«Als würden wir mit Heroin handeln»

Heute Samstag steht der Comiczeichner Magdy al-Shafee in Kairo vor dem Richter: Wegen Verletzung der öffentlichen Moral. So liberal die ägyptische Regierung inzwischen mit Liebesszenen und Gesellschaftskritik in literarischen Texten umgeht – bei Bildern hört der Spass auf.

Mit dem Zeichenstift durch Kairos Untergrund. «Metro» von Magdy al-Shafee, der erste ägyptische Comicroman für Erwachsene, wurde verboten und konfisziert. (zvg)

Mit dem Zeichenstift durch Kairos Untergrund. «Metro» von Magdy al-Shafee, der erste ägyptische Comicroman für Erwachsene, wurde verboten und konfisziert. (zvg)

Internet

Magdy al-Shafee und der Malamih-Verlag im Internet: www.magdycomics.com, www.malamih.com.

Kairo, Ende Juni. Es ist bereits 18 Uhr, aber immer noch drückend heiss. Im vierten Stock eines alten Gebäudes in einer Marktgasse unweit des Obergerichts befindet sich das Hisham Mubarak Law Center, eine Menschenrechtsorganisation. Die Deckenventilatoren surren, es werden Tee und Wasser gereicht. Hin und wieder zündet sich jemand eine Zigarette an. Ein Dutzend Kulturschaffende – Autoren, Filmemacher, eine Künstlerin, ein Musiker, eine Feministin, Journalisten und Blogger – diskutieren über Meinungsfreiheit in der künstlerischen Arbeit und wie man sie durchsetzt. Einer plädiert dafür, verbotene Werke im Internet zu verbreiten. Ein anderer hält dagegen, dass dem Urheber seine Einkünfte entgehen, wenn er sein Werk gratis vertreibt.

Der Comicautor Magdy al-Shafee ist mit 48 Jahren der Älteste in der Runde. Sein Band «Metro» wurde von den staatlichen Behörden konfisziert und gerichtlich verboten. Die Anklage: Produktion und Distribution von Material, das die öffentliche Moral verletzt. Den Vorwurf akzeptiert der Autor nicht. «Das klingt, als würden wir mit Heroin handeln. Dabei ist es doch nur ein Comic.» Wie können sich Kulturschaffende gegen solche Angriffe zur Wehr setzen? «Wir sollten uns gar nicht erst auf die moralische Ebene einlassen», argumentiert Shafee. «Die religiösen und die staatlichen Instanzen in Ägypten haben keine Kultur der Debatte. Wenn ihnen etwas nicht gefällt, schreien sie sofort nach Zensur. Wir sollten aber die Idee verbreiten, dass Kunst nicht jedem gefallen muss. Und wenn sie jemandem nicht gefällt, soll der nicht das Recht haben, sie zu verbieten.»

Tatsächlich kann in Ägypten jeder, der Einwände gegen ein Buch hat, bei den Behörden beantragen, das Buch zu verbieten. Eine offizielle Zensurstelle wie jene, die Filme und Musikstücke vor der Publikation prüft und je nachdem genehmigt, gibt es dagegen für die Literatur nicht. Es darf grundsätzlich jeder Text publiziert werden. Eine Graphic Novel, also ein gezeichneter Roman wie «Metro», fällt da zwischen Stuhl und Bank. So etwas gab es bisher nur für Kinder.

Die Macht der Bilder

Zwei Tage später im Literatentreff «Grillon». Magdy al-Shafee hat das Buch – das letzte Exemplar, das ihm nach der Konfiszierung geblieben ist – zum Interview mitgebracht und legt es auf den Tisch. Auf der Titelseite: ein paar Striche im Hintergrund, die hohe Häuserblocks und klassizistische Gebäude in Downtown Kairo andeuten. Rechts kommt gerade eine Frau mit Kopftuch aus der U-Bahn, links lässt sich einer im Sitzen die Schuhe putzen. In der Bildmitte ein junger Mann mit angespanntem Gesicht, der mit gezückter Pistole auf den Betrachter zugeht. In einer Sprechblase ist zu lesen: «Nur für Erwachsene.»

«Metro» macht tatsächlich schon auf den ersten Blick neugierig. Aber was ist anstössig daran? Magdy al-Shafee blättert zu Seite 59. «Okay, hier sieht man, wie der Held Shihab nackt mit seiner Freundin Dina im Bett liegt. Aber sie sind halb zugedeckt. Und hier sieht man Dinas Brüste. Das ist doch harmlos!»

In den Romanen von Alaa al-Aswany und anderen Autoren gehe es viel deftiger zu, sagt Shafee, aber die Beamten der Sittenpolizei seien offenbar von der emotionalen Wirkung der Zeichnungen schockiert gewesen. Weiter hinten im Buch sieht man, wie Passanten auf der Strasse einen zuvor von Shihab ausgeraubten, ebenso korpulenten wie korrupten Politiker verprügeln.

