Zeitung heute

Kommentar: Lästig, störend, aufsässig

Von Artur K. Vogel. Aktualisiert am 27.08.2009

In einem Brief an den Verwaltungsratspräsidenten der Tamedia AG, welcher die Espace Media Groupe AG und damit auch der «Bund» gehören, hat sich der Regierungsrat des Kantons Bern am 18. Dezember 2008 für unsere Zeitung starkgemacht: «Die Regierung erachtet es als wichtig, dass auch in der Hauptstadt Bern weiterhin zwei Tageszeitungen mit eigenständigen Redaktionen das politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Geschehen journalistisch eng begleiten.»

Diese und andere Interventionen aus Bern wurden in Zürich gehört und – unter vielen andern Entscheidungsgrundlagen – berücksichtigt, als der Tamedia-VR im Mai 2009 den strategischen Entscheid fällte, in Bern weiterhin zwei Zeitungen, «Bund» und «Berner Zeitung BZ», herauszugeben.

Derselbe Regierungsrat hat am 25. Juni 2009 gegen den «Bund» Beschwerde beim Schweizer Presserat eingereicht. Darin behauptet er, wir hätten gegen die «Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten» verstossen. Stein des Anstosses war die fortgesetzte, kritische Berichterstattung über den geplanten, milliardenteuren Ausbau des Bahnhofs Bern, über welche sich vor allem Baudirektorin Barbara Egger empörte.

Die zwei Vorgänge haben auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun. Man kann sich auch empören über eine Zeitung, deren Weiterexistenz man sich trotzdem erhofft. Und selbstverständlich hat auch eine Regierung das Recht, gegen eine Zeitung zu klagen, wenn sie sich unfair behandelt fühlt.

Aber der Regierungsrat ging weiter. Er hat in einer Pressemeldung auch behauptet, der «Bund» habe «dem Wirtschaftsstandort Bern unnötigen Schaden zugefügt». Hier offenbart sich ein Anspruch an die Medien, den wir nicht verstehen und nicht teilen: Zeitungen hierzulande sind, anders als in Libyen, Weissrussland oder Nordkorea, keine PR-Organe von Regierenden.

Auch wenn der Regierungsrat dazu beigetragen hat, dass es in Bern weiterhin zwei Zeitungen gibt, muss er akzeptieren, dass diese weiterhin ihre Rollen spielen: als lästige, manchmal aufsässige, störende, nörgelnde, gelegentlich übers Ziel hinausschiessende, kritische Beobachter.

Diese Rolle wird der «Bund» weiterhin spielen, auch mit der Klage der Berner Regierung im Nacken. Denn nur wenn er sie spielt, ist seine Existenz gerechtfertigt. Als Blättchen, das vor den Mächtigen Männchen macht und mit dem Schwanz wedelt, hätte der «Bund» keine Daseinsberechtigung.

Im konkreten Fall, dem Projekt «Zukunft Bahnhof Bern», könnte die Rolle des kritischen Beobachters sogar heilsam sein: Leute, welche die Bahnhofplanung früh infrage gestellt haben, werden momentan zwar als «Verräter» des Standortes Bern diffamiert. Doch die Ergebnisse des ETH-Berichts deuten darauf hin, dass sie dereinst als frühe Warner dastehen könnten, die den Kanton Bern vor wirtschaftlichem Schaden bewahrt haben. (Der Bund)

Erstellt: 27.08.2009, 08:17 Uhr

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