Zeitung heute
«Das Wort Ulknudel gibt es nicht»
Von Alexander Sury. Aktualisiert am 24.04.2009
Zur Person
Dirk Bach, Jahrgang 1961, ist Schauspieler, Moderator und Entertainer. Bekannt wurde er durch die «Dirk-Bach-Show» bei RTL (1992–1996), die ZDF-Sitcom «Lukas» (1996–2001) und die ZDF-Serie «Der kleine Mönch» (2001–2003). Anfang des Jahres moderierte er auf RTL zusammen mit Sonja Zietlow die vierte Staffel von «Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!» Von 1992bis1996 war er festes Ensemblemitglied des Schauspielhauses Köln. Bach kennt man auch aus dem Kinderprogramm: Von 2000 bis 2007 trat er als Pepe in der «Sesamstrasse» auf. Auf Hörbücher liest er u.a. Werke von Walter Moers und Franz Kafka, aber auch Märchen wie «Urmel aus dem Eis» oder «Kapitän Sharkey». Er lebt mit seinem Partner in Köln. Am Stadttheater Bern spielt Dirk Bach die Sprechrolle des Puck in Benjamin Brittens Oper «A Midsummer Night’s Dream» nach William Shakespeare. Premiere ist heute Samstag (www.stadttheaterbern.ch). (lex)
Kleiner Bund: Dirk Bach, sind Sie eine gespaltene Persönlichkeit?
Dirk Bach: Wieso?
Auf der einen Seite moderieren Sie «Ich bin ein Star – Holt mich hier raus» auf RTL, wo abgehalfterte Semiprominenz ekliges Getier verzehren muss; auf der anderen Seite machen Sie Hörbücher mit Texten von Franz Kafka. Tut dieser Spagat weh?
Nein, ich bin sehr beweglich. William Shakespeare hat dieser Spagat auch nicht wehgetan. «Was ihr wollt» zum Beispiel wurde für eine Metzgergesellschaft geschrieben. Das sind alles Facetten eines Schauspielers, das ist ja das Schöne an diesem Beruf. Wenn Unterhaltung nur darin bestehen würde, dass ich das eine machen darf und das andere nicht, wäre mein Berufsleben ziemlich trist.
Der Name Dirk Bach kann möglicherweise abschreckend wirken und Leute davon abhalten, ein Kafka-Hörbuch zu kaufen.
In dem Fall sind diese Menschen im Geist nicht offen oder vielleicht kulturell nicht ganz auf der Höhe und wissen nicht, dass ich Schauspieler bin. Es gibt doch viele grossartige Schauspieler, die sich zur Abwechslung in profaneren Gefilden rumtummeln – etwa auf dem «Traumschiff». Ich sehe die Dinge nie so . . .
. . . schwarz-weiss . . .
. . . das wäre doch tragisch, furchtbar und würde alles so klein machen, vor allem die Kultur so klein machen.
Sie wurden auch als der «Gute-Laune-Bär» des deutschen Fernsehens bezeichnet . . .
. . . aber solche Ausdrücke stammen ja nicht von mir.
Aber Sie müssen damit leben.
Ich muss damit leben, richtig, aber das ist auch schon alles. Ich muss damit aber nicht arbeiten.
Aber so ganz unbeeinflusst lassen Sie solche Etiketten wohl kaum.
Was ich von den Etiketten halte, ist eine andere Sache. Aber sie belasten mich nicht.
«Konsens-Comedian» ist auch so eine Etikette. Komplimente klingen anders.
(Lacht.) Ich weiss gar nicht, was das ist.
Einer, der als kleinster gemeinsamer Nenner die breite Masse zu unterhalten vermag.
Das habe ich noch nie gehört, da habe ich wieder etwas dazugelernt.
Sie gehen also entspannt um mit diesen Etiketten?
Was bleibt mir sonst übrig? Soll ich deswegen unentspannt sein?
Sie sind ein Aushängeschild der deutschen Comedy-Szene. Einverstanden?
Aber nein.
Aber doch.
Aber nein, ich bin doch kein Aushängeschild. Ich mache komische Sendungen. Ich gehe aber nicht auf Tour und habe auch kein Soloprogramm. Ich bin Schauspieler. Und Schauspieler können eine Menge machen, manchmal auch lustige Dinge.
Wir nehmen das zur Kenntnis.
Ja, bitte tun Sie das. Ich wundere mich einfach, dass man das in gewissen Kreisen zur Kenntnis nehmen muss. Das ist doch ganz einfach.
