Zeitung heute
Affenkönig statt Faultier
Was für ein Film! Zu Beginn taucht eine Frau aus dem Meer auf und steht da wie Botticellis Venus. Neben ihr spielt ein schwimmendes Grammofon einen Jazzsong. Die Frau tanzt. Die Platte springt. Dann fällt die Venus wie in einem Cartoon von Monty Python ins Wasser. So irr beginnt, was die Amerikanerin Nina Paley in fünf Jahren am Laptop geschaffen hat: einen einfallsreichen, bunten, mitreissenden Trickfilm. Er ist hoch komisch und tieftraurig. Er ist nie langweilig. Und er ist völlig einzigartig.
Im Zentrum steht das indische Ramayana, ein komplexes, endloses Epos. Sehr kurz zusammengefasst: Ein Dämon entführt die Göttin Sita. Der Affenkönig findet sie. Danach muss sie ihrem Ehemann Rama die Treue beweisen.
Der Film gibt diese Geschichte in ironischen 2-D-Animationen wieder. Wenn Nintendo Bollywood-Kino machen würde, sähe es so aus. Dazu kommt die Metaebene: Drei Freunde der Regisseurin, die wir im Film als Schattenmarionetten sehen, resümieren das Epos aus dem Gedächtnis. «Wie ging das schon wieder?», rätseln sie im Stil eines Bargesprächs. Daneben entwickelt die Regisseurin eine persönliche Lovestory, die dem Ramayana ähnelt und die im heutigen San Francisco spielt. Und dazwischen werden Songs der Jazzsängerin Annette Hanshaw aus den 1920er-Jahren geschoben. Sie kommentieren nicht nur den Plot, sondern sind auch so schön, dass man davon Gänsehaut kriegt.
Das klingt vielleicht unglaublich kompliziert, ist aber ein Riesenspass. Der Film, der Fotos und Zeichnungen in die digitale Animation einwebt, schillert vielschichtig: als feministische Version einer exotischen Story, als Hinweis auf die Konstruktion von Mythen, als Musical, als modernes Autorenkino und natürlich als herzzerreissende Liebesgeschichte. Ein ironischer Film, der auch berührt. Mehr kann man von Kino nicht wollen. (blu)
In Bern im Kino Movie 2.
> (Der Bund)
Erstellt: 03.09.2009, 01:15 Uhr



