten des Alltags und verhöhntest alle Autoritäten. Auf deine Biografie angesprochen, verwiesest du augenzwinkernd auf deinen Roman «Die Geburt des Handelsreisenden», der 1981 als Fortsetzungsroman in der «Berner Zeitung» erschienen war. Die Satire über den Werdegang eines jungen Mannes, der seinen Traumberuf Kunstmaler gegen eine Stelle im Amt für Materialbeschaffung der Armee eintauscht und schliesslich Handelsreisender in Haushaltsartikeln wird, hältst du bis heute für dein gelungenstes Werk.
«Ich war ein Nesthäkchen»
Deine Vorbilder sind Tucholsky, Heinrich Heine oder Karl Kraus. Als verheissungsvoller Aussenseiter fasziniertest du den Heranwachsenden, du stiessest ein intellektuelles Fenster auf; schienst allen Widrigkeiten zum Trotz von einem radikalen Lebensentwurf nicht abzubringen. Wir trafen uns fortan hin und wieder in Cafés in der Altstadt. Du schenktest mir Ausgaben deiner von 1976 bis 1980 erschienenen Zeitschrift «Der wahre Jakopp» – der einzigen Zeitschrift, die dazu stehe, dass sie nur Lügen abdrucke. Diese Lügen traten meist im Gewand von philosophisch angehauchten Gruselgeschichten auf – sie lasen sich, wenn auch keine grosse Literatur, durchaus amüsant. Das Logo der Zeitschrift zeigte einen Narren mit Narrenkappe und Narrenschellen an der Halskrause. Der junge Mann gefiel sich in der Rolle des Bewunderers, der selbst ernannte Narr fühlte sich vielleicht geschmeichelt ob des Jüngers.
Ein Besuch bei dir zu Hause kam dann für mich, das Bürgerkind, einem kleinen Realitätsschock gleich – erste Risse zeigten sich im Idealbild, das ich mir von deiner Künstlerexistenz gemacht hatte: Du nanntest es sarkastisch eine «Arme-Leute-Wohnung», aber ich sah vor allem die Unordnung und die Essensreste auf dem Küchenboden, die von frei herumrennenden Meerschweinchen angeknabbert wurden.
Hin und wieder erzähltest du auch aus deinem Leben, geboren wurdest du 1945 in Melchnau. Deine Kindheit verbrachtest du im Kanton Aargau. Dein Vater war Lehrer an einer Handelsschule, die du später auch besucht und mit einem Diplom abgeschlossen hast. «Ich war ein Nesthäkchen», sagst du, deine beiden Schwestern waren neun und elf Jahre älter.
Mittlerweile sind die Eltern und eine Schwester gestorben. Die andere lebt noch in der Westschweiz, ihr hättet sporadisch Kontakt, sagst du, zu Weihnachten schicke sie dir eine gute Flasche Wein und 100 Franken.
«Als Kind war ich nie einsam», sagst du, «im Gegenteil, ich war sehr gesellig.» Eigentlich wolltest du Pianist werden, aber als Zwölfjähriger erkranktest du an der Hirnentzündung Enzephalitis – die davon zurückgebliebenen Lähmungen machten deinen Pianistentraum zunichte. Noch heute spielst du Klavier, einhändig halt, mit Vorliebe Boogie-Woogie und Blues. In deiner Wohnung steht ein Klavier, Burger & Jacobi aus dem Jahr 1920. Inspiriert durch zwei Onkel – einen Konservator in Den Haag und einen Kunstmaler in Lausanne –, begannst du später zu malen; deine Vorbilder waren De Chirico und Dalí. In deinem Lebenslauf schreibst du: «Zwischen dem 15. und 20. Altersjahr entdeckte ich die Philosophie, Platon, Aristoteles, Kant und Kierkegaard.» Später wirst du in Bern, wenn auch ohne Matura, elf Semester bei Professor Georg Janoska – einer von dir verehrten Vaterfigur – Philosophie studieren.
Als die Aura verflogen war
Noch während der Gymnasiumszeit organisierte ich im Rahmen einer Kulturreihe einen Abend mit dir im Musikzimmer. Du erinnerst dich vielleicht. Mit weiss geschminktem Gesicht, etwas linkischer Gestik und undeutlicher Diktion präsentiertest du deine One-Man-Show «Festival der unwahren Geschichten». Auf manche meiner Schulkollegen musst du wie ein Freak gewirkt haben – auch dein Timing für die Pointen liess leider etwas zu wünschen übrig. Gelacht wurde wenig. Ich empfand den Abend als persönliche Niederlage, kokettierte ich doch mit der Vorstellung, zumindest temporär dein Manager zu sein. Du hättest, so meine Hoffnung, mit deinem Auftritt auch mein Prestige mehren sollen.
