Zeitung heute
«Wir fordern uns selbst heraus»
Von Regula Fuchs. Aktualisiert am 06.08.2009
Lisette und Christine Wyss. (zvg)
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Buskers, 6. bis 8. August
Von 18 bis 24 Uhr treten 30 Gruppen in der unteren Altstadt auf (anschliessend Party im Kornhaus). Die Künstler werden mit Hutgeld honoriert, mit dem Kauf des Festivalbändelis wird die Organisation unterstützt. Rahmenprogramm: «Weird Village», Aktionsmarkt «Bizaar», Jugendbühne, Talentbühne, Kinderprogramm.
www.buskersbern.ch
Vor zwei Jahren waren Sie nicht sicher, ob Sie das Festival weiterführen werden. Nun gibts Buskers immer noch – regelmässig mit Publikumsrekorden. Wie geht es den Buskers-Macherinnen heute?
Christine Wyss: Das Festival steht jetzt dank der Vereinbarung mit der Stadt Bern finanziell auf festen Füssen und ist bis ins Jahr 2011 gesichert. Es fand auch insofern eine Professionalisierung statt, als wir zwei temporäre Teilzeitstellen schaffen konnten. Wir fordern uns selber auch immer wieder heraus, damit wir nicht träge werden – neu sind dieses Jahr etwa das «Weird Village» oder das Programmfenster des Kurzfilmfestivals «Shnit».
Vor zwei Jahren war der Markt «Bizaar» neu, letztes Jahr wurde auch die Kramgasse bespielt – obwohl Sie immer sagten, dass das Festival nicht grösser werden soll.
Lisette Wyss: Wir werden nicht grösser, aber das Programm wird dichter. Innerhalb unseres Perimeters besteht noch Platz. Wir hatten schon immer 30 Gruppen, nur das Rahmenprogramm wurde erweitert – mit «Bizaar», der Talentbühne, dem Kinderprogramm.
Ist das «Weird Village» eine Art moderne Freak-Show?
LW: Es ist ein Sammelsurium – wir wollten den künstlerischen Horizont erweitern. Eine der Gruppen lässt sich von der Kunst der Schaubude inspirieren. Aber es ist mehr der Charakter, der diese Künstler verbindet, als eine gemeinsame Ästhetik. Sie sind Tüftler und Maschinen-Punks, wie etwa Lyle Rowell mit seinem «Doghead», einem motorisierten Ungetüm, das Feuer spuckt und etwas Apokalyptisches hat.
Was sind Ihre Kriterien bei der Programmauswahl?
LW: Es muss etwas geboten werden, das die Leute zum Stehenbleiben zwingt. Das muss gar nicht unbedingt eine grosse Show sein, aber eine gewisse Energie ausstrahlen. DJs etwa funktionieren erfahrungsgemäss auf der Strasse nicht. Wenn wir auswählen, wägen wir immer zwischen Können, Energie und Sympathie ab.
Wie findet man diese Energie in einem Dossier?
LW: Das meiste sichten wir online. Zuerst höre ich mir die Musik an, dann kommen die Fotos. Auf den Pressebildern etwa zeigt sich deutlich, wie eine Gruppe wirken will.
Wie genau prüfen Sie über 300 Bewerbungen?
LW: Wir lehnen nichts a priori ab, prüfen alles. Pro Band oder Gruppe investieren wir sicher zehn bis fünfzehn Minuten.
Macht man sich Feinde, wenn man eine Band ablehnt?
CW: Gewisse Szenen reagieren ungehalten. Aber Künstler, die nicht mit Absagen leben können, sind keine Profis.
LW: In Bern ist das allerdings nicht so. Wichtig ist, dass wir ehrlich, unbestechlich und konsequent sind. Ich habe als Musikerin viele Bekannte in der Szene und sage ihnen offen, wenn mir ihre Musik nicht gefällt. Es gibt ja auch die Regel, dass Berner nur einmal bei Buskers spielen dürfen. Das ist eine Art Selbstschutz, damit erspare ich mir viel Ärger.
Aber den gab es schon?
LW: Manchmal ist es mühsam, wenn man an anderen Festivals auf Bands trifft, die man abgelehnt hat, und hört, wie schlecht über einen geredet wird. Am verständnislosesten und intolerantesten sind gewisse Hippies, also Leute, die umherziehen und auf Kosten anderer leben, Musik machen, sich aber an Festivals nicht an die Abmachungen halten. Eine dieser Gruppen beschimpft mich seit drei Jahren, sie bewirbt sich aber trotzdem jedes Jahr wieder.
Gibt es dieses Jahr Programmpunkte, die anecken?
CW: Lustigerweise kommen oft gerade jene Gruppen, von denen wir denken, dass sie das Publikum spalten, extrem gut an.
LW: Generell ist es schwierig, überhaupt Bands oder Gruppen zu finden, die provozieren. Der Trend geht hin zum Lieblichen. Vielleicht eckt der Höllenhund «Doghead» an.
Und der Roboter-Striptease?
LW: Diese Nummer hat eine kühle Ästhetik – ob da überhaupt ein Hauch Erotik rüberkommt, kann ich nicht sagen. Es ist ein Experiment. Überhaupt sind die Produktionen des «Weird Village» das Experimentelle in diesem Jahr. Für diese Künstler haben wir eine Art Defizitgarantie eingeführt, denn wir sind nicht sicher, ob sie genügend Hutgeld einnehmen, da sie nicht Shows im engeren Sinne machen, sondern Walking Artists sind oder etwas ausstellen. Dabei haben sie viel mehr Infrastruktur- und Transportkosten als etwa eine Band.
Sie fliegen dieses Jahr auch Gruppen aus Japan, Iran oder Kenya ein. Wie kompliziert gestalten sich solche internationalen Einladungen?
CW: Wir sind da zurückhaltend, weil es für uns zum Problem wird, wenn die Leute nicht mehr zurückreisen. Deshalb ist es gerade für Gruppen aus Afrika schwer, überhaupt Visa zu erhalten. Jene Gruppen aus Kenya und Japan, die wir dieses Jahr eingeladen haben, sind aber schon in Europa auf Tournee. Und die iranische Gruppe erhielt ihr Visum ohne Probleme. Das rührt vermutlich daher, dass diese Leute aus einer gehobenen Schicht stammen und schon viel gereist sind.
Nach dem Gurtenfestival gab es wie jedes Jahr Leserbriefe von Anwohnern, die sich über den Lärm beschwerten. Ist man da in der Altstadt weniger empfindlich?
CW: Die Reklamationen halten sich jeweils im sehr bescheidenen Rahmen. Die Akzeptanz der Anwohner ist mittlerweile sehr gross. Wir müssen nicht mehr Klinken putzen gehen, so wie am Anfang. (Der Bund)
Erstellt: 06.08.2009, 08:53 Uhr



