Der gläserne Kunstkonsument

Das Kunstmuseum St. Gallen ist Schauplatz eines ungewöhnlichen Forschungsprojekts. «eMotion» untersucht mit empirischen Methoden die Wahrnehmungen der Museumsbesucher. Ein Selbstversuch.

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Kunst kann den Betrachter kaltlassen, aber manchmal verursacht sie auch Gänsehaut oder beflügelt den Geist. Oder sie provoziert genau das Gegenteil, nämlich Ärger. Erinnert sei hier nur an Tracey Emins Installation «My Bed», die im Rahmen einer grossen Retrospektive im Frühling im Kunstmuseum Bern zu sehen war. Ihr ungemachtes Bett mit blutverschmierter Unterwäsche provozierte Ekel wie Begeisterung und polarisierte die Kunstwelt.

Zweifellos besteht ein enger Zusammenhang zwischen Kunst und Emotion. Neuerdings ist Kunst sogar zum Forschungsobjekt der Medizin geworden. Das neurästhetische Experiment «eMotion» will in Erfahrung bringen, wie Kunst im Museum funktioniert. Die menschlichen Versuchskaninchen streifen zurzeit durchs Kunstmuseum St. Gallen.

«Psychogeografisch kartiert»

Eines dieser Versuchskaninchen bin ich selbst. Es ist merkwürdig, am Eingang eines Museums in einen Handschuh zu schlüpfen. Sensoren am Zeige- und Mittelfinger sollen während des Rundgangs meinen Puls und meine Hautleitfähigkeit messen – beides sind Indikatoren für emotionale und kognitive Reaktionen auf einzelne Kunstwerke. Wenn meine Hände feucht werden, ist das ein Hinweis darauf, wie stark ich emotional auf ein Bild reagiere, mein Herzschlag zeigt an, ob mich ein Kunstwerk kognitiv beschäftigt.

Ein integrierter Hightech-Computer übermittelt meine Reaktionen laufend an einen Zentralrechner. Aber noch ist es nicht so weit. Vor dem Betreten der Ausstellungen «11:1(+3) = Elf Sammlungen für ein Museum» muss ich einen teils recht persönlichen Fragenkatalog beantworten. Neben Alter, Geschlecht, Beruf und Bildungsstand werden Fragen zu meinem Kunstwissen gestellt. «Wie häufig gehen Sie ins Museum?» Oder: «Wie gut kennen Sie Minimal Art?»

Ein wenig durchleuchtet komme ich mir schon vor, und ich zögere, ob ich meine Kunstwahrnehmung wirklich derart zerpflücken lassen will. Was ich von einer Ausstellung erwarte, lautet prompt eine Frage, die ich mir so noch nie gestellt habe. Will ich beim Museumsbesuch einen neuen Künstler entdecken, oder soll Kunst mir neue Horizonte eröffnen? Über Kunsterwartung und -rezeption wurde schon viel geforscht. Die Kombination von qualitativer Befragung und empirischer Erhebung ist jedoch nach Aussage der Projektverantwortlichen bisher einzigartig.

Nach drei Jahren Vorbereitungszeit ist ein internationales Forscherteam aus Soziologen, Psychologen, Kunsthistorikern und Künstlern an den Start gegangen: Das Ziel ist ein «psychogeografisch kartiertes» Museum. Im Kern geht es um die Erforschung, wie der architektonische Raum die Psyche der Museumsbesucher beeinflusst. Hinter der Idee vom «Kraftfeld Museum» steht Alexander Dorner, einer der einflussreichsten Museumskuratoren des 20. Jahrhunderts. «Dorner untersuchte nicht, was Kunst ist, sondern wie sie im Kontext des Museums entsteht», sagt Martin Tröndle, der Projektleiter vom Institut für Design- und Kunstforschung der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel.

Monet gefälscht, Hodler original

Ein Museum für das ungewöhnliche Kunstexperiment zu finden, war nach Aussage Tröndles gar nicht so einfach. Viele Kuratoren bestreiten, dass sich Kunst vermessen lässt. «eMotion» will das Gegenteil beweisen. Gängige Kunsttheorien, seien sie institutionstheoretischer, kultursoziologischer oder kunstpsychologischer Prägung, werden hierbei erstmals einem Praxistest unterzogen.

«Über die Aura eines Bildes wurde seit Walter Benjamin viel diskutiert», sagt der Projektleiter. Benjamin konstatierte in seinem einflussreichen Essay, dass das Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit durch die unbegrenzte mediale Vervielfältigung seine Aura verliere. Ob ein Bild tatsächlich eine Aura hat oder ob allein der berühmte Name seines Schöpfers auf den Betrachter wirkt, wurde allerdings nie empirisch untersucht. Daher wird während der Projektlaufzeit von «eMotion» das Bild «Palazzo Contarini, Venedig» (1908) von Claude Monet durch eine Fälschung ersetzt und werden die emotionalen wie kognitiven Reaktionen der Betrachter beobachtet.

