Der fast Erfolgreiche
Von Manuel Gnos. Aktualisiert am 13.12.2008
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«Mach dir keine Sorgen, falls Howe nicht pünktlich ist. Er kommt meistens zu spät.» Celia Blackwood lacht ins Telefon. Sie ist Howe Gelbs Managerin und kennt ihren Klienten offenbar nur zu gut.
Mit einer halben Stunde Verspätung fährt Howe Gelb in seinem staubigen Isuzu-Geländewagen vor einem Hotel in Tucson vor, holt die Baseballmütze vom Armaturenbrett und setzt sie sich auf, während er zum Tisch im Schatten der Hausmauern marschiert. Er habe nur kurz Zeit, sagt Mister Gelb, «morgen fliege ich für eine Tour nach Australien».
Howe Gelb ist ein musikalisches Multitalent. Er singt, komponiert, spielt Gitarre und Klavier. Seine Geschichte ist die des erfolgreichen Erfolglosen: Die Verkaufszahlen seiner Alben sind in Ordnung, mehr nicht. Der Eindruck aber, den er bei seinen Fans und bei anderen Musikern hinterlässt, ist bleibend. Das zeigt die lange Liste von Gästen, die mit ihm im Studio waren: PJ Harvey zählt dazu, Vic Chesnutt und Isobel Campbell.
«Mir fehlt dieser natürliche Ehrgeiz, der sich nach immer mehr Berühmtheit sehnt. Ich bin wohl der faulste Mensch, den ich kenne. Früher fand ich zum Beispiel lange Flüge grossartig. Wo sonst kannst du 15 Stunden dasitzen und nichts tun?» Heute sei das allerdings anders. «Mit fünfzig weisst du besser, wie du deine verbleibende Zeit verbringen willst. Ich verbringe sie lieber mit meiner Familie als im Flugzeug.»
Howe Gelb versteht nicht, wieso die Leute glauben, ein ruhmvolles Leben sei besser als ein gewöhnliches. «Erfolg läuft doch nur darauf hinaus, dass man mehr und mehr arbeitet und ein Sklave seiner Verpflichtungen wird.» Deshalb versucht er, nicht mehr als nötig zu tun. Das Geld muss reichen, um sich und die Familie zu versorgen und um reisen zu können. Mehr nicht.
Seine Kollegen hoben ab
Wer von Phoenix her durch die Wüste Arizonas nach Tucson fährt, kann sich des Gedankens nicht erwehren, dass Howe Gelbs Musik nirgends sonst entstehen kann als genau hier in dieser Einöde. Der weite Himmel, die trockene Erde, überall diese grotesken Kakteen, die Hitze, die Einsamkeit, die Ruhe. «Die Leute sagen das immer wieder. Aber ich denke, es spielt eine grössere Rolle, was in dieser Hülle aus Haut und Haaren passiert, als was ausserhalb davon ist.» Für ihn definiert nicht die Landschaft die Musik. Vielmehr sucht sich jedes Wesen den Platz, an dem es sich am besten entfalten kann. «Ich kann hier einfach besser nachdenken als anderswo. Hier ist genug Raum dazu.»
Es war nicht Howes Entscheidung, nach Tucson zu kommen. Er entschied sich lediglich zu bleiben, nachdem ihn der Zufall dorthin gebracht hatte. Aufgewachsen war er in Pennsylvania. Seine Eltern liessen sich scheiden, sein Vater zog allein nach Tucson. Später wurde das Haus, in dem der andere Familienteil lebte, bei einer Überschwemmung zerstört, «und ich bin irgendwie in Tucson bei meinem Vater gelandet». Das war vor 25 Jahren.
Es war die Zeit, als Howe Gelb begann, ernsthaft Musik zu machen. Er und seine Kumpel hatten genug Zeit, und die Musik, die sie mochten, gab es nirgends zu kaufen. «Also machten wir sie selbst.»
Und zwar nicht zu knapp. Seit den frühen 80er-Jahren sind bestimmt dreissig Alben entstanden – solo, mit seiner Hauptband Giant Sand oder in Projekten wie Blacky Ranchette, Arizona Amp and Alternator und OP8. Ein immenses Werk für einen faulen Kerl. «Nicht unbedingt», sagt er dazu. Sie hätten immer Geldsorgen gehabt. «Also machten wir viele Platten, um überleben zu können.» Als dann aber der grosse Erfolg vor der Türe stand, schlug er sie zu.
