Fürs Leben gezeichnet

Eine Begegnung, die unter die Haut geht: Der 50-jährige Berner Bauarbeiter Ernst Rüegg ist von Kopf bis Fuss tätowiert. Mit seinen «Tribal Tattoos» bedrohter Urvölker will er hautnah zeigen, dass es «neben unserer Konsum- und Leistungskultur noch andere Kulturen gibt auf dieser Welt». Im Übrigen präsentiert er sich stolz als eine Art Gesamtkunstwerk.

«Die Motive müssen sorgfältig ausgewählt werden, damit etwas wirklich Schönes entsteht.» (Adrian Moser)

«Die Motive müssen sorgfältig ausgewählt werden, damit etwas wirklich Schönes entsteht.» (Adrian Moser)

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Ernst Rüegg, 50-jährig, angelernter Schreiner und Bauarbeiter, wäre eigentlich ein ganz gewöhnlicher, eher unauffälliger Mensch. Aber er fällt auf.

Er ist fürs Leben gezeichnet. Von Kopf bis Fuss. Mit Tätowierungen, die er nie mehr wegbringen wird und auch nie mehr wegbringen will. Er zeigt sie stolz, versucht nicht, sie verschämt unter den Kleidern zu verstecken. Dies sei das Faszinierende daran, sagt er: «dass Tätowierungen etwas Verbindliches, etwas Bleibendes sind». Deshalb müssten die Motive sorgfältig ausgewählt werden, damit «etwas wirklich Schönes und Aussagekräftiges entsteht». Ein richtiges Tattoo sei eben mehr als ein modisches Accessoire, wie es sich in den letzten Jahren vor allem auch viele Frauen zugelegt hätten – vornehmlich an neckischen Körperstellen, die sich nach Belieben bedecken oder entblössen liessen.

Lilienmuster auf dem Handrücken

Dass er sich am ganzen Körper tätowiert hat, heisst für Ernst Rüegg, «zu mir zu stehen, statt mich zu verstecken, mich in graue Kleider zu stecken, möglichst nicht aufzufallen, nichts von meiner Persönlichkeit preiszugeben». Er sei stolz auf sein «anderes» Aussehen, sagt er. Schon als 22-Jähriger spielte er mit dem Gedanken, sich tätowieren zu lassen. Doch die Sujets, die man damals meist zu Gesicht bekam, waren nicht nach seinem Geschmack: «Anker, Pin-up-Girl, Spinnennetz oder Totenschädel auf dem Oberarm – nein, das war nicht das, was ich wollte.» Er wollte seinen Körper «mit etwas Gültigem» zeichnen – «mit etwas Klassischem, das in die Tiefe geht».

Und weil das Tätowieren damals in Bern noch verboten war, brachte er sich die ersten Nadelstiche selber bei. Er nahm eine Stecknadel und schwarze Tusche und stach sich ein kleines Lilienmuster auf den linken Handrücken.

Ein Überbringer von Botschaften

Erst viele Jahre später machte er sich daran, seinem ganzen Körper ein neues Aussehen zu geben. «Ich fand es geil», sagt er, «mit jedem neuen Tattoo reizte es mich, noch mehr zu machen.» Dabei überliess er nichts dem Zufall. Er fand Gefallen an «Tribal Tattoos», an traditionellen, archaischen Tätowierungen bedrohter Völker, und begann, sich mit der Tattoo-Kultur dieser Völker zu befassen. Er las Bücher und Berichte über die symbolischen und psychologischen Hintergründe dieser uralten Körperkunst – und beschloss, fortan mit seinem eigenen Körper Teil dieser «Tribal Tattoo»-Kultur zu sein. Er reiste für mehrere Monate nach Malaysia, Borneo, Neuseeland, Samoa und Tahiti, um sich dort von anerkannten einheimischen Ethnokünstlern tätowieren zu lassen.

Was dabei herausgekommen ist, betrachtet er nun als «Botschaften der Urvölker an Europa». Er sei «ein Überbringer dieser Botschaften» – und zwar eben einer, der dies «am eigenen Körper» tue. Das sei intensiver und verbindlicher, als wenn er «bloss eine Nachricht, einen Film oder ein Bild» nach Hause brächte. Für alle, die ihm begegnen, sind diese Botschaften nun unübersehbar. Sie gründen tief. Gehen unter die Haut. Können aber auch irritieren.

«Ja», sagt er, «wer mir begegnet, stellt sich unweigerlich Fragen. Zu meiner Person. Oder zu den Beweggründen für meine Tattoos.» Viele zeigten Interesse, nur wenige begegneten ihm mit Vorurteilen. Viele sprächen ihn auch auf die «wahnsinnig schönen Muster» seiner Tätowierungen an. Und das gebe ihm dann die Gelegenheit, auch über die Hintergründe seiner «Tribal Tattoos» zu erzählen – über die Urvölker in Samoa oder in Borneo, in Neuseeland oder in Tahiti. Und so daran zu erinnern, dass es «neben unserer oberflächlichen westlichen Konsum- und Leistungskultur noch andere Kulturen gibt auf dieser Welt».