Mich spricht das Bild im Eingangsbereich weniger an, deshalb drehe ich mich auch sofort wieder um. Auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes ziehen mich Hodlers Berglandschaften in ihren Bann. Wirken die Bilder für sich oder eben nur, weil sie genau an dieser Stelle des Raumes hängen? Um diese Fragen zu beantworten, wird der Versuchsaufbau während der achtwöchigen Projektlaufzeit immer wieder verändert. Noch vergangene Woche hing an der gleichen Stelle statt Hodlers «Thunersee mit Stockhornkette» ein weiblicher Rückenakt des Künstlers. Bilder werden umgehängt, Originale durch Reproduktionen ersetzt – stets mit dem Ziel, den Sichtweisen der Besucher auf die Schliche zu kommen.

«Die Ausstellung kann auf mindestens drei Arten gelesen werden», erklärt Projektleiter Martin Tröndle das kuratorische Konzept. Der Besucher kann sich sinnlich leiten lassen von thematischen Bildgruppen wie Hodlers Berglandschaften, er kann aber auch der Sammlungsgeschichte des Kunstmuseums folgen. Die Werke von so namhaften Künstlern wie Andy Warhol, Marcel Duchamp, Giovanni Giacometti und Sophie Taeuber-Arp stammen aus Privatsammlungen. Folgt der Betrachter dieser einzigartigen Sammlungsgeschichte und liest den zugehörigen Begleittext? Oder folgt er lieber dem chronologischen Abriss der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts, den die Ausstellungsmacher vorgeben?

Im Supermarkt der Kunst

Die kleinen Kritzeleien und Kommentare des bulgarischen Künstlers Nedko Solakov unter den Bildunterschriften lassen mich innehalten, sind für mich jedoch keine Denkpause wert. Zu stark ist mein Bedürfnis, in einzelne Kunstwerke «einzutauchen». Das wird mir schlagartig bewusst – zusammen mit der Tatsache, dass ich unter ständiger Beobachtung stehe. Mein Besucherweg wird in Echtzeit gemessen, und zwar fünfmal pro Sekunde bis auf zehn Zentimeter Genauigkeit.

«Wir wissen genau, wo die Person entlangläuft, was sie anschaut und wie schnell sie unterwegs ist im Museum», sagt Projektleiter Tröndle. Mit dem gleichen Tracking-Verfahren wird auch das Konsumentenverhalten in Supermärkten untersucht. Die Bewegungsforschung ermöglicht also eine genaue Aufzeichnung des Besucherrundgangs. Analog lässt sich in Erfahrung bringen, welche Kunstwerke die grösste Aufmerksamkeit erhalten. Zum gläsernen Kunden gesellt sich jetzt also auch noch der gläserne Museumsbesucher.

Bedeutet dies freie Fahrt für die Vermarktung von Kunst allein nach Marketing-Gesichtspunkten? Läuft dies nicht dem Museumsauftrag zuwider? «Kunst wird ohnehin schon vermarktet, dafür braucht es diese Forschungsresultate nicht», meint Roland Waespe, Direktor des Kunstmuseums St. Gallen. Das Rezept benennt er wie folgt: Man nehme berühmte Namen wie Monet oder van Gogh und verpacke sie attraktiv – so wie derzeit im Kunstmuseum Basel mit «Die Landschaften» von Vincent van Gogh. Die Versicherungssummen für wertvolle Werke grosser Künstler seien heute kaum mehr bezahlbar. Daher komme es zu solchen Kompromissen wie in Basel, wo laut Roland Waespe ein eher zweitrangiger Aspekt von van Goghs Schaffen gezeigt werde. «Wenn grosse Häuser wie das Kunstmuseum Basel derart marketingkonforme Ausstellungen generieren, finde ich das problematisch», sagt der St. Galler Museumsdirektor.

Der Besucher hat glücklicherweise seine eigenen Erwartungen an eine Ausstellung und lässt sich nicht beliebig verführen. Oder etwa doch? Inwieweit Kunst im Museum verführen kann, soll «eMotion» beleuchten. «Wenn die Forschungsresultate dazu dienen, dass ich Kunst künftig besser vermitteln kann, dann ist mir das sehr willkommen», sagt Waespe. Er nimmt in Kauf, dass damit auch seine kuratorischen Konzepte infrage gestellt werden könnten. Mit der Bereitschaft, sein Haus für das Experiment zu öffnen, ist er unter seinen Schweizer Kollegen derzeit eher eine Ausnahme.

