Der neue Tattoo-Trend
Der Sommer enthüllt sie wieder, gestochen scharf und hautnah: Tattoos – auf sonst meist züchtig bedeckten Körperstellen. Viele Trägerinnen und Träger neckischer Tattoo-Motive, von schmucken traditionellen Ornamenten bis zu billigen Kitschmustern, stellen mehr oder weniger selbstbewusst wieder zur Schau, was sie sich mutig in die nackte Haut stechen liessen. Ob ein winziges Tattoo auf der Brust, am Oberarm, auf der Schulter oder am Po oder ein flächendeckendes Ganzkörperkunstwerk: Für viele ist es Beweis dafür, nicht vor der Verbindlichkeit des Tätowierens zurück geschreckt zu sein.
Nicht mehr anrüchig
Doch was motiviert zum Tätowieren – in einer Zeit, da Tattoos und Piercings kaum noch anrüchig, aufsehenerregend oder gar provokativ zu sein vermögen? Es ist die Sehnsucht nach Verbindlichkeit. Der Wunsch, «ein bisschen anders zu sein», sich in der schnelllebigen Welt von heute eine persönliche Symbolwelt zu schaffen, die Bestand hat – für immer und ewig. Ein Ritual auch. Eine Mutprobe. Und die das gute Gefühl vermittelt, dazuzugehören zur grösser werdenden Gemeinschaft der Tätowierten. Der uralte Brauch des Tätowierens erlebt derzeit einen wahren Boom. Der Berner Tätowierer Andreas «Ändu» Schwertfeger, der seit zehn Jahren das Berner Tattoo-Studio 32 führt, spricht von einem «erneuten Trend».
«So sinkt die Hemmschwelle»
Er führt dies vor allem darauf zurück, dass heute viele Stars und TV-Grössen mit Tattoos kokettierten – etwa Filmstars wie Angelina Jolie oder Brad Pitt, Musiker von Madonna bis Eros Ramazzotti oder Sportler wie David Beckham oder Anna Kournikowa. Selbst brav konfektionierte Akteure irgendwelcher gecasteter Boygroups seien heute tätowiert. «So», sagt Schwertfeger, «sinkt die Hemmschwelle. Tattoos sind ,in‘ und von der Gesellschaft akzeptiert. Viele Jüngere lassen sich auch von tätowierten Freundinnen und Freunden beeinflussen, wollen mit einem eigenen Tattoo auch dazugehören. Und Ältere werden oft zu veritablen Tattoo-Sammlern: Sie wollen immer mehr – bis sie kaum noch freie Körperstellen haben.» Jedes Tattoo sei «eine Investition fürs Leben». Und wer sich tätowiere, wolle sich «von der Masse abheben».
Viele Mode-Tattoos seien heute allerdings «Massenware aus dem Internet», sagt Ändu. Und weil die Hemmschwelle gesunken sei, würden auch immer mehr «extremere, grössere und buntere Sujets» gestochen. Als Tätowierer habe er aber die Vorgaben seiner Kunden zu respektieren – und die Altersgrenze von 18 Jahren einzuhalten. Er selber ist auch tätowiert – mit einem klassischen Borneo-Muster am Hals deutlich über den Hemdkragen hinaus. Weitere Tattoos würden folgen, sagt er.
Ebenfalls «nach Lust und Laune» lässt sich die Fotolaborantin und Fotografiestudentin Corinne Futterlieb, Ändus 27-jährige Freundin, ihre Tattoos verpassen. «Sie sind für mich eine Verschönerung, ein verbindlicher Körperschmuck», sagt sie, «auch eine Art Bildchen-Sammeln.» Lächelnd zeigt sie, was bisher entstanden ist: etwa zwei neckische Sterne in der Leistengegend, an den Unterarmen und Unterschenkeln unter anderem ein niedliches Seemännchen, ein Astroboy, Frauengesichter oder der Schriftzug «True love».
«Zu den Tattoos stehen»
Wichtig sei, zu seinen Tattoos zu stehen, sagt sie: «Wer sie zu kaschieren versucht, verleugnet sich. Tattoos sind endgültig, lassen sich nicht wegretouchieren.»
Tattoos würden von der Gesellschaft übrigens nicht mehr «mit bösen Rockern oder Verbrechern» assoziiert. Und: «Etwa auf MTV sind fast alle tätowiert. Auch das animiert zum Nachahmen.» (wd)
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Erstellt: 22.05.2009, 01:45 Uhr




