Zeitung heute

Stadt Bern erhält keinen Velo-Hauslieferdienst

Der Hauslieferdienst per Velo für Kunden von Berner Innenstadtgeschäften kommt nicht zustande. Die Begründung: Es gibt derzeit nicht genügend geeignete Langzeitarbeitslose, die beim Projekt hätten

mitarbeiten können.

Die fast zwei Jahre dauernden Planungsarbeiten waren vergebene Mühe. Gestern hat die Stadt Bern mitgeteilt, dass der angekündigte Velo-Hauslieferdienst nicht realisiert werden könne. Das vom ehemaligen Gemeinderat Stephan Hügli im Herbst 2007 lancierte Projekt ist damit erst einmal vom Tisch.

Noch vor gut eineinhalb Jahren hatte es ganz anders getönt: «Der Gemeinderat will den Hauslieferdienst möglichst schnell einführen», schrieb die Stadtregierung am 20. Februar 2008 auf einen Vorstoss von Stadtrat Beat Zobrist (sp). Idee des Projekts war, dass Kunden ihre Einkäufe nicht selber nach Hause schleppen müssen, sondern zu günstigen Konditionen die Dienste von Velokurieren in Anspruch nehmen können. Dazu hätten Letztere die Einkäufe direkt in den Geschäften abholen und an die Wohnorte der Kunden transportieren sollen. In Burgdorf und Thun besteht ein solcher Velo-Hauslieferdienst bereits seit einiger Zeit. Für die Rolle der Kuriere waren Langzeitarbeitslose aus Integrationsprogrammen vorgesehen. Da der Betrieb hätte selbsttragend sein müssen, wären andere Möglichkeiten nicht infrage gekommen.

Alles aufgegleist, bis auf Arbeiter

Er bedaure den negativen Entscheid sehr, sagt Adrian Stiefel vom städtischen Amt für Umweltschutz. Er koordinierte die Vorarbeiten für das Projekt. «Es wäre grundsätzlich eine gute Idee gewesen.» Bis auf ein Element habe in den letzten zwei Jahren alles aufgegleist werden können. Sogar ein geeigneter Raum für die Zentrale sei am Waisenhausplatz gefunden worden.

Schlussendlich scheiterte der Hauslieferdienst daran, dass nicht genügend Arbeitskräfte zur Verfügung standen. Zu Beginn der Projektphase seien die Signale diesbezüglich noch ganz anders gewesen, sagt Stiefel. Erst als es konkret wurde, hätten das städtische Kompetenzzentrum Arbeit und weitere soziale Einrichtungen abgewinkt.

Zu hohe Anforderungen

Die Begründung erstaunt, wenn man einen Blick auf die nackten Zahlen wirft. Die Verantwortlichen rechneten mit zehn bis zwölf ausgesteuerten Arbeitslosen, um die Kontinuität des Angebots zu gewährleisten. Laut dem Leiter des Kompetenzzentrums Arbeit, Jürg Fassbind, befinden sich im Pool für solche Wiedereingliederungseinsätze derzeit 660 Personen. Rund 400 davon sind bereits in andere Projekte eingebunden, beispielsweise beim Velo-Gratisverleih «Bern rollt» oder bei Non-Profit-Organisationen. Zusätzlich zum Sozialhilfegeld erhalten solche Langzeitarbeitslose maximal 300 Franken pro Monat. Wären da nicht genügend Arbeitskräfte vorhanden?

«Die Anforderungen an einen Velokurier sind hoch», sagt Fassbind. Neben der körperlichen Verfassung zählt er Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Deutschkenntnisse, Stressresistenz und Flexibilität auf. «Leute, die diese Voraussetzungen mitbringen, haben im normalen Arbeitsmarkt eher gute Chancen. Deshalb konnten wir nicht garantieren, kontinuierlich genügend geeignete Arbeitskräfte zu vermitteln.» Hinzu komme, dass solche Personen normalerweise nur ein halbes Jahr in einem Integrationsprojekt verweilen können. «Unser Auftrag ist es in erster Linie, Sozialhilfebezüger in die Arbeitswelt zu integrieren und nicht, andere Service-Public-Dienste zu erfüllen», sagt Fassbind.

Stadtrat Beat Zobrist ist mit der Begründung nicht zufrieden. «Im Gemeinderat fehlt der politische Wille, die Idee umzusetzen», sagt er. Er könne es kaum glauben, dass nicht genügend geeignete Arbeitskräfte vorhanden seien. «Gerade junge Menschen sind ja besonders von Arbeitslosigkeit betroffen», so Zobrist. «Neben den ökologischen Aspekten und Vorteilen für das Innenstadt-Gewerbe wäre das Projekt auch für sie eine grosse Chance gewesen.» Auch Martin Bühler, Geschäftsführer der Innenstadtorganisation Bern City, bedauert den negativen Entscheid sehr.

Nause: «Charmantes Projekt»

Den Vorwurf des fehlenden politischen Willens akzeptiert der zuständige Gemeinderat Reto Nause (cvp) nicht. «Ich finde das Projekt attraktiv und charmant», sagt er. Man habe sich redlich bemüht und umsichtig alle Möglichkeiten geprüft. Geld aus der Stadtkasse stehe für den Hauslieferdienst aber schlicht nicht zur Verfügung. Stiefel schätzt, dass die Planungsarbeiten bereits mit maximal 50000 Franken zu Buche geschlagen haben. Beauftragt wurde das Büro für Mobilität Bern AG.

Ob das Thema mit dem gestrigen Entscheid endgültig erledigt ist, bleibt offen. Beat Zobrist schliesst nicht aus, dass er einen weiteren Vorstoss einreichen wird, «diesmal aber in einer verbindlichen Form», wie er sagt. Eine weitere Möglichkeit wäre, die Dienstleistung auf privater Ebene zu lancieren. «Wir sind grundsätzlich offen für eine Zusammenarbeit, wurden aber nie offiziell angefragt», sagt Agnes Hofmann, Co-Geschäftsführerin von Velokurier Bern. «Ich wäre gerne der Türöffner für eine solche Lösung», sagt Adrian Stiefel. Die Resultate aus den Vorarbeiten stelle er zur Verfügung. Sicher ist: So günstig, wie von der Projektleitung angestrebt – höchstens zehn Franken pro Lieferung –, könnten die Velokuriere Bern den Service ohne zusätzliche Finanzierung nicht anbieten.

> (Der Bund)

Erstellt: 05.09.2009, 01:15 Uhr

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