Sie kämpfen für tierische Insuline

Für sie sei tierisches Insulin unentbehrlich, sagt die Thörishauser Bäuerin und Diabetikerin Marianne von Känel. Doch dieses werde von synthetischen Insulinen vom Markt verdrängt. Mit dem emeritierten Diabetologie-Professor Arthur Teuscher und dem Arzt Bernhard Abbühl kämpft sie für dessen Verfügbarkeit.

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Bernhard Abbühl, 52-jährig, Arzt in Bern und Diabetiker (Zuckerkranker), weiss, was es heisst, plötzliche Blutzuckerabstürze (Hypoglykämien) zu erleiden: Mehrmals hatte er unvermittelt lebensbedrohliche hypoglykämische Anfälle erlitten – bis er, nach einem Anfall im Juni 2006, auf Anraten des früheren Berner Diabetologie-Professors Arthur Teuscher vom marktüblichen synthetischen (Human-)Insulin auf das früher gebräuchliche tierische Insulin wechselte. Seither, sagt er, habe er «die Sache im Griff»: Im Gegensatz zu früher könne er Hypoglykämiesymptome heute rechtzeitig wahrnehmen, so dass schwere hypoglykämische Anfälle seither ausgeblieben seien.

Nur: Es werde immer schwieriger, tierisches Insulin zu erhalten. Diese natürlichen Insuline würden sukzessive vom Markt verschwinden, so dass er sich («zusammen mit vielen weiteren der rund 300000 Diabetikerinnen und Diabetiker in der Schweiz») ernsthafte Sorgen um die weitere Verfügbarkeit solcher Präparate mache. Wenn die Nachfrage ständig abnehme, sagt er, werde es plötzlich total verschwinden. Viele jüngere Ärzte wüssten heute gar nicht mehr, dass tierisches Insulin für gewisse Diabetikerinnen und Diabetiker nicht nur eine willkommene, sondern unter Umständen sogar eine lebenswichtige Alternative zum Humaninsulin sein könne.

Die Bäuerin Marianne von Känel

Auch Marianne von Känel, 45-jährig, Bäuerin in Thörishaus, bangt um die weitere Verfügbarkeit tierischer Insuline. Sie ist seit 35 Jahren Diabetikerin. Und deshalb kenne sie, zumindest in ihrem Fall, die unterschiedliche Wirkung synthetischer und tierischer Insuline genau, betont sie.

Mit tierischem Insulin habe sie ihre Unterzuckerungen stets problemlos im Griff gehabt, die Umstellung auf synthetisches Insulin sei bei ihr gescheitert: «Damit bin ich oft, ohne jegliche Anzeichen, plötzlich in gefährliche Unterzuckerungen hineingeraten. Tagsüber wurde ich nervös, rastete schnell aus. Und nachts musste ich immer Hypoglykämien befürchten. Erst mit der erneuten Umstellung auf tierisches Insulin normalisierte sich die Situation wieder.»

«Noch einen Vorrat ,gebunkert‘»

Auch Marianne von Känel befürchtet nun, diese Produkte könnten für sie bald nicht mehr erhältlich sein. «Bisher», sagt sie, «haben wir mit Ach und Krach das Präparat Semilente aus Polen beziehen können – mit einer Sonderbewilligung von Swissmedic. Weil diese Produktion nun eingestellt wird, weiss ich nicht, wie es weitergehen wird. Ich habe für mich noch einen Vorrat für ein Jahr ,gebunkert‘ – doch was kommt dann?» Der Gedanke daran, plötzlich «voll auf synthetisches Insulin angewiesen zu sein», sei für sie «schlimm». Deshalb engagiere sie sich seit Jahren auch im Forum Insulin Schweiz, einer Patientenorganisation von Diabetikerinnen und Diabetikern, die sich seit 1984 für den Erhalt tierischer Insuline in der Schweiz einsetzt.

Es sei jedoch schwierig, «gegen die Pharmalobby anzukämpfen». Die meisten Diabetikerinnen und Diabetiker hätten zwar absolut keine Probleme mit synthetischen Insulinen, doch andere seien, wie sie, eben auf tierische Produkte angewiesen. Doch ihre Erfahrungen und Argumente würden «unter den Tisch gewischt», weil das Geschäft mit synthetischen Insulinen lukrativer sei. «Ich zum Beispiel habe eben schwerwiegende Probleme mit synthetisch hergestelltem Humaninsulin», sagt Marianne von Känel: «Das ist nicht einfach eine blöde Idee, sondern eine Tatsache.»

«Der Markt schrumpft»

Prof. Arthur Teuscher (82), der von 1960 bis 1992 Leiter der Diabetesstation am Berner Inselspital war und sich mit seiner Stiftung Ernährung und Diabetes seit Jahren hartnäckig für die Verfügbarkeit von tierischem Insulin starkmacht, bestätigt Marianne von Känels und Bernhard Abbühls Befund. «Ja», sagt er, «es wird prekär. Der Markt an tierischen Insulinen schrumpft, in der Schweiz sind noch drei tierische Insuline zugelassen, und auch ihre Zukunft ist ungewiss. Bald sind wir so weit, dass wir uns in China nach tierischen Insulinen umsehen müssen – doch auch dort investiert die westliche Industrie Millionen, um die viel billiger und damit gewinnbringender herstellbaren Humaninsuline zu etablieren.» So sei etwa die Firma Novo Nordisk mit riesigem Aufwand daran, den chinesischen Insulin-Markt zu erobern.