Umso mehr muss es Sie ärgern, wenn Sie auf die «Ulknudel» des deutschen Fernsehens reduziert werden.
Wer das Wort Ulknudel benutzt, beweist damit, dass er der deutschen Sprache nicht mächtig ist. Das Wort Ulknudel gibt es nicht, das wurde zusammengebaut. Vielleicht fehlen diesen Leuten die Worte für das, was sie sagen möchten.
Ein Verlegenheitsausdruck?
Ausdruck einer grossen Verlegenheit. Ich bin Schauspieler. Punkt. Das ist das, was ich immer gemacht habe.
Kommen wir zum Kobold Puck, den Sie am Stadttheater Bern ab Samstag in Benjamin Brittens Oper «Ein Sommernachtstraum» nach Shakespeare spielen. Schon äusserlich eignen Sie sich vortrefflich für diese Rolle.
Da bin ich mir nicht so sicher. Mit Puck verbindet man doch eher einen elfenhaften Jüngling, der leichtfüssig durch den Wald hüpft. Ich dagegen bin als Puck nicht gerade schlank, schon etwas älter, meist schlecht gelaunt und hadere mit meinen Herren und Gebietern.
Vor 21 Jahren haben Sie die Rolle in Köln bereits einmal gespielt.
Ja, aber schon damals war ich alles andere als ein lieblicher Puck.
Was reizt Sie daran, die Rolle nochmals zu übernehmen?
Ich habe in all den Jahren viel dazugelernt, und der Regisseur Anthony Pilavachi hat ein anderes, spannendes Konzept. Kommt dazu, dass der Schauspieler in mir jede Gelegenheit ergreift, Musiktheater zu machen. Das ist es ja, was Schauspieler eigentlich wollen. Sie wollen alle Sänger sein.
Aber es ist doch eine Sprechrolle . . .
. . . es ist komponierter Sprechgesang, und das im alten englischen Originaltext. 1988 in Köln war die Sprache Deutsch.
Das stelle ich mir schwer vor.
Es ist wunderbar. Man muss sich die Rolle anders erarbeiten, weil man in Deutsch denkt. Der Text muss zum eigenen werden.
Am kommenden Samstag ist Premiere. Wie verliefen die Proben?
Sehr schön. Es ist wirklich verblüffend, die Kollegen sind grossartig. Ich habe selten ein Ensemble gesehen, das mit so viel Elan und Hingabe arbeitet. Wir haben heute erstmals mit dem Orchester geprobt, jetzt muss alles zusammengefügt werden. Aber Sie wollen sicher nicht hören, wie harmonisch die Probenarbeit ablief.
Doch, doch. Konflikte und Intrigen wären natürlich auch willkommen. Wie kommt eigentlich ein gefragter Schauspieler wie Sie dazu, in Bern zu spielen?
Ich komme dorthin, wo es interessante Rollen für mich gibt. Seit ich in Köln nicht mehr im Ensemble bin, arbeite ich überall: in Stuttgart, Trier, Göttingen Berlin, Wien.
Wie haben Sie als Deutscher die Posse wegen des Indianer-Vergleichs von Finanzminister Steinbrück erlebt . . .
. . . ich muss gestehen, dass diese deutsch-schweizerischen Beziehungsprobleme komplett an mir vorbeigegangen sind. Ich habe mich dann informiert und war doch einigermassen verblüfft.
Sie haben die Schweizer ja nun erlebt. Gibt es denn aus Ihrer Erfahrung wirklich so grosse Mentalitätsunterschiede?
Also wenn es um Mentalitätsunterschiede geht, muss man gar nicht so weit gehen. In Deutschland gibt es diese Unterschiede zwischen Norden und Süden, Osten und Westen auch. Für mich ist nur die Sprache hier in der Deutschschweiz etwas anders, da musste ich mich zuerst hineinhören.
Wenn Sie mit dem ethnologischen Blick Bern betrachten. Was fällt Ihnen da auf?
Ethnologischer Blick. Das ist gut. Es ist einfach unfassbar, wie schön die Stadt ist. Sie wirkt deshalb fast etwas unwirklich, wie bei Disney. Ich bin mir das nicht gewohnt. Deutschland ist ja vergleichsweise hässlich. Und meine Heimatstadt Köln ist besonders hässlich, während des Kriegs wurde sie zu 70 Prozent zerstört. Aber die grösste Zerstörung fand nach dem Krieg statt, als man all die hässlichen Bauten hochgezogen hat. Das ist schon erschütternd.
Von Köln sagt man, es sei ein besonderes Biotop für lustige Menschen.
