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Kinder, die es eigentlich nicht gibt
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Die Berner Fremdenpolizei (Frepo) beobachtete in den letzten Wochen Erstaunliches: «Auf der Schützenmatte parken immer wieder Busse, denen ganze Gruppen von Bettelnden entsteigen», sagt Alexander Ott. Der Frepo-Chef hat seine Leute angewiesen, dem Phänomen weiter auf den Grund zu gehen. Die Ermittlungen hätten ergeben, dass die Reisegruppen aus Vorarlberg kämen. «Die Mitreisenden bezahlen zweihundert Franken für die Fahrt nach Bern, erhalten hier von ihrem Reiseführer die Information, wo sich die besten Bettel-Standorte befinden, und werden abends wieder für die Rückfahrt aufgeladen.» Was sie tagsüber an Almosen einnähmen, dürften sie offenbar behalten. Und das ist nicht eben wenig. In der Weihnachtszeit – so hätten die Untersuchungen gezeigt – liegt der Tagesumsatz eines Bettlers zwischen 400 und 600 Franken. «Fakt ist», so Ott, «dass es sich hier um ein gut organisiertes Business handelt.»
Viele Sinti und Roma
Otts Erkenntnisse fussen auf polizeilichen Ermittlungen, die über Weihnachten 2007 und 2008 stattgefunden hatten. Bei der ersten Aktion wurden 56 ausländische Bettlerinnen und Bettler angetroffen, darunter 9 Kinder und 2 behinderte Personen. Die Menschen stammten aus der Slowakei, Rumänien und Bulgarien und gehören mehrheitlich der ethnischen Gruppe der Roma an. Bei der Aktion in den vergangenen Wochen wurden jeweils Reisegruppen von 7 bis 8 Personen aus demselben Umfeld beobachtet. Doch es ist nicht in erster Linie der organisierte «Betteltourismus», der Ott Kopfzerbrechen bereitet. Er erinnert daran, dass Polen, Ungarn und seit 2004 auch Rumänen und Bulgaren visafrei in die Schweiz einreisen dürfen. Auch sei die Bettelei in Bern nicht verboten. Allerdings würden mittellose Personen, die weniger als hundert Franken auf sich tragen und somit nicht für ihren «touristischen Aufenthalt» aufkommen können, mittels Ausreisemeldekarte aufgefordert, das Land innert 24 Stunden zu verlassen. Bei der dritten Anhaltung suche die Frepo beim Bundesamt für Migration um ein Einreiseverbot nach.
Kinder sind nirgends registriert
Nein, es sei nicht die Bettelei, die ihn so störe, betont Ott erneut. Erschreckend und möglicherweise strafrechtlich relevant sei die Tatsache, dass sich auch bei den jüngsten Kontrollen wiederum zwei Kinder unter den Bettelnden befanden, die ohne Eltern unterwegs waren. «Wir haben bei den beiden genauer hingeschaut und in ihren Herkunftsländern Erkundigungen über sie eingeholt.» Doch die Rückmeldungen seien ernüchternd: «Das 9-jährige Mädchen und der 12-jährige Bub sind nirgendwo registriert. Offiziell existieren sie gar nicht. Und demzufolge fehlen sie auch nirgends.» Ott will nun der Frage nachgehen, wer ihre Eltern sind und ob die Kinder allenfalls aktiv von den Bettlerbanden angeworben und in ein Abhängigkeitsverhältnis gebracht wurden. «Sollte sich dieser Verdacht erhärten, ginge es dann klar in Richtung Menschenhandel.» Ott fürchtet, dass sie sich kaum noch aus eigener Kraft befreien können, wenn sie sich erst einmal in den Händen einer Menschenhandels-Organisation befinden. «Sie sind quasi Freiwild.» Und es sei wahrscheinlich, «dass sie später irgendwo in der Landwirtschaft, auf dem Bau, in der Hausarbeit oder im Sexgewerbe ausgenutzt werden». Sie könnten zur Arbeit rekrutiert und unter Vorspiegelung falscher Tatsachen finanziell oder arbeitsrechtlich ausgenutzt werden.
Er wolle darum alles daran setzen, die Organisationsstrukturen aufzudecken und zu knacken. Dass die Frepo Bern in diesem Bereich auf die Zusammenarbeit mit anderen Stellen angewiesen ist, liegt auf der Hand. Ott nimmt darum Einsitz im Kooperationsgremium Menschenhandel und pflegt so die Zusammenarbeit mit Akteuren von Justiz, Polizei, Strafverfolgungsbehörden und Opferschutzstellen auf allen Ebenen, um in der Sache weiterzukommen. Massnahmen im Bereich Menschenhandel zu treffen, sei jedoch sehr schwierig, erklärt Ott. Wolle man in diesem Bereich kriminelle Strukturen nachweisen, so erfordere dies äusserst zeit- und personalintensive Recherchen.
Wer gibt, gibt den Hintermännern
Jeder Einzelne könne der organisierten Bettelei und indirekt auch dem Menschenhandel entgegenwirken, mahnt Ott. Etwas tun heisst in diesem Fall etwas unterlassen: das Almosen verteilen. «Wer bettelnden Roma oder Sinti Geld gibt, unterstützt in erster Linie nicht die darbenden Einzelpersonen, sondern die Hintermänner», sagt Alexander Ott. Und wer Kindern Geld gebe, der legitimiere und zementiere deren Betteltätigkeit, anstatt ihnen einen anderen Weg zu öffnen. «Es gibt genügend soziale Institutionen hier und in den Herkunftsländern, wo die Minderjährigen besser aufgehoben sind als auf der Strasse», sagt der Chef der Fremdenpolizei.
(Der Bund)
Erstellt: 19.01.2009, 14:54 Uhr