Die Begegnungen wurden seltener nach der Matura, sie verliefen auch immer ähnlich. Du erzähltest von deinen Projekten und Plänen, von bedeutenden Freunden und Förderern, du rangst mit einer verzweifelten Redseligkeit um Anerkennung.
Instinktiv distanzierte ich mich von dir, die verheissungsvolle Aura des Bohemien war verflogen, zurück blieb ein einsamer Mann ohne Erfolgsaussichten. Auch deine Gruselgeschichten – 1983 unter dem Titel «Perspektiven einer nicht ganz vollkommenen Welt» erschienen – entbehrten nun der Witzigkeit und Raffinesse; was in den Anfängen unserer Bekanntschaft noch Schalk und Fabulierlust verströmt hatte, wirkte beim Wiederlesen teils plump und stilistisch ungelenk. Im Vorwort schriebst du: «Jeder wie auch geartete Versuch, die Wahrheit darzustellen, muss scheitern, wenn man die Lüge nicht mit einbezieht. Und sie als wesentlichen Bestandteil dieser Welt berücksichtigt. Ist sie doch ein Eckpfeiler unserer Gesellschaft!» Die Lüge hatte sich längst zwischen uns gedrängt. Nun war deine Ungepflegtheit nicht mehr eine souveräne Geste der Verweigerung, deine abgewetzte Schale, speckig glänzend, die Essensreste im Bart, die Flecken auf dem weissen Hemd ekelten mich. Und so kam es, dass ich mich – von einem schlechten Gewissen geplagt – mitunter vor dir versteckte, wenn du mir entgegenkamst, manchmal auch die Strassenseite wechselte oder schnell einen Laden betrat und ausharrte, bis du vorbeigegangen warst.
«Dumme, primitive Leute»
Vor einigen Monaten habe ich dich wieder gesehen, oder besser: Ich habe mich nicht versteckt und bin auf dich zugegangen. Du freutest dich aufrichtig und fragtest, wo ich denn all die Jahre gesteckt hätte. «In der Zwischenzeit», sagtest du, «ist furchtbar viel geschehen. Gutes und auch Schlechtes. Wie es im Leben so geschieht.»
Im vergangenen Jahr seist du sehr erschöpft gewesen – «vor lauter Stress und Arbeit habe ich nur noch Fruchtsäfte getrunken». Eine Folge dieser mangelhaften Ernährung waren starke Schwindelanfälle, sodass du schliesslich eine Nachbarin gebeten hast, dir ein Taxi ins Spital zu organisieren. Dort bliebst du einen Monat zur Beobachtung. «Die haben mich nicht nach Hause gelassen, sogar die Schlüssel haben sie mir aus der Manteltasche genommen», sagst du, und noch immer verrät deine Stimme Empörung. Einsam seist du gewesen im Spital, hättest in dieser Atmosphäre «grauenhafter Isolation» gelitten.
Wegen «schwerer Verwahrlosung» wurdest du anschliessend in die psychiatrische Klinik Waldau überwiesen. Der Fachbegriff lautet: Fürsorgerischer Freiheitsentzug. «Verwahrlosung», du wiederholst das Wort mit spöttischem Unterton – «die liessen mich ja gar nicht nach Hause, um Kleider zu holen». In der Waldau seien die Leute meist freundlich zu dir gewesen, «dumm zwar, aber immerhin anständig». Du zwinkerst mir zu, als du das sagst. Du hättest in der Waldau gelernt, «scheissfreundlich zu sein zu diesen Halunken». Selbstmitleid verbietest du dir. Während deines Aufenthalts in der «Spinnwinde» hättest du «richtig arme Kerle» getroffen; du erzählst von Findelkindern, die nie den Tritt im Leben gefunden hätten. Du hingegen hättest mit deiner IV-Rente immerhin die Möglichkeit, «etwas zu wagen, etwas Schlaues zu machen und mich nicht einfach dem Durchschnitt anzupassen».
Der Aussenseiter und seine Wirkung auf den helvetischen Durchschnitt: Deine Kollisionen mit «dummen, primitiven Leuten» ziehen sich wie ein roter Faden durch dein Leben, seit du 1969 nach Bern gekommen bist als Werbeassistent beim Verlag Paul Haupt. «Wer nicht denkt, kann keine Verantwortung tragen», sagst du einmal im Gespräch, «und so ein Mensch ist dann für nichts auf der Welt.» Das tönt elitär aus deinem Mund, doch es ist wohl vor allem eine Reaktion auf deine schmerzhaften Erfahrungen mit der Intoleranz anderer Menschen. Dabei bist du alles andere als ein Querulant und im privaten Umgang von einer liebenswerten Verspieltheit.