Also, die meisten, die ich dort kenne, sind Zugezogene. Ich bin einer der wenigen in meinem Bekanntenkreis, der in Köln geboren ist.
Sind Sie ein leidenschaftlicher Kölner?
Ich bin Kölner, ich bin da geboren. Mir gefällt es gut dort. Sonst wäre ich ja woanders hingezogen. Das ist eigentlich alles, was ich darüber sagen kann. Die Hamburger sagen von sich auch, ihre Stadt sei ein spezielles Pflaster. Oder die Berliner. Und sicher auch die Berner. (Lacht.)
Anfang der Neunzigerjahre haben Sie mit der «Dirk-Bach-Show» auf RTL den Comedy-Boom auf den deutschen Privatsendern mit ausgelöst.
Genau in dieser Zeit habe ich in Köln auch im Ensemble des Schauspielhauses angefangen und dort Schiller, Sternheim, Streeruwitz und Shakespeare gemacht. Am Theater habe ich fast nur ernste Rollen gespielt. Und nebenbei ist aus der Edgar-Figur, die ich am Theater entwickelt habe, die «Dirk-Bach-Show» entstanden.
Es gibt das Klischee vom traurigen Clown . . .
. . . da müsste man jetzt einen Clown fragen. Aber gut. Ich war weder als Kind noch in der Schule ein Unterhalter. Ich war kein Klassenclown, ich war Klassensprecher. Ich setze mich auch heute nicht bei einer Party ans Klavier und mache auf Stimmungskanone. Dazu habe ich keine Lust. Es gibt aber wunderbare Kollegen, die das machen und Spass dabei haben.
Ein Klassensprecher . . .
. . . ist eben kein Klassenclown. Ich war schon als Schüler politisch engagiert.
Sie sind Schwulenaktivist und auch Tierschützer. Was hat Sie geprägt?
Ich komme aus der Alternativen Liste in Köln, das sind die Vorläufer der Grünen.
Sie sind ein Linker und bedienen mit auf Zerstreuung abzielenden Comedy-Formaten das falsche Bewusstsein.
(Lacht.) Jetzt kommt es aber knüppeldick. Dieser Vorwurf trifft auf meine Sendungen eben gerade nicht zu. Ich vertrete klare Inhalte. Die Sitcom «Lukas» etwa über das turbulente Leben einer Grossfamilie nahm sich auch sozialer Themen an.
Bei einer Anklage wegen «Volksverdummung» plädierten Sie auf unschuldig.
Na ja, jetzt kommt sicher die Diskussion um das «Dschungelcamp». Diese Sendung ist meiner Meinung nach eines der intelligentesten Formate überhaupt.
«Deutschland sucht den Superstar» dagegen betreibe Volksverdummung, haben Sie der Zeitung «Bild» gesagt.
Stopp. Das stimmt so nicht. Ich gebe «Bild» keine Interviews. Den Vorwurf der Volksverdummung beim «Dschungelcamp» kann mir niemand erklären. Ich sagte in einem Gespräch vielmehr, wenn schon treffe der Vorwurf eher auf die Casting-Show «Deutschland sucht den Superstar» zu.
Weshalb?
Weil dort jungen Menschen vorgegaukelt wird, sie würden dank Auftritten in dieser Sendung zum Star. Dafür brechen sie dann die Ausbildung ab oder sitzen drei Monate später wieder bei Aldi an der Kasse. Ähnlich bei «Big Brother»: Dort werden Hartz-IV-Empfänger weggesperrt. Das ist für mich eher Volksverdummung.
Und in «Dschungelcamp» . . .
. . . stehen Profis vor der Kamera, die genau wissen, auf was sie sich einlassen.
Mag sein. Und doch möchte man sie vor sich selber schützen, wenn sie sich in dieser Sendung selber entwürdigen.
Diese Leute bauen teilweise mit ihren Auftritten im «Dschungelcamp» wieder neue Karrieren. Man kann sich natürlich streiten, wo sich Costa Cordalis lächerlicher macht: im Bierzelt oder im «Dschungelcamp». Aber er hat dank dem Format sehr viel Geld verdient. Bisher kenne ich keine Prominenten, denen diese Auftritte geschadet haben. Ich kann diese Kritik wirklich nicht verstehen. Da werden moralische Massstäbe bemüht, die auf wirklich gravierende Dinge nicht angewandt werden.
Ich staune einfach, dass Sie die Moderation einer solchen Sendung übernehmen und das Format verteidigen.
