Die Enkel im «Erinnerungsbüro»
Grosseltern sind alt. Sie waren auch mal jung, aber damals waren sie noch keine Grosseltern. Ihr Jungsein erzählt von einer anderen Welt – in doppelter Hinsicht: Zum einen schlägt unser Gedächtnis dank ihnen Brücken zurück in andere Epochen, zum anderen fasziniert uns die Vorstellung, dass unsere Grosseltern, die «Alten» per se, früher wohl ganz anders waren, dass sie auch ihre Jugend, ihre abenteuerliche, womöglich ausschweifende Zeit hatten.
Wenn man also Nachforschungen über das Leben seiner Grosseltern anstellt, dann spürt man zweierlei Geheimnis nach, einem allgemeinen historischen und einem engeren, im Grunde ganz persönlichen. Es geht um das geflügelte Wort von der übersprungenen Generation, von den Eigenschaften, die wir bei den Eltern nicht finden, wohl aber bei den Grosseltern. Mehr wissen zu wollen über die Grosseltern, ist deshalb nicht zuletzt eine Selbsterkundung. Wo uns die Eltern (und damit wir uns selbst) fremd sind, da hoffen wir auf kleine Aha-Erlebnisse, wenn wir in der Vita der Grosseltern blättern.
«Da fängt das Projizieren an»
«Es geht um eine Identitätsvergewisserung», sagt Mats Staub, der für sein «Erinnerungsbüro» seit einigen Monaten Geschichten über Grosseltern sammelt. «Und genau da fängt auch das Projizieren und das Konstruieren an.» Da geraten schon mal Generationen durcheinander, werden Legenden zu Tatsachen und kleine Beamte zu Bürgermeistern.
Darum will der 36-Jährige eines klar festhalten: Sein Projekt wolle «nie und nimmer» zeigen, wie unsere Grosseltern wirklich gelebt hätten. Vielmehr drehe es sich um Fragen der Erinnerung und der Tradierung. «Es sind keine Zeitzeugen, die erzählen, sondern eben deren Enkel, die sich an Erzählungen erinnern.» Durch das Unfertige, Bruchstückhafte würden sich auch den Besuchern Fragen aufdrängen: Was ist eine wahre Geschichte? Und was kann man überhaupt wissen?
Für den Erinnerungssammler selbst steht die Frage im Zentrum, wie wir auf die Geschichte zurückschauen. Wo hat man einen versöhnlichen Zugang und wo einen verklärenden? Wird beim Erzählen dramatisiert oder verharmlost? Weiss man vieles nicht, weil beharrlich darüber geschwiegen wurde? Diesbezüglich hat Mats Staub einigen Respekt vor den nächsten Stationen des Projekts in Wien und Deutschland, wo er versuchen wird, Ausflüge zurück ins Dritte Reich und ins folgende grosse Schweigen zu unternehmen.
Bei den bisherigen Gesprächen sei ihm nochmals neu bewusst geworden, «wie verschont die Schweiz geblieben ist». Die Wurzeln vieler Enkel reichten ins Ausland, «da kommt beim Zurückblicken immer der Krieg vor», oftmals seien aber nur ganz wenige Bruchstücke bekannt. Die Enkel mit schweizerischen Grosseltern würden die Kriegszeit häufig gar nicht erst erwähnen, «nicht weil sie verschwiegen worden wäre, sondern weil sie meist nicht zu heftigen Brüchen in der Biografie geführt hat».
Wo es ins Unentdeckte geht
Mats Staub hat eine thematische Frageliste, die er durchgehen kann, wenn die spontane Erzählung versiegt. Erlebnisse aus den Kriegsjahren eben, die Liebesgeschichte des Grosselternpaars, die Arbeitssituation, aber auch sinnliche Eindrücke aus der Kindheit der Enkel. Meist werde es dort viel spannender, wo es «ins Unentdeckte geht», wo schlummernde Erinnerungen plötzlich wieder geweckt werden. «Nach den ersten zehn Minuten, wenn das Zurechtgelegte und die abgeschliffenen Anekdoten erzählt sind.»
Diesen Moment, wo «etwas passiert», wo man an diese schlummernden Erinnerungen rührt – «und paff, ist es wieder da» –, den höre man in der Stimme, deshalb sei es auch wichtig, dass das Erinnerungsbüro als Audioprojekt funktioniere. Er habe rasch gemerkt, dass das Sprechen über Grosseltern an sich einen Zauber habe – dass er damit ganz direkt einen Bezug herstelle zur mündlichen Tradierung, die ja Familiengeschichten ohnehin auszeichnet, sei ihm erst später bewusst geworden.