Aber immer wieder bist du auf Nachbarn gestossen, die sich über Unordnung oder Gestank beschwerten, über zu laute Musik, über das Pfeifenrauchen im Treppenhaus oder sich generell von dir in ihrem Selbstverständnis bedroht fühlten. Eine Zeit lang führten diese «Intrigen von Neidern» zu einer veritablen «Wohnodyssee» in Bern. Diese Erfahrungen flossen auch ein in dein «satirisches Trostbüchlein für alle Leidgeprüften», das unter dem Titel «Die Wohnungssuche des Herrn Jedermann» 1992 erschien. Heute lebst du in einer «grossen 3-Zimmer-Wohnung» in Bümpliz, mittlerweile kommt regelmässig ein Angestellter eines Putzinstituts bei dir vorbei. Am jetzigen Wohnort seien, sagst du, die Leute meistens nett und freundlich: «Das genügt mir.»
Einsam ist es aber manchmal gleichwohl in deiner Wohnung; am Vorabend hast du eine Schwarzwäldertorte gegessen, «das war mein Abendessen». Meist arbeitest du bis etwa Mitternacht, erzählst du, und gehst gegen 1 Uhr morgens zu Bett. Der Gang zum Postfach in der Schanzenpost ist ein Fixpunkt deines Tagesablaufs. Du gehst nicht mehr so viel aus wie früher, in den ersten Jahren nach deiner Übersiedlung nach Bern. Hier hast du dich damals sofort wohlgefühlt und im Café des Pyrénées schnell einen Kollegenkreis gefunden. Heute jedoch triffst du zu oft auf «stupide, blöde Leute». Darüber sprichst du nicht gerne, hin und wieder komme es vor, dass du «angepöbelt» wirst – nach solchen Erlebnissen schläfst du dann meist schlecht. «Am liebsten», sagst du, «bin ich noch im Restaurant Lorenzini, dort hat es fröhliche Leute, mit denen man reden kann.»
Wegen deiner körperlichen Behinderung wirst du oft unterschätzt: «Viele Leute können sich nicht vorstellen, dass so einer wie ich auch Probleme lösen und selbstständig denken kann.» Kaum hast du das gesagt, machst du eine wegwischende Handbewegung und sagst: «Aber heute geht es mir gut.» Damit meinst du nicht nur diesen bestimmten Tag, vielmehr deine jetzige Lebensphase. Finanziell ist es dir zwar oft nicht besonders gut gegangen, lange lebtest du trotz IV-Rente unter dem Existenzminimum mit monatlich 1200 bis 1600 Franken. Aber was sind materielle Probleme oder Ärger mit der Steuerverwaltung gegen die Anerkennung deiner Arbeit als Schriftsteller und Verleger, die du in den letzten Jahren erfahren durftest.
«The Honorable»
Dein 1983 gegründeter Minerva-Verlag – im Römischen Reich war Minerva unter anderem die Schutzgottheit der Dichter – ist seit 1991 im Handelsregister eingetragen, und 1994 ist deine Firma auch vom Schweizerischen Buchhändler- und Verlegerverband anerkannt worden. Was für andere ein unspektakulärer geschäftlicher Vorgang ist, erlebtest du als sehnlichst erwarteten Erfolg. Und 1998 erlaubte es dir ein Gönner, nach New Orleans an den Kongress des American Biographical Institute zu reisen; dort durftest du dich in das Prominentenhandbuch eintragen, weitere Ehrungen folgten. «Ich habe dort viele interessante und gescheite Leute kennengelernt», sagst du. Mit einer australischen Autorin hast du dich dort angefreundet und bist abends durch die Jazzschuppen des French Quarter gezogen; du lächelst versonnen, als du das erzählst. Der amerikanische Verlegerverband ernannte dich auch zum Ambassador International, zum Deputy Governor und nahm dich schliesslich in die Hall of Fame auf. Was diese Titel konkret bedeuten, kann ich nicht beurteilen; mit finanziellen Zuwendungen sind sie jedenfalls nicht verbunden. Für dich aber kamen sie einer Adelung deiner Arbeit gleich.