Ich staune nicht. Wenn ich die Sendung nicht gut fände, würde ich sie auch nicht moderieren. Warum kann man es nicht lustig finden, wenn eine bunt zusammengewürfelte Gruppe von Menschen sich für eine gewisse Zeit in einem ganz anderen Zusammenhang trifft? Was ist daran so erschütternd?
Es ist ein voyeuristisches TV-Format, das teils niedrigste Instinkte anspricht.
Da machen es sich Journalisten manchmal sehr einfach mit diesem moralischen Zeigefinger: «Guck mal, das ist schmutzig, und das ist in Ordnung.» Bei einer solchen Haltung müssten wir zusammen auf die einsame Insel gehen, Sie als Schreiber, und ich würde nur noch Algen essen. Ich glaube schon, dass man Werte in dieser Welt hochhalten und gleichzeitig in einer solchen Sendung mitwirken kann. Ich verstehe das nicht. Wahrscheinlich hat es mit dem Zwang im deutschsprachigen Raum zu tun, die Unterhaltung in E und U zu unterteilen. Die Engländer sind da einfach pfiffiger, die freuen sich an guter Unterhaltung.
Stichwort «Gute Unterhaltung»: «Einfach Bach» heisst Ihre neue Sketch-Show, die am 17. April auf Sat.1 Premiere hatte.
Ich befürchte fast, Sie fanden die Sketche nicht lustig.
Teilweise schon. Die Parodie auf die TV-Sendung «Promi-Dinner» mit Jesus und seinen Jüngern fand ich allerdings eher geschmacklos.
Ich habe es mir fast gedacht. Warum sollte es nicht möglich sein, über Religion Witze zu machen? Bestimmte Religionen sind so fordernd in dem, was sie für richtig und falsch halten. Aber wir dürfen keine Witze darüber machen?
Es ist doch eine Frage der Form . . .
Ach so, eine Frage der Form. Und was ist das für eine Form, wenn Papst Benedikt in Afrika sagt, Kondome sind nicht erlaubt, und gleichzeitig sterben Millionen an Aids?
Natürlich ist Religion hochgradig satirefähig. Aber es ist doch etwas billig, wenn Jesus Judas und noch zwei Jünger einlädt zum «Promi-Dinner». Bald ist die Runde betrunken, Jesus wird von den Römern abgeführt. Judas gibt ihm dann schlechte Noten für den Abend. Am Ende sehen wir einen betrunkenen Jesus mit dem Kreuz, der sich fragt, wo es nach Golgatha gehe.
Das können Sie geschmacklos finden, das ist Ihr gutes Recht. Aber es gibt Religionsfreiheit, und das impliziert für mich auch, dass man sich die Freiheit nehmen kann, mit den Mitteln der Komik Religion zu thematisieren.
Gibt es für Sie Grenzen des Humors?
Ich sage ja nicht, dass es gut ist, wenn Christen verfolgt werden sollen. Darum habe ich Mühe, wenn man diesen Sketch geschmacklos findet. Aber um auf die Frage zurückzukommen: Satire darf eigentlich fast alles. Aber ich kann jetzt hier keine Liste vorlegen mit den Themen, über die ich keine Witze machen würde. Das hängt von der jeweiligen Konstellation ab.
Bei einem politisch aktiven Menschen wie Ihnen reibt sich das öffentliche Engagement halt mehr an einem banalen Sketch.
Ich weiss nicht, was Sie wollen. Politisch korrekter Humor ist ja wohl ohne Interesse. Es muss doch möglich sein, zum Beispiel im Theater etwas zu machen, ohne dass gleich Islamisten oder christliche Fundamentalisten demonstrieren.
Ich bin auch für Kunstfreiheit. Ich sage nur: Der Jesus-Sketch war billig und platt.
Ich finde den Sketch gut. Ich bin immerhin Darsteller, Produzent und Mitautor.
Wenn Sie die Entwicklung des Fernsehens betrachten, sind Sie demnach frei von kulturpessimistischen Anwandlungen?
Ein Kulturpessimist bin ich auf eine gewisse Weise schon, wenn ich sehe, dass gewisse Dinge einfach verschwinden. Und das finde ich schade.
Was meinen Sie?
Na ja, alles wird heute auf Spartenkanäle ausgelagert: Kultur findet auf einem Theaterkanal statt, Kindersendungen auf einem Kinderkanal. Die gesunde Mischung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ist nicht mehr da, obwohl diese mit Gebühren finanzierten Anstalten doch meines Wissens einen Kultur- und Bildungsauftrag haben.
Auch die öffentlich-rechtlichen Sender stehen heute eben unter Quotendruck.
