«Keine billige Anmache»

Die Berner Synthiepopper Fiji legen mit «Fun Factory» ihr drittes Album vor, das vom Duran-Duran-Mann Ian Little mitproduziert wurde. Ein Gespräch mit der Sängerin Simone.

«Wir sind zu alt, um mit der Brechstange die Charts breaken zu wollen»: Fiji beim Plausch unter Musikfreunden. (zvg)

«Wir sind zu alt, um mit der Brechstange die Charts breaken zu wollen»: Fiji beim Plausch unter Musikfreunden. (zvg)

Es wurde gemunkelt, Sie seien für Ihre neue CD mit Starproduzenten am Arbeiten. Einer davon soll der Duran-Duran-Mann Ian Little gewesen sein. Im Kleingedruckten Ihrer CD steht nun aber ganz krude «produced by Fiji». Was ist geschehen?

Simone de Lorenzi: Wir haben Ian Little als Co-Produzenten aufgeführt. Er war letzten Sommer zehn Tage lang in Bern, in dieser Zeit haben wir mit ihm am Song «It Feels So Good» gearbeitet. Als er zurück in London war, haben wir praktisch alle seine Ideen wieder verworfen und den Song alleine völlig neu aufgenommen.

Das klingt, als wären Sie keine einfachen Kunden.

Wir haben einfach gemerkt, dass uns seine Vorschläge nicht entsprochen haben. Dennoch denke ich, dass wir sehr von dieser Zusammenarbeit, die in der Folge über E-Mail und Telefon weiterging, profitiert haben. Ian Little hat uns vielleicht eher provoziert als produziert. Das hat er allerdings derart gut gemacht, dass uns auf einmal viel klarer wurde, was und wohin wir musikalisch eigentlich wollen. Ian Little ist ein Mittfünfziger, ein typischer schnoddriger Londoner, der die Rollen klar verteilte: Hier die verwöhnten Schweizer, die neben der Musik in langweiligen, aber gut bezahlten Jobs arbeiten – da der erfahrene Produzent, der weiss, wie man einen Hit produziert, und der davon ausgeht, dass die Methoden, die er in den Achtzigern bei Duran Duran oder Roxy Music erfolgreich anwandte, noch heute allgemeingültig sind.

Auf ein solches Hit-Rezept wartet doch im Grunde jede Band?

Es nützt dir aber nichts, wenn dir der Hit, der nach diesem Rezept entsteht, nicht gefällt. Wir sind zu alt, um mit der Brechstange die Charts breaken zu wollen. Und wenn einer dann die KLF-Broschüre «Der schnelle Weg zum Nr.-1-Hit» zückt, dann gähnen selbst wir langweiligen Schweizer.

Auf dem letzten Werk «Le Loup» haben Sie dem französischen Synthiepop gefrönt. Nun singen Sie fast ausschliesslich auf Englisch. Welche Absichten stecken hinter diesem Sprachwechsel?

Wir haben ganz einfach das Gefühl, mehr Leute damit zu erreichen. Ich mag Französisch immer noch sehr, es ist eine Sprache, die den Ernst zu brechen vermag. Deshalb haben wir den Flirt mit dieser Sprache nicht ganz aufgegeben, für zwei Stücke der CD sind wir dem Französischen treu geblieben.

Die neue CD «Fun Factory» ist trotzdem eine relativ ernste Angelegenheit. Die Ironie ist verflogen. Ist daran nur die Sprache schuld?

Ich denke auch, dass das Album kopflastiger und durchdachter geworden ist. Es war ein längerer Arbeitsprozess als bei «Le Loup», dafür finden sich auf «Fun Factory» viel mehr Details in den Arrangements. Den Titel haben wir gewählt, weil der maschinelle Aspekt prominenter herausgearbeitet wurde. Unser Mischer Bertrand Siffert, der unter anderem für die Young Gods arbeitet, hat den Songs teilweise fast eine Industrial-Ästhetik verpasst.

In diese mischen sich immer wieder Synthesizer-Flächen, die man gemeinhin dem Trance zuordnen würde. Wollen Sie tatsächlich bereits ein Nineties-Revival einläuten?

Klar. Wir wollen ja schliesslich Vorreiter sein (lacht). Wir haben die Technoszene am eigenen Leib miterlebt, diese Musik hat uns sicher auch geprägt. Doch dass wir jetzt speziell auf die 90s fokussierten, ist uns nicht bewusst. Wir sind eine Band, die in den Clubs gewöhnlich die Late-Night-Schicht übernimmt, und der Disco-Appeal ist in unserer Musik seit jeher vertreten. Auf dem neuen Album finden sich aber auch Verweise auf die Discomusik der 80s oder aufs Heute.

Die Popwelt ist gespalten in zwei unversöhnliche Fraktionen. Die eine ist dem Einsatz von Vocoder- und Auto-Tune-Effekten auf der menschlichen Stimme spinnefeindlich eingestellt. Die andere setzt sie hemmungslos ein. Sie gehören zu Letzteren. Haben Sie das Vertrauen in Ihre Stimme verloren?

Nein, im Gegenteil. Ich habe sogar mit Rauchen aufgehört und merke, dass meine Stimme heute mehr Möglichkeiten hat. Ich mag es, meine Stimme in den Dienst der Musik zu stellen. Und ich mag diesen maschinellen Verfremdungseffekt. Es ist auffallend, dass sich heute in den Charts praktisch keine Nummern mehr finden, die ohne ihn auskommen.

Auf Ihrem Tour-Plan tauchen erstmals Stationen in Frankreich und Deutschland auf. Klappts jetzt also endlich auch mit den Nachbarn?

Wir streben den Schritt ins Ausland natürlich an. Wir haben beispielsweise auf unserer letzten Tournee in einem kleinen Club in Karlsruhe gespielt und stiessen derart auf Begeisterung, dass uns der Veranstalter kurz darauf auf eine Grossbühne des Stadtfestes von Karlsruhe gebucht hat. Allein an diesem Abend haben wir über hundert CDs signiert. Wir wollen den Fiji-Virus streuen. Wenns in Karlsruhe klappt, kanns ja zum Beispiel auch in Paris klappen, wo wir nächstens auftreten werden.

Fiji hat auch einen Beitrag zum Soundtrack des schlagzeilenträchtigen Films «Sennentuntschi» aufgenommen. Zumindest der cineastische Erfolg scheint noch ein wenig vertagt.

Ach ja. Wir haben den Song – «In Every Dream Home A Heartache» von Roxy Music – trotzdem in einer überarbeiteten Version aufs Album genommen. Michael Steiner hat uns kürzlich angerufen und gesagt, auch wenn das mit seinem Film etwas kompliziert laufe, so sei es doch beruhigend zu wissen, dass bereits die Musik für den Abspann existiere.

Wenn man das Cover der neuen CD anschaut, auf dem sich ein Fräulein seines Höschens entledigt, dann ist es weniger der Splattergedanke als eine laszive Form der Sexiness, für die Fiji steht.

Das bringt uns oft in einen etwas anrüchigen Dunstkreis. Das Bild stammt von einer Londoner Fotografin und hat uns aufs erste Hinschauen gefallen. Wir mögen keine billige Anmache oder vulgäre Posen. Es geht uns sowohl auf dem Cover wie an unseren Konzerten um eine starke Performance von einer Frau, die keine Probleme hat, sich auch mal in den Schritt zu greifen. (Der Bund)

Erstellt: 11.02.2010, 16:32 Uhr

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