Zeitung heute

Detektive auf Entzug

Die Nachfahren von Holmes, Maigret und Studer möchten dem Rauchen abschwören. Der Tabakqualm ist in heutigen Krimis nicht mehr Stimulanz für brillantes Denken, sondern nur noch Suchtmittel für kaputte Verlierer.

Sherlock Holmes als Nichtraucher? Unvorstellbar. Zum Bild des Meisterdetektivs gehört – neben der Lupe – zwingend die geschwungene Tabakspfeife, die er in seinem Sessel sitzend genüsslich schmaucht. Auch Zigarren und Zigaretten verachtet Holmes nicht. Kein Wunder, das «Tobackrauchen» gilt schon seit dem 17. Jahrhundert als ausgezeichnetes Mittel, behagliche Anregung zu geistiger Arbeit zu verschaffen und das Denken zu schärfen. Tabak ist also gewiss nicht das falsche Genussmittel für den fast pathologischen Beobachter, akribischen Denker und blitzgescheiten Kombinierer.

Der Tabak ist aber nicht nur ein Mittel, mit dem der Detektiv sein Denken anregt; der Tabak ist auch Gegenstand von Holmes’ detektivischer Tätigkeit. In «Das Zeichen der Vier» (1890) erklärt er seinem Freund Dr. Watson, er, Holmes, habe eine Publikation mit dem Titel «Über den Unterschied zwischen den Aschen verschiedener Tabake» verfasst. Darin führe er 140 Arten von Zigarren-, Zigaretten- und Pfeifentabaken auf und zeige mit farbigen Abbildungen die Unterschiede der Asche. Damit, so Holmes, könnten in vielen Fällen wichtige Anhaltspunkte für die Lösung eines Falles gewonnen werden.

Was aber, wenn es keine Fälle zu lösen gibt? Was, wenn die grauen Zellen nichts zu kombinieren, keine Rätsel zu lösen haben? Dann rebelliert Holmes’ Verstand gegen die «Stumpfheit des täglichen Lebens». Tabak ist dann für Holmes nicht die richtige Substanz, den Verstand zu stimulieren. In den Monaten ohne kriminalistische Herausforderungen spritzt sich der frühe Holmes deshalb dreimal am Tag Morphium oder Kokain.

Der besorgte Dr. Watson warnt seinen Freund – nicht zuletzt vor den Folgen, die Morphium und Kokain auf Holmes’ besondere Denkfähigkeiten haben könnten. Die Ermahnung des Arztes hat aber wenig Erfolg. Am Schluss von «Das Zeichen der Vier» spürt Holmes wieder die grosse Leere, und er streckt seine lange weisse Hand nach dem Kokain-Fläschchen aus.

Mit der Pfeife gegen die Moderne

Kokain und Morphium sind für Detektive (auch für Sherlock Holmes) bald tabu. Rauchen jedoch ist in den Krimis des früheren 20. Jahrhunderts weiterhin eine Selbstverständlichkeit. Die Rauchwaren werden gar gezielt eingesetzt, um die Figuren in den Romanen unverkennbar zu zeichnen. Georges Simenon etwa gibt seinem Kriminalkommissar Maigret neben der Melone und dem dicken Mantel mit Samtkragen von Anfang an eine Pfeife als Requisit mit. Bei Maigret vermittelt die Tabakspfeife allerdings nicht entspanntes Denken, sondern eher Solidität, Beharrlichkeit und eine Portion Trotz, mit der sich Maigret gegen die Beschleunigung der Moderne – für die die Zigarette steht – stellt.

Die «Hände in den Taschen, die Pfeife im Mundwinkel, breit und gewichtig» stellt sich der Kommissar etwa im ersten Maigret-Roman, «Pietr der Lette» (1929), hin. Und bei den Ermittlungen im noblen Hotel Majestic denkt er gar nicht daran, die Pfeife aus dem Mund zu nehmen. Im Gegenteil: «Die Pfeife war zwischen die Zähne genietet», und Maigret pafft beim Warten gleich drei Pfeifenfüllungen.

Rauchen ist auch für den von Maigret inspirierten Wachtmeister Jakob Studer wichtig. Rauchen kann etwa die vertrauliche Nähe herstellen, dank der Studer in den Gesprächen mit Zeugen und Verdächtigten Feinheiten heraushört, die anderen Fahndern entgehen. Studers ungewöhnliche Verhörmethode und seine Sympathie für die Kleinen und Verschupften zeigen sich etwa in einer Rauchszene in «Schlumpf Erwin Mord» (1936). In der Gefängniszelle, in der sich der Untersuchungshäftling Erwin Schlumpf eben erhängen wollte, zündet sich Studer mit dem Strohhalm eine Brissago an. Dann bietet er Schlumpf aus einem «gelben Päckli» eine Zigarette an, setzt sich neben ihn aufs Bett und fragt vertraulich: «So, Schlumpfli. Und jetzt. Warum hast du Schluss machen wollen?»

Markieren die Brissago und die Zigarette aus dem «gelben Päckli» die väterliche Empathie Studers zum kleinen Schlumpf und dessen Vertrauen zum Fahnder, so zeigt die Rauchszene zwischen Studer und dem verantwortlichen Untersuchungsrichter ein ganz anderes Verhältnis. Die Zigaretten mit goldenem Mundstück, die der Untersuchungsrichter ihm anbietet, lehnt Studer energisch ab. Er raucht lieber eine Brissago – von deren Rauch es dem Untersuchungsrichter rasch übel wird.