Komischerweise setzen sie sich freiwillig diesem Druck aus. Warum eigentlich? Sie bekommen automatisch Gebühren. Wenn sie, wie die Privatsender, Werbezeit verkaufen müssten, würde ich das noch einsehen.
Sie sind bei privaten und öffentlich-rechtlichen Sendern beschäftigt. Arbeiten Sie da unterschiedlich?
Nein, für mich gibt es da keine Unterschiede. Ich überlege nicht, wer mein Auftraggeber ist. Ob ich jetzt für die ARD «Sesamstrasse», für ProSieben eine Mädchenparodie oder für Sat.1 eine Sketch-Show mache: Ich will etwas Gutes abliefern, sodass ich mich morgens im Spiegel angucken kann.
Fühlen Sie sich dem Anarcho-Kobold und Hofnarren Puck verwandt?
Also ein Hofnarr ist er für mich eigentlich nicht. Wer weiss, am Ende ist er vielleicht gar am Drücker, ohne dass es die anderen so richtig merken. (Lacht.)
Verkörpert Puck den idealen, eben nur scheinbar harmlosen Komiker?
Ich versuche nie, Zusammenhänge zu basteln zwischen einer Rollenfigur und dem, was ich tue.
Aber Sie sind ein politischer Mensch und möchten mit Ihrer Arbeit etwas bewirken.
Was Sie da jetzt konstruieren, geht vielleicht mit Dieter Bohlen, mit Menschen also, die auch in den Medien stattfinden und als Gesamtkunstwerk inszeniert werden. Aber ich bin die falsche Person dafür. Damit habe ich überhaupt nichts zu tun.
Es besteht doch die Gefahr, dass man zu glauben beginnt, was über einen geschrieben wird.
Ich kann mich abgrenzen, weil ich damit nichts zu tun habe. Es findet ja nicht statt.
«Bild» titelte kürzlich: «Wann platzt Dirk Bach?» Wie lebt es sich denn als öffentliche Witzfigur?
Ich kann nichts dagegen tun. Ausser, dass ich «Bild» keine Interviews gebe.
Warum?
Die «Bild»-Zeitung kauft und liest man nicht. Das habe ich nie anders gesehen. Für mich sind das selbstverständliche Dinge.
So wie Ihr Engagement als Schwulenaktivist selbstverständlich ist?
Es wird immer so getan, als ob ich mit der rosa Fahne unterwegs wäre. Ich habe nie verheimlicht, dass ich schwul bin. Damit ist man vielleicht schon eine Galionsfigur bei gewissen Leuten.
Sie haben vorhin von Erziehung gesprochen. Wie wurden Sie erzogen?
Meine Eltern waren sehr jung in der Zeit des Nationalsozialismus. Später wollten sie vor dem Hintergrund dieser Erfahrung alles anders machen und haben mich sehr frei und liberal erzogen. Toleranz und politische Aufgeschlossenheit waren wichtig. Natürlich waren auch die Siebzigerjahre dankbar, als Heranwachsender habe ich sehr profitiert von den politischen Veränderungen und den Freiheiten in dieser Zeit.
Es haben nicht alle das Glück, in den 70er-Jahren aufgewachsen zu sein.
Ich weiss. Heute gibt es wieder Rückentwicklungen, die mich schon irritieren. Menschen erregen sich etwa wieder, wenn nackte Schauspieler auf der Theaterbühne sind. Das ist eine neue Prüderie. Und in meiner Jugend hätten wir doch nicht darüber nachgedacht, ob Krieg wieder eine Alternative sein könnte.
Setzen Sie grosse Hoffnungen in den neuen amerikanischen Präsidenten?
Bei der Wahl Obamas habe ich tatsächlich aufgeatmet, aber jetzt atme ich gerade sehr heftig, wenn ich an die von Obama in Aussicht gestellte Straffreiheit für CIA-Folterknechte denke. Die Aufarbeitung der Vergangenheit ist wichtig, das sage ich als Deutscher. Das nicht Aufgearbeitete holt einen irgendwann ein.
Kann die Komik dabei helfen?
Ich kann dazu nicht so viel sagen, weil ich mich nicht als Stellvertreter der Komik fühle. Wichtig ist, dass die Komik alles thematisieren kann. Wenn ich in einem guten Sinne unterwegs bin, muss ich doch niemanden schützen.
Sind Sie in einem guten Sinne unterwegs?
(Lacht.) Ich hoffe es. Oder soll ich mich andauernd infrage stellen? (Der Bund)
Erstellt: 24.04.2009, 14:37 Uhr