Auf deinem Briefpapier ist deiner Adresse nun «The Honorable» vorangestellt – der Ehrenwerte Louis Romain Jenzer. Du sagst: «Als Verleger bin ich heute überall integriert.» Deinen Verlag nennst du seither Minerva International, «weil ich tatsächlich international anerkannt bin». Und nach einer Pause fügst du hinzu: «Es geht mir wirklich gut heute. Der Erfolg zieht eben Leute an.» Seit einem Jahr hast du eine eigene Website, «die habe ich selber gestaltet, da muss man nur logisch denken». Und zwei deiner Bücher sind heute über den Online-Versandhandel Amazon erhältlich. Du vertreibst in deinem Verlag nicht nur eigene Bücher, zu den Titeln im Sortiment gehören auch eine Biografie von Oskar Lafontaine oder die Erfolgsgeschichte von «Uhrenkönig» Hayek.
Dein aktuelles Buchprojekt ist eine Satire auf den Durchschnittsmenschen und trägt den Arbeitstitel «Von einem, der auszog, das Staunen zu lernen». Allzu viel willst du nicht verraten. Nur so viel: Ein junger Mann, Museumswärter von Beruf, erbt von einem einflussreichen Onkel Geld, das er jedoch zur Förderung von dessen Kunstsammlung verwenden muss. Er macht eine Galerie auf, lernt den Kunstmarkt kennen und erlebt sein blaues Wunder.
«Armer hungernder Künstler»
Einen reichen Onkel hast du nicht gehabt, nach dem Tod deiner Eltern hast du das bescheidene Erbe in deinen Verlag gesteckt. Natürlich wäre, lieber Louis, alles viel einfacher für mich, wenn du als Schriftsteller und Verleger Erfolg hättest. Im Sport lieben wir ihn ja, den Aussenseiter, das «dark horse» mit geringen Gewinnaussichten.
Der Aussenseiter sorgt für Spannung und Überraschungen, wenn er sich gegen die Favoriten durchsetzt und die bewährte Hierarchie auf den Kopf stellt. Du bist kein «dark horse», das uns auf einen fetten Gewinn hoffen lassen kann. Dein bislang letztes Buch heisst «Der Erfolgsautor»; es erschien 2001 und war, wie du selber einräumst, hastig geschrieben, kaum redigiert und mit vielen Tippfehlern. Du sagst: «Ich wollte von der Ernennung zum Ambassador und den darauf folgenden Zeitungs-
berichten profitieren und so schnell wie möglich ein Buch herausbringen.»
Ich dachte insgeheim: Hier will jemand eine Satire auf den Literaturbetrieb und auf die Fabrikation von Bestsellerromanen à la Konsalik schreiben, der eigentlich selber draussen vor der Tür steht. Aber in deiner vermeintlichen Satire verbirgt sich eben ein Wunschtraum: Im Mittelpunkt steht der von seiner Arbeit gelangweilte Werbetexter Harold Neumann, der eines Tages beschliesst, einen Bestseller zu schreiben. Der reisserische Titel steht zuerst fest: «Die Memoiren eines Muttermörders». Alles geht seinen Gang: Die Verlagssuche verläuft erfolgreich, der Verleger nimmt ihn unter seine Fittiche, es folgen Promotionsauftritte, Buchvernissage und Einladungen von renommierten Literaturgesellschaften.
Auf Lob reagiert der Jungautor stets gerührt und äusserst dankbar. Am Ende, nach einer erfolgreichen Lesung in Frankfurt, kehrt er triumphal zurück an seinen Wohnort: Die Leute stehen Spalier und winken ihm zu, zu Hause kann er sich vor Gratulationstelefonaten kaum retten, zahlreiche Veranstaltungen ihm zu Ehren stehen an. Spätabends sinkt er, von der Gattin betreut, betrunken ins Bett und stöhnt : «Ach, wäre ich doch ein armer hungernder Künstler.»
Dein Aussenseitertum, das weiss ich heute, hat nichts Romantisches oder gar Dandyhaftes; es lässt sich auch nicht zu einem bewussten Entscheid für eine von bürgerlichen Zwängen befreite Lebensführung verklären. Wir haben uns wieder gesehen nach langen Jahren, ich konnte mich hinter der Rolle des Journalisten verschanzen. Benutze ich dich wieder? Habe ich dich damals nicht einfach fallen lassen, als es mir peinlich wurde, mit dir gesehen zu werden?
Du taugtest nicht zur Heldenfigur für einen Heranwachsenden. Heute sehe ich dich anders. Man darf hier auch einmal deine Tapferkeit rühmen. Du gehst deinen Weg und bescheidest dich nicht mit der Rolle des IV-Bezügers, der gefälligst dankbar den Mund halten soll. «Ich habe», sagst du, während du langsam mit deiner gesunden Hand die Pfeife stopfst, «das gemacht, was meinen Möglichkeiten entsprach.» Du schweigst und zündest deine Pfeife an.
Louis R. Jenzers Homepage: www.minervaint.ch (Der Bund)
Erstellt: 12.12.2008, 16:01 Uhr