Die emanzipierte Frau raucht

Dass der sehr kultivierte und äusserst scharfsinnige Lord Peter Wimsey in den Kriminalromanen von Dorothy Sayers Pfeife raucht, überrascht wenig. Im Tabak-Konsum aber zeigt sich ein fundamentaler Unterschied zwischen Lord Peter und seinen Detektiv-Kollegen, nämlich ein grundsätzlich anderes, moderneres Verhältnis zu den Frauen. Wohl ist Lord Peter der blitzgescheite Detektiv, die eigentliche Protagonistin von Sayers’ Romanen ist aber die Krimiautorin Harriet Vane – in die Lord Peter unsterblich verliebt ist. Auch Harriet Vane raucht, und das ist im Verhältnis zwischen ihr und Lord Peter bedeutsam. Die rauchende Frau ist schon seit Ende des 19. Jahrhunderts sozial akzeptiert. Aber bis weit ins 20. Jahrhundert signalisiert die rauchende Frau mit der Zigarette nicht nur Erotik, sondern auch Selbstständigkeit und Emanzipation.

Die Furcht, ihre Selbstständigkeit zu verlieren und nur noch die Frau an der Seite des brillanten Lord Peter zu sein, lässt Harriet Vane die regelmässig wiederholten Heiratsanträge des Lords ablehnen. Dass er ihr aber in «Aufruhr in Oxford» (1935) ausgerechnet nach einer Übung in Selbstverteidigung eine Zigarette anbietet, weist darauf hin, dass er ihre Selbstständigkeit und emanzipierte Lebensweise akzeptiert. Und dass sie Lord Peters Zigarette tatsächlich annimmt, ist ein Hinweis darauf, dass sie auch seinen Antrag irgendwann annehmen wird.

Der Mörder raucht passiv

Die Veränderung in der gesellschaftlichen Akzeptanz des Rauchens gegen Ende des 20. Jahrhunderts spiegelt sich auch in den Kriminalromanen. In Felix Mettlers «Der Keiler» (1990) ist das Rauchen gar der Auslöser für den Mord. Der Mörder ist als Krebskranker gewissermassen das Opfer eines fiesen Kettenrauchers. Für die Polizei Grund genug, den bereits vom Tod gezeichneten Mörder entkommen zu lassen.

In Jean-Claude Izzos «Marseille-Trilogie» (1995–1998) ist das Rauchen nur noch eine am Rand bemerkte Nebensächlichkeit. Tabak ist kein Stoff mehr, der klarsichtig macht. Izzos Detektiv, Fabio Montale, sieht so schon viel zu klar – etwa die Zusammenhänge von rechter Politik, organisiertem Verbrechen und dem Niedergang seiner Stadt. Das ist nicht mehr der Ennui des unterbeschäftigten Holmes, das ist der Blues des machtlosen Detektivs, den Montale mit seinem Lieblingswhisky und allen Alkoholika wegspült, die der Süden Frankreichs hergibt.

Eine neue Sucht: Sport

Selbstverständlich gibt es auch nach der Jahrtausendwende noch Detektive oder Kommissare, die rauchen – und es sich meist abgewöhnen wollen. Fast durchwegs ist das Rauchen aber negativ besetzt. In Garry Dischers «Flugrausch» (2003) etwa findet sich ein Bild, das wie die höhnische Umkehrung des angeregt in seinem Sessel rauchenden und denkenden Sherlock Holmes wirkt. Inspektor Hal Challis und seine Kollegen befragen eine Zeugin, die so eingeführt wird: «Louise Cook war um die vierzig, hatte karottenrote Haare ohne jede Fasson und das trockene, faltige Gesicht einer Kettenraucherin. Sie hustete stark und führte sie eilig ins Wohnzimmer, so als müsse sie dringend wieder zu ihrem Lehnsessel, dem Beistelltisch und dem Aschenbecher.»

Nicht schmeichelhafter werden die Tabaksüchtigen in Claudio Paglieris «Kein Espresso für Commissario Luciani» (2005) geschildert. Es sind «traurig dreinblickende Männer mit Zigarette im Mundwinkel und einem missglückten Haarschnitt, der ihnen wohl von der Frau am heimischen Herd verpasst worden war.»

Kommissar Marco Luciani hat keine Zigarette im Mundwinkel. Seine Süchte sind zeitgemässer. Er vermeidet krankhaft die Nahrungsaufnahme und martert seinen ausgemergelten Körper mit exzessivem Jogging. Nur wenn er etwas zu feiern hat – was selten genug vorkommt –, dann raucht er: eine kubanische Partagas mit dem «penetrant-femininen Duft». Doch auch die edle Zigarre, die er auf seinen ganz persönlichen Sieg raucht, verschafft keinen selbstvergessenen Genuss mehr. Sie kann «den bitteren Geschmack nicht vertreiben», der auch nach Abschluss des Falls in seinem Mund bleibt.

Der Autor ist Literaturwissenschaftler und Publizist. Im Herbst erscheint seine neue Kriminalerzählung «Schranz» im Verlag Scharfe Stiefel. (Der Bund)

Erstellt: 10.07.2009, 14:39 Uhr

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