Ein halbes Jahrhundert «Tscharni»

Vor 50 Jahren zogen die ersten Bewohner ins Tscharnergut. In den 1960er- und 1970er-Jahren lebten rund 5000 Leute in der Hochhaussiedlung, heute sind es noch rund 2300. Das Quartier ist überaltert und hat einen hohen Ausländeranteil. Die Jubiläumsaktivitäten sollen mithelfen, den schlechten Ruf zu korrigieren.

Achtstöckige Scheibenhäuser (rechts), zwanzigstöckige Hochhäuser und viele Freiflächen prägen das Tscharnergut. (Bild Adrian Moser)

Achtstöckige Scheibenhäuser (rechts), zwanzigstöckige Hochhäuser und viele Freiflächen prägen das Tscharnergut. (Bild Adrian Moser)

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Das Festprogramm

50 Feste für 50 Jahre: Das Tscharnergut feiert sein Jubiläum im laufenden Jahr mit 50 Anlässen. Nähere Infos gibt es laufend auf www.tscharni.