Teuschers Kampfschrift

Im Buch «Insulin – a Voice for Choice» («Insulin – eine Stimme für die freie Wahl», Karger-Verlag) hat Teuscher vor Jahresfrist erneut kritisiert, die Pharmaindustrie weigere sich «trotz zahlreichen klinischen Beobachtungen und wissenschaftlichen Belegen, einen Unterschied in der Wirkungsweise von synthetischen und tierischen Insulinen anzuerkennen». Im «Milliardengeschäft mit Insulin» ignoriere sie die Bedenken und Ängste vieler Patientinnen und Patienten. Mit «immer aggressiveren Marketingmethoden» verdränge sie das tierische Insulin vom Markt. Die Industrie nehme seit Jahren auch entsprechend Einfluss auf die Wissenschaft, so dass man heute von einer «Pharma-Akademia» sprechen müsse.

Ein Sprecher von Novo Nordisk Schweiz hatte Teuschers Kritik vor Jahresfrist im «Bund» schon zurückgewiesen: Der finanzielle Aspekt sei auch für Novo Nordisk «wichtig, aber keineswegs wichtiger als das Wohl des Menschen mit Diabetes». Novo Nordisk habe seit über 80 Jahren stets an der Weiterentwicklung der Diabetestherapie gearbeitet und intensiv geforscht: Daraus resultiere die Entwicklung moderner Insuline, die den Patienten deutliche Vorteile böten. Dies führe zwangsläufig dazu, dass ältere Produkte vom Markt genommen würden.

«Gefahr im Strassenverkehr»

Teuscher räumt zwar ein, dass «etwa 90 Prozent der Diabetikerinnen und Diabetiker in der Schweiz» nicht auf tierisches Insulin angewiesen seien: «Doch einige Tausend benötigen es eben, weil sie mit tierischem Insulin die Unterzuckerungsproblematik besser in den Griff bekommen können.»

Etwa im Strassenverkehr, betont Teuscher, könne Humaninsulin zu gefährlichen plötzlichen Hypoglykämien führen – mit verheerenden Folgen. Aus rund 320 seit 1984 in seiner Praxis gesammelten entsprechenden Fallgeschichten habe er deren 66 aufgelistet, «die zu Zwischenfällen im Strassenverkehr führten. In 29 Fällen kam es zu Unfällen, zum Teil mit tödlichem Ausgang.»

«Plötzliche Unterzuckerungen»

In einem Brief an die Schweizerische Diabetesgesellschaft haben sich Teuscher und Abbühl deshalb im Oktober 2008 einmal mehr für die Sicherstellung der langfristigen Versorgung mit tierischem Insulin eingesetzt.

«Es ist erwiesen», schrieben sie, «dass 10 bis 20 Prozent der Typ-I-Diabetiker lebenslänglich auf tierisches Insulin angewiesen sind, weil sie bei Umstellung auf synthetisches (Human-)Insulin tagtäglich – und häufig auch nachts – riskieren, überraschend und ohne Warnzeichen in schwere plötzliche Unterzuckerungen mit Bewusstlosigkeit zu fallen. Derart schwere Hypoglykämie-Zwischenfälle können jederzeit und überall auftreten, so auch im Strassenverkehr. Es bedarf keiner Kommentierung, dass damit eine akute Selbst- und Drittgefährdung einhergeht.»

«Nicht für alle gut»

Teuscher und Abbühl betonen, mit ihrem Vorstoss keineswegs den Nutzen und die Wirksamkeit von synthetischen (Human-)Insulinen infrage stellen zu wollen. Ihr Anliegen sei bloss, daran zu erinnern, dass Humaninsulin nicht für alle Diabetiker gut sei und ein Teil von ihnen lebenslang auf tierisches Insulin angewiesen sei. Deshalb sei es unabdingbar, dass «die natürlichen Insuline in genügender Menge verfügbar bleiben».

Ihre Anliegen haben die beiden im vergangenen Jahr auch Thomas Zeltner, dem Direktor des Bundesamts für Gesundheit, dem Berner Kantonsarzt Hans Gerber und Urs Birchler, dem Direktor des Berner Inselspitals, unterbreitet.

«Aus Insel-Apotheke eliminiert»

Mit bisher mässigem Erfolg, wie es scheint. Wenige Monate nach der Unterredung mit Insel-Direktor Birchler stellen sie jedenfalls fest, dass «die letzten natürlichen Insuline nach einem Dasein von 50 Jahren auch grundlos aus der Insel-Apotheke eliminiert worden sind. Es gibt dort nun 21 synthetische Insuline und kein einziges tierisches Insulin mehr.»

In einem Brief an die Inselspital-Direktion im November 2008 haben sie deshalb um eine Unterredung und zumindest um die Beibehaltung tierischer Insuline in der Insel-Apotheke gebeten. Sie seien jedoch abgeblitzt, konstatiert Teuscher: «Die Insel-Verantwortlichen Professor Peter Diem und Direktor Urs Birchler haben den Kontakt zu uns abgebrochen.» (Der Bund)

Erstellt: 19.02.2009, 14:13 Uhr

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