Auch die Tätowierung des Gesichts und der Schädeldecke war für Ernst Rüegg plötzlich kein Tabu mehr. «Wenn schon mein ganzer Körper tätowiert ist», sagte er sich, «dann soll auch mein Kopf tätowiert sein.» Dabei habe er sich allerdings «nur den besten Künstlern» anvertraut. Die grossen Löcher in seinen Ohrläppchen hat er sich aber selber zugefügt: «Mit Zahnstochern habe ich sie allmählich vergrössert, immer ein bisschen mehr ausgeweitet. Nach drei Wochen konnte ich zwei, nach drei weiteren Wochen drei Zahnstocher ins Loch stecken. Später hatte ein Ästchen Platz oder ein mit Papier eingewickelter Dübel-Stab.»

Nun hat er einen spiralförmig geschnitzten Schmuck aus Horn ans linke Ohr gehängt. Und ins Loch im rechten Ohr, das so gross ist wie ein Einfränkler, hat er einen kostbaren blauen Lapislazuli-Ring eingepasst. Und beide Ohren passen, samt Schmuck, gut zu seinem archaischen Amulett – einem von Maoris aus Knochen geschnitzten Haken.

Der Körper als Landkarte

Seine neuste Tattoo-Errungenschaft ist erst wenige Wochen alt, ziert nun seinen Kopf und ist nur zu sehen, wenn er sich den Schädel rasiert. Es handelt sich um ein klassisches Mandala-Muster aus Tibet, das er sich von einem in Lausanne lebenden tibetischen Tattoo-Künstler stechen liess. «Um damit», wie er sagt, «den Tibetern, diesem unterdrückten Volk, meine Verbundenheit auszudrücken.»

Die Stirn, die obere Gesichtshälfte und die Nase hat er sich in Neuseeland vom Maori Inia mit spiralförmigen Maori-Motiven schmücken lassen – «sie bedeuten Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft», sagt Rüegg. Auf der unteren Gesichtshälfte trägt er indianische Tattoos von Jack Mosher aus Kalamazoo, Michigan. Der Hals ist seitlich von einem Engländer nach tibetischen Vorgaben tätowiert worden – vorn mit einem Muster aus Borneo. Oberarme und Schultern sind ebenfalls mit Borneo-Tribes verziert, auf der Brust dominieren neben weiteren Borneo-Tattoos und seinem Sternzeichen (Widder) vor allem keltische Muster.

«Es hat noch einiges Platz»

An Rüeggs linken Arm hat ein deutscher Tätowierer Hand angelegt (mit Maori-Mustern), am rechten Arm trägt er ein modernes Tribal-Motiv aus Tahiti, das ihm der Berner Tätowierer Ändu Schwertfeger gestochen hat. Die linke Handoberfläche hat ein Grieche mit filigranen Borneo-Mustern versehen, die rechte Hand ist ihm von einem Tattoo-Künstler in Oxford tätowiert worden. Den Rücken hat ein Tätowierer aus Kerzers nach eigenen Ideen gestaltet – rund um ein Dreieckmuster entlang der Wirbelsäule, das ihm eine Berner Tattoo-Künstlerin schon vorher gestochen hatte. Bei der grössten Tätowierung handelt es sich um eine originale samoanische Pe’a, die er sich auf Samoa stechen liess – «von den bekannten Petelo und Peter Suluape», wie Rüegg stolz bemerkt. Sie reicht vom Bauch über die gesamte Beckenpartie und die Oberschenkel bis über die Knie hinaus. Auf den Unterschenkeln schliesslich prägen Motive aus Hawaii , ein Indianer- und ein Azteken-Muster sein Äusseres. Und obschon er bereits längst von Kopf bis Fuss gezeichnet ist, hat er noch freie Körperstellen. «Ja», sagt er, «es hat noch einiges Platz. Zum Beispiel am Bauch, am Kinn oder am linken Bein.»

Dass sein tätowierter Körper ihn schon eine schöne Stange Geld gekostet hat, kümmert ihn nicht: «Das ist kein Thema. Wer täglich ein Päckchen Zigaretten raucht, gibt auch viel Geld aus. Ich rauche nicht, spare also Geld – für meine Tattoos.»

«Immer wieder untendurch»

Ernst Rüegg fällt in der Öffentlichkeit nun also auf. Vor allem sein tätowierter Kopf zieht die Blicke magisch an. Ihm ist das recht so. Er geniesst es, plötzlich «jemand zu sein», beachtet zu werden – nachdem er zuvor in seinem Leben kaum Beachtung gefunden hatte.