Aus Giant Sand ist Ende der 90er-Jahre Calexico hervorgegangen – die Band seiner ehemaligen Mitstreiter Joey Burns und John Convertino. Das letzte Album mit den beiden entstand 2001, doch bereits zuvor zeichnete sich der Bruch ab: «Ich bin im Oktober geboren, bei mir dreht sich alles um die Balance», sagt Gelb grinsend. «Insbesondere Joey brachte mit seinem Ehrgeiz aber viel Unruhe in die Band, und so funktionierten die Songs nicht mehr.»
Für ihn zumindest. Seine Kollegen setzten mit Calexico zu einem Höhenflug an und geben heute Konzerte im ausverkauften Zürcher Volkshaus, während Giant Sand in neuer Besetzung nicht einmal den kleineren Saal im Freiburger Fri-Son füllen.
Calexicos Musik war von Beginn weg zugänglicher und bewegte sich mit jedem Album mehr in Richtung Popmusik. Howe Gelb dagegen geht bis heute den steinigeren Weg mit seinen sperrigen Kompositionen, die nie den Weg in die Hitparaden finden werden.
Mexiko, Memphis und New Orleans
Howe Gelb selbst nennt es einfach Rockmusik. Doch es ist auch Country und Blues, es ist Americana und Jazz, es ist Punk und Folk, man hört Mexiko, Memphis und New Orleans. Es ist immer alles auf einmal, und stets sticht ein Aspekt etwas deutlicher heraus. Gelb ist ein Seelenverwandter von Tom Waits, ein Freund von PJ Harvey, ein Verehrer von Thelonious Monk und Neil Young.
In erster Linie sind es drei Elemente, die seine Musik ausmachen: der Gesang, seine Risikofreude und das Verharren im Halbbewussten. Der Gesang ist ein melodiöses Sprechen, fern aller Virtuosität, manchmal mehr ein Brummeln als ein Artikulieren. Howe Gelbs Stimme ist sonor, schlafwandlerisch und rau und passt wunderbar zur Bettwärme, die er ausstrahlt mit seinem stets ein wenig verschlafenen Blick.
Im Kontrast dazu steht seine Risikobereitschaft, die dafür sorgt, dass er keine gefälligen Songs schreibt und spielt, sondern sich immer hart am Abgrund bewegt. «Das Leben ist nicht ohne Risiko», sagt Howe Gelb. «Wieso sollte man es auf der Bühne nicht genauso darstellen?» Wichtig ist zu wissen, dass Fehlschläge durchaus auch unterhaltend sein können. «Das gibt mir das Vertrauen, das Risiko des Scheiterns auf mich zu nehmen. Der Lohn dafür ist das grossartige Gefühl, wenn es gelingt.»
Gelb legt vor seinen Konzerten nicht fest, welche Lieder er spielen wird. Insbesondere wenn er solo spielt, wechselt er ständig vom Klavier zur Gitarre, manchmal mitten im Akkord. Das wirkt mitunter orientierungslos und birgt die Gefahr, das Publikum auf halbem Weg zu verlieren. Gelingt das Unternehmen, befreit Gelb das Denken – sein eigenes wie jenes der Zuhörerinnen und Zuhörer.
Ist er mit Giant Sand unterwegs, spielt er rockiger und lauter und strukturiert seine Konzerte etwas stärker. Eine Set-List gibt es aber auch hier nicht. Gelb beginnt einfach einen Song, kaum erkennbar zunächst, dann immer konkreter. Der Gitarrist wechselt nach ein paar Takten meist noch rasch das Instrument, während der Bassist und der Schlagzeuger bereits den Rhythmus und die Melodie aufgenommen haben. Dabei herrscht nie Hektik auf der Bühne, sondern vielmehr eine wohltuende Spannung, die sich im besten Fall in den betörenden Kompositionen entlädt.
Ein Jazzmusiker ohne Talent
«Ich habe von Beginn weg versucht, wie ein Jazzmusiker zu funktionieren. Und weil mir das nötige Talent fehlt, spiele ich Rockmusik.» Das Resultat nennt er erodierende Rockmusik, Erosion Rock. Er lacht: «Das ist dann wohl die Verbindung zur Wüste. Hier verändern sich die Dinge täglich. Mehr als überall sonst.» Sandkorn um Sandkorn wird laufend alles umgeschichtet, Giant Sand. «Die Wüste erodiert und wird verändert und bleibt trotzdem eine Wüste.» Ebenso ist es mit den Songs: Obwohl sie ständig neue Gestalt annehmen, bleiben sie einfach Songs. Aber was für welche.
Trotzdem wird Howe Gelb immer der Erfolglose bleiben, ein Aussenseiter im Musikbusiness. Darin aber ist er erfolgreich – wohl wie kein anderer. (Der Bund)
Erstellt: 13.12.2008, 12:43 Uhr