Ganz am Anfang des Projekts stand die eigene Geschichte. Seit Jahren habe er sich gesagt, dem Leben seiner «afrikanischen» Grosseltern müsse er mal nachgehen. Nur wenige Kilometer voneinander entfernt aufgewachsen – er auf dem Belpberg, sie in der Stadt Bern –, haben sie sich in der Fremde, in Tansania, gefunden. «Die beiden wären in der Schweiz nie ein Paar geworden; es brauchte Afrika, damit die Professorentochter und der Bauernsohn zusammenkommen konnten.»
Ebenfalls mit Afrika zu tun hat eine der schönsten Geschichten, die Mats Staub bislang aufgespürt beziehungsweise angestossen hat. Simone hat nach dem Besuch im Erinnerungsbüro, wo sie von «Bobi» und seinem Leben in Kongo erzählt hat, beschlossen, über die Weihnachtstage endlich selbst nach Afrika zu reisen und ihren kolonialen Grosseltern nachzuspüren. Vor ein paar Tagen dann ein E-Mail: «Ich habe erfahren, dass meine Grossmutter noch lebt, in Kongo.»
Gedächtnislücken, Schuldgefühle
Das ist tatsächlich das Spannende am Erinnerungsbüro: Es funktioniert auf verschiedenen Ebenen, die klassisch passive Publikumsrolle, das Hören einer Geschichte, ist nur ein Aspekt unter vielen. Lange bleibt man nicht Konsument, im Erinnerungsbüro ist es fast unmöglich, gewissermassen auf der Tribüne sitzen zu bleiben, weit weg vom Geschehen: Unweigerlich beginnt man beim Zuhören selbst in der Erinnerung zu kramen, und ebenso unweigerlich kommt die Erkenntnis, dass man so vieles nicht weiss, was man eigentlich meint wissen zu müssen.
In den Gesprächen begegne ihm recht häufig ein «schlechtes Gewissen» ob der eigenen Erinnerungslücken, das er dann mit der Bemerkung zu besänftigen versuche, es gehe den meisten so. Wir empfinden offenbar eine Schuld, wenn wir die Geschichten-«Tradition» (im eigentlichen Sinn des Wortes) nicht weiterführen. Mats Staub findet den Begriff «Schuld» zu hart, aber ja, er wolle durchaus ein Bewusstsein dafür schaffen, «wie viel verloren geht, wenn man nicht nachfragt». Und es freue ihn natürlich sehr, wenn er dieses Nachfragen in Gang bringe.
Was ist eine spannende Geschichte?
Noch stärker involviert wird man natürlich beim Selbererzählen. «Die Gespräche sind Teil des Projekts», sagt Mats Staub, sie dienen nicht allein dem Sammeln, sondern sind gewissermassen eine Eins-zu-eins-Aufführung. Entsprechend schwer fällt es dem Dramaturgen und Theaterwissenschaftler, das Projekt zu etikettieren. Ist es zeitgenössisches Theater, oder ist es ein ungewöhnliches historisches Archiv? Es sei ein Format, das «prononciert dazwischen» liege. Dabei sei ihm besonders wichtig, das Publikum aktiv am Auswahlprozess zu beteiligen. «Die Auswahl ist die Kunst – einen Teil leiste ich, einen Teil die Besucher.»
Schon in unserem Gedächtnis wird sortiert, wird festgehalten oder vergessen, beim Erzählen noch einmal (nicht alles, was wir wissen, halten wir auch für wert oder geeignet, mitgeteilt zu werden). Dann kommt der Erinnerungssammler ins Spiel, der wiederum wegschneidet und neu zusammenstellt, und schliesslich wählt jeder Besucher des Erinnerungsbüros aus dem grossen Fundus der Geschichten aus, lässt sich von einem Foto ansprechen, von einer Stimme.
Für ihn sei das Erinnerungsbüro genauso ein Projekt über das Erzählen wie über das Erinnern, sagt Mats Staub. «Jeder hat Grosseltern, jeder kann eine Geschichte erzählen.» Oft höre er: «Viel ist das nicht, da gibt es keine spektakuläre Lebensgeschichte» – aber genau das sei gar nicht so eindeutig: «Was ist denn das, eine spannende Geschichte?» (Der Bund)
Erstellt: 19.12.2008, 16:56 Uhr