Die heilige Kuh anrühren

Dabei ist die empirische Kunstwissenschaft nicht neu. Im angelsächsischen Raum kann sie bereits auf eine längere Tradition zurückblicken, während das Messen von Kunst in der deutschsprachigen Museumslandschaft geradezu verpönt ist. Kunst gilt eben immer noch in erster Linie als Ergebnis eines kreativen schöpferischen Prozesses. «Das Projekt rührt die heilige Kuh Kunst an», sagt Stéphanie Wintzerith, die am Projekt mitwirkende Besucherforscherin.

Die Besucherforscherin beobachtet in der Kunstwissenschaft eine generelle Abneigung gegenüber dem Einsatz von technischen Methoden. Die Befürchtung mancher Kunstwissenschaftler, dass Kunst auf biometrische Werte reduziert werden könnte, versteht sie nicht. «Unser Ziel ist es doch gerade, mehr über das emotionale Verhalten von Museumsbesuchern in Erfahrung zu bringen.»

Ergänzt werden die Resultate durch qualitative Befragungen. Freilich könnte man, denkt sich die Besucherin beim Rundgang, viele Ergebnisse auch ohne Messung gewinnen. Neue Erkenntnisse versprechen sich die Wissenschaftler aus der vergleichenden Auswertung. Inzwischen liegen über 400 Datensätze von Probanden vor. Können die Forscher damit das Geheimnis der Kunst lüften? «Wir können Wahrnehmungsmuster von Kunst herausarbeiten», entgegnet Wintzerith. Man müsse sich aber im Klaren sein, dass hier ein Prototyp zum Einsatz komme. Generelle Aussagen zur Kunstwahrnehmung können damit noch nicht getroffen werden. Dafür braucht es weitere Forschungsprojekte in anderen Museen. Mitbeteiligt an diesem interdisziplinären Projekt sind neben den Kunstmuseen St. Gallen und Basel die Universität Basel, die Leuphana Universität Lüneburg, die Zeppelin University Friedrichshafen, die Eidgenössisch-Technische Hochschule Zürich, die Universität Bern sowie die University of Cambridge. Der Schweizerische Nationalfonds unterstützt «eMotion» mit 250000 Franken. Die Chancen für eine Fortsetzung stehen nicht schlecht. Ein weiteres Schweizer Museum hat bereits Interesse signalisiert.

Habe ich überhaupt Kunst gesehen?

Nicht nur die Kunstwissenschaft soll vom Experiment profitieren, sondern auch der Museumsbesucher. «Erinnern Sie sich noch an dieses Werk in der Ausstellung?», lautet eine Abschlussfrage. Daneben steht das düstere Selbstporträt von Giovanni Giacometti. Ja, ich erinnere mich gut an den durchdringenden Blick des Künstlers, dessen «Bauern auf dem Felde bei Majola» in so eindrucksvollem Kontrast zum schwarz grundierten Selbstporträt standen.

Ausserdem wird mir vor Augen geführt, dass ich die Nagelbilder von Günther Uecker nur gestreift habe. Im Hintergrund verdichten die Tonsequenzen des Medientechnologen Chandrasekhar Ramkrishnan die flüchtigen Momente der Kunstrezeption anderer Besucher zu einem eigenwilligen Klangteppich. Kunsterforschung und -entstehung werden hier unmittelbar erfahrbar. Und ganz am Ende sehe ich mich auf den sogenannten Monitorbildern – wie ich kurvenreich oder zielstrebig durch die Räume eilte und welche Reaktionen die Kunstwerke bei mir auslösten. Gefühle leuchten in orangefarbenen Punkten, kognitive Reaktionen in Gelb. Der Künstler Steven Greenwood hat die Forschungsresultate visuell umgesetzt. Mir fällt auf, dass ich auf die Impressionisten vor allem kognitiv, auf die zeitgenössische Kunst fast ausschliesslich emotional reagiert habe. Was hat das wohl zu bedeuten? Ein Prozess, den die Forscher voraussagten, ist auf jeden Fall in Gang gekommen: der bewusste Umgang mit Kunst. Was sich leider bei mir nicht eingestellt hat, war der sogenannte Wow-Effekt. Bei keinem Kunstwerk reagierte ich mit Gänsehaut oder vergleichbaren Reaktionen. Der Kunsttheoretiker Boris Groys sieht gerade im Zusammenwirken von Werk und Betrachter das eigentliche Moment der «Kunstwerdung».

Habe ich folglich auf meinem Rundgang durch das Museum gar keine Kunst gesehen? Der Projektleiter beruhigt mich. «Wissenschaftliche Ansätze ermöglichen verschiedene Perspektiven auf die Welt. Unser Experiment ist der Versuch, eine neue Perspektive aufzuzeigen», sagt Martin Tröndle. Das Geheimnis von Kunst wird damit für mich nicht gelüftet, der Horizont meiner Kunsterfahrung hat sich indes erweitert. (Der Bund)

Erstellt: 24.07.2009, 12:38 Uhr

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