So obszön wie die Wirklichkeit

Schliesslich die Szene einer Demonstration: Die politische Aktivistin Dina gerät in eine Schlägerei zwischen der Polizei, Demonstranten und regierungstreuen Schlägern; einer der Schläger packt sie am T-Shirt und zerreisst es ihr. «Diese Szene habe ich aus der Realität übernommen. Bei den Anti-Mubarak-Demonstrationen vor der letzten Präsidentschaftswahl sind wiederholt Frauen sexuell belästigt worden. Falls dieses Bild jetzt das sittliche Empfinden der Beamten verletzt, frage ich, warum sie nicht verletzt waren, als all das tatsächlich geschah und sie es einfach ignorierten.»

«Metro» ist zugleich Thriller, Liebesgeschichte und politischer Grossstadtroman, der hinter die Fassaden leuchtet bis hinab in den Untergrund der Metropole; in eine Welt, in der geliebt und geträumt, gelogen und betrogen wird. Aktuelle Ereignisse der letzten Jahre fliessen ebenso ein wie die Stadtarchitektur mit den U-Bahn-Haltestellen, die nach ägyptischen Führern wie Saad Zaaghloul, Nasser, Sadat und Mubarak benannt sind.

Ein Vorbild aus Paris

Magdy al-Shafee hatte schon als Kind gern gezeichnet und durch seine ältere Cousine die Welt der Comics entdeckt. Während seines Pharmaziestudiums verbrachte er die Sommerferien in Paris mit Zeichnen und Ansehen von Comics. Dort stiess er auf die Satirezeitschrift «Charlie Hebdo», die ihn tief beeindruckte. «Hier realisierte ich, dass ich mit Zeichnungen Geschichten erzählen wollte.» Auch die Undergroundcomics des Amerikaners Robert Crumb inspirierten ihn. In den Neunzigerjahren traf er schliesslich in Kairo einen der Illustratoren von «Charlie Hebdo», der sich hier niedergelassen hatte und sich Golo nannte. Bei ihm nahm Shafee jahrelang Unterricht, Golo ist ihm noch heute Freund und Vorbild.

«Graphic Novels haben keine Tradition in Ägypten. Deshalb war es schwierig, einen Verleger zu finden», sagt der Zeichner. «Metro» war eines der ersten Bücher, die der junge Malamih-Verlag 2008 herausbrachte. Neben zahlreichen Romanen, Erzählungen und Lyrikbänden in Arabisch und Englisch erschien bei Malamih dieses Jahr ein weiterer Comic: «Al Khan» des 27-jährigen Tarek Shahin, eine Sammlung von Comicstrips aus der englischsprachigen Zeitung «Daily News Egypt».

Auch Magdy al-Shafee arbeitete vorerst für die Presse, für die unabhängige Tageszeitung «Al-Dostour», wo er einen wöchentlichen Comicstrip zeichnete, der sich jeweils auf aktuelle Geschehnisse bezog. So nahm er im Sommer 2006 den spektakulären Abtransport der elf Meter hohen Ramses-Statue aufs Korn, die vom Ramses-Platz vor dem Bahnhof zu den Pyramiden an den Rand Kairos verschoben wurde: Er stellte die Frage, ob der Präsident einfach mal wieder einen öffentlichen Platz nach sich selbst benennen wolle. «Zwei Tage später erklärte Mubarak in der Regierungszeitung ,Al-Ahbar‘, dass er nicht vorhabe, den Ramses-Platz in Mubarak-Platz umzutaufen», erinnert sich Shafee amüsiert.

Der Makel wird bleiben

Der Vater einer zehnjährigen Tochter hat auch Comics für Kinder gezeichnet. Doch seine Leidenschaft gilt dem zeitgenössischen Comicroman für Erwachsene, der dem Lebensgefühl in der Grossstadt nachspürt. Im April dieses Jahres stand Shafee für «Metro» zum ersten Mal vor Gericht, zusammen mit seinem Verleger Mohamed al-Sharkawy, einem bekannten Blogger und Aktivisten der Oppositionsbewegung Kefaya, der bereits mehrmals im Gefängnis sass.

Heute Samstag müssen sich die beiden erneut für «Metro» verantworten. «Selbst wenn wir den Prozess jetzt gewinnen», so Shafee, «bleibt immer der Makel an uns hängen, wegen Verstosses gegen die Sittlichkeit angeklagt gewesen zu sein. Das ist, als würde man der Zuhälterei oder Prostitution beschuldigt.» Und wenn sie verlieren? «Dann werden wir den Fall an die nächste Instanz weiterziehen.» (Der Bund)

Erstellt: 17.07.2009, 14:05 Uhr

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