Zeitung heute
Haus ohne Plan
Von Christoph Lenz. Aktualisiert am 08.05.2009
Das Piepsen war schon wieder weg, als sich die Künstlerin umsah in ihrem Atelier im zweiten Stock des Progr. Und es kam nicht wieder, 24 Stunden lang. Dann war es plötzlich zurück. Einmal nur. Die Künstlerin durchsuchte sämtliche Taschen, Koffer und Schränke im Raum – doch fand sie nichts Verdächtiges. Auch nicht am nächsten Tag, als es wieder da war, auch nicht, als der Ton zu wandern begann. Bald wurde er im ersten Stockwerk, bald im dritten gehört. Dann immer häufiger: nicht mehr nur nachmittags, plötzlich auch morgens. Die Intervalle verkürzten sich. Ein Countdown aus dem Nichts, ohne Ziel und ohne Grund. Er hielt den Progr über eine Woche in Atem. Das war vor eineinhalb Jahren.
Clovis Inocencio lacht, als er die Geschichte erzählt. Schliesslich stellte sich heraus, dass die Brandmelder schuld waren. Ziemlich genau zwei Jahre nach deren Installation ging die Kraft der Batterien überall im Haus zur Neige – das Piepsen war das Warnsignal.
Angespannte Ruhe
Es ist ein anderer Countdown, der die Menschen im Progr derzeit umtreibt. In acht Tagen fällt der Entscheid über die Zukunft des ehemaligen Progymnasiums. «Man spürt die Anspannung», sagt Clovis Inocencio. «So ruhig wie in den letzten Tagen war es hier noch nie.»
Er muss es wissen. Seit zwei Jahren arbeitet Clovis Inocencio, 36, als Haustechniker im Progr. Er wechselt Glühbirnen, nimmt kleinere Reparaturen vor und hilft gelegentlich beim Auf- und Abbau von Ausstellungen. Jetzt, kurz nach 9 Uhr, da die Mails abgerufen und die Handwerker für die grösseren Arbeiten bestellt sind, greift er nach dem Schlüsselbund. «Damit beginnt mein Arbeitstag: die Tour de Problèmes.»
Beim Abtasten der Radiatoren
Düster und still ist es in den breiten Korridoren des Progr. Hier und dort klopft Clovis Inocencio an eine Ateliertüre. Meist meldet sich niemand. «Die Leute kommen später, viele arbeiten abends oder nachts», sagt er. Nach mehrmaligem Klopfen öffnet er die Türen, tritt ein und tastet die Radiatoren ab. Ein Künstler aus dem zweiten Stock hat sich über die Heizung beschwert. Sie lasse sich nicht mehr regulieren, heize ununterbrochen mit voller Kraft. Letzte Woche soll sich sein Raum auf dreissig Grad Celsius erhitzt haben.
«Das Problem ist, dass wir nicht überall genau wissen, wie die Heizkreise im Gebäude zusammengeschlossen sind», sagt Clovis Inocencio. Als das ehemalige Progymnasium vor fünf Jahren von den Künstlern bezogen wurde, konnten keinerlei Baupläne des Gebäudes aufgetrieben werden. Nach intensiver Suche hat sie die Liegenschaftsverwaltung für verschollen erklärt. Deshalb schreitet Clovis Inocencio nun von Atelier zu Atelier, um zu prüfen, ob auch anderswo Heizprobleme bestehen. Nein, mühsam sei das ganz und gar nicht. Eher spannend, sagt er. Man müsse sich eben einlassen auf das Gebäude. «Es gibt zwar keinen Plan für den Progr, aber es gibt ein Gefühl.»
Später wird er unten im Heizungsraum mit der Hand auf die dicken Rohre zeigen, die noch immer beschriftet sind mit «Lehrer und Abwart» und «Aula». Clovis Inocencio wird sagen, dass dies eigentlich das Herz des Progr sei. Und dass er leider nicht bei jedem Rohr mit Bestimmtheit sagen könne, wohin es führt, weil – eben, die Pläne sind fort. Dann wird er durch den Raum schreiten und vor einer kleinen Schalttafel mit zwei Regulatoren stehen bleiben. Hier kenne er sich aus. «Wenn ich den blauen Regler nach unten schiebe, dann wird es kühl, wenn ich den roten nach oben fahre, dann wird es warm im Progr.»
Ein Schauspieler als Techniker
Clovis Inocencio gibt sich keine Mühe, zu verbergen, dass der Hausmeisterjob nicht seine Berufung ist. Eigentlich hatte er 2002, als er seiner Freundin und ihrem Sohn nach Bern folgte, beabsichtigt, weiterhin als Schauspieler zu arbeiten. So wie zuvor in der brasilianischen Stadt Curitiba, wo er die Schauspielakademie besucht hatte und sich in der freien Theaterszene bewegte. Es kam anders. In Bern stand er nur mehr neben der Bühne. Am Lichtpult, in Theaterwerkstätten, in Technikerteams. So kam er dann zum Progr. Sein Herz schlage noch immer für das Theater. «Aber die Sprache ist ein grosses Hindernis.» Dann steht er auf. Man müsse weiter, sagt Clovis Inocencio.
Der Einbrecher muss mit seiner ganzen Kraft gegen diese Türe gerannt sein. Die Türfalle von Rodja Gallis Atelier im ersten Stockwerk lottert, der Türrahmen ist beschädigt. «Zum Glück hielt sie stand», sagt Galli. Clovis Inocencio nickt. Der Einbruchversuch hat am Sonntagabend der vergangenen Woche stattgefunden. Der Täter wurde nicht gesehen. Clovis Inocencio wird einen Fachmann kommen lassen, um die Türe zu richten. Die Rechnung geht an den Künstler.
Einige Minuten später steht er auf einer Plattform im Treppenhaus zwischen dem zweiten und dritten Stockwerk und schaut aus dem Fenster. Es ist sein Lieblingsplatz im Progr. Hier schaut er nach Feierabend oft hinab zu den Gästen auf der Turnhalle-Terrasse oder hinüber zu den Ateliers im Speichergasse-Trakt. Er sieht die Künstler, die tanzen, musizieren, malen oder einfach nur herumsitzen. «Ich beobachte sie und stelle mir vor, was sie denken.»
Clovis Inocencio mustert die parkierten Fahrzeuge im Innenhof, während er sich die Worte zurechtlegt. «Auf mich hat der Ausgang der Abstimmung keine Auswirkungen», sagt er. Bald beginne er ein Praktikum als Sozialarbeiter, seine Tage im Progr sind gezählt. Trotzdem: Er würde es bedauern, wenn das Kulturzentrum weichen müsste. Wegen der Künstler. Und auch wegen des Hauses. Schön sei das Haus und gross. Er fühle eine Sicherheit hier drin, es sei wie eine kleine Welt. Die Investoren wollten alles rausreissen, nur die Hülle des Progr stehen lassen. Das mache ihn traurig. Sicher, das Haus habe gewisse Eigenheiten. Die rätselhaften Geräusche hinter den Mauern, das Pfeifen der Heizungen, der Fahrstuhl, der zwar noch funktionstüchtig sei, aber vielleicht nicht mehr allzu lange. Aber nur weil es hier gelegentlich etwas quietsche oder pfeife, sei noch lange keine luxuriöse Gesamtsanierung nötig. «Meistens reicht es schon, wenn man ein bisschen Öl draufgibt. Oder wenn man bei den Brandmeldern eine neue Batterie einsetzt.» (Der Bund)
Erstellt: 08.05.2009, 14:40 Uhr