Als Einjähriger hatte er durch einen Unfall einen schweren Schock erlitten, den Sprachsinn verloren und sich deshalb, wie er sagt, «ein bisschen anders entwickelt als andere Kinder». Als Sechsjähriger habe er bei einem weiteren Unfall, einem 6-Meter-Sturz, einen Schädelbruch erlitten und dabei «wie durch ein Wunder den Sprachsinn zurückgewonnen». So, sagt er, sei es ihm jedenfalls erzählt worden. Die beiden Unfälle hätten seine Kindheit geprägt. Statt in einer Kleinklasse gefördert zu werden, habe man ihn in die Hilfsschule gesteckt. Sein Vater habe als Beizer «eigentlich rund um die Uhr, sieben Tage pro Woche, gearbeitet», ein richtiges Familienleben habe er nicht gekannt – «ausser an Weihnachten, wenn die Beiz geschlossen war». Später seien seine Eltern weggezogen, ihn habe man in ein «Arbeitsheim für Gebrechliche» in Amriswil gesteckt – für eine zweijährige Schreineranlehre. Dann habe er in einer Wohngemeinschaft und in Untermiete bei einer älteren Frau gelebt – bis er längere Zeit durch Amerika gereist sei. So sei es dann weitergegangen: «Reisen, arbeiten, reisen, arbeiten, reisen, arbeiten.» Und so habe er auch ganz Europa kennengelernt – «per Velo und Autostopp, mit Übernachten unter Brücken und unter freiem Himmel statt in teuren Hotels».

Gegenwärtig ist Ernst Rüegg wieder zu Hause in Bern, arbeitet auf dem Bau («ein 100-Prozent-Job»), und wenn man ihn per Handy anruft, muss er sich auf der Baustelle oft in irgendeine ruhigere Nische flüchten, um ein einigermassen verständliches Gespräch führen zu können. In seiner Wohnung in Gümligen taucht er dann aber wieder in seine andere Welt ein – in die leise Welt, nach der er sich sehnt und die er unauslöschlich auch in seinen Körper geprägt hat: die Welt der Naturvölker.

Die Wohnung ist überstellt mit Steinen, Kristallen, Muscheln, Masken, Figuren und Figürchen – von afrikanischen Schnitzereien über Korallen aus der Südsee bis zu balinesischen Totenmasken, von indianischem Kopfschmuck bis zu niedlichen Holz-Babuschkas aus dem Osten oder zu tibetischen Gebetsfahnen. An den Wänden hängen stimmige Tattoo-Poster. In den Büchergestellen findet man, fein säuberlich eingereiht und geordnet, zum Beispiel «Völker, Farben, Rituale», «Geschmückte Haut», «The World of Tattoo», «Die letzten Paradiese der Menschheit» oder Bruno Mansers «Tagebücher aus dem Regenwald». Aus den Lautsprecherboxen dringen zarte, liebliche, unaufdringliche Ethno-Klänge, die Ernst Rüeggs Träume und Sehnsüchte irgendwie auch hörbar machen. Und erwartungsfroh erzählt er von seinen nächsten Reiseplänen: Ende November zieht es ihn wieder nach Samoa, an die «Samoan Tattoo Convention». Und auch von dort wird er wohl kaum ohne neues «Tribal Tattoo» heimkehren.

Grenzen sprengen

Mitten in Ernst Rüeggs Wohnzimmer, das zugleich Schlafzimmer ist, steht ein schöner, alter Globus. «Die Welt», wie er sagt. Für ihn sei Bern «Teil, aber nicht Mittelpunkt dieser Welt»: Wenn er zu Fuss in Bern unterwegs sei, bewege er sich «auf dem gleichen Boden wie die Menschen in Malaysia – ich käme von Bern nach Malaysia, ohne auf ein Schiff angewiesen zu sein. Die einzigen Grenzen, die es dazwischen gibt, sind künstliche, von Menschen gemachte Grenzen. Doch diese zählen nicht.»

Auch andere Grenzen versucht Ernst Rüegg zu sprengen: Grenzen, an die er durch sein Aussehen hie und da stösst. «Ich respektiere und akzeptiere es, wenn jemand mit meinen Tattoos Mühe hat», sagt er, «aber ich möchte, dass man sich deswegen nicht gleich von mir als Mensch abgrenzt.» Im Innersten sei er noch immer der Gleiche, sagt er, obschon seine Tattoos nicht nur eine Äusserlichkeit seien: «Sie sind Ausdruck meiner Entwicklung. Sie gehören nun zu mir. Zu meiner Persönlichkeit.» Sind tief in seine Haut gestochen. (Der Bund)

Erstellt: 22.05.2009, 14:50 Uhr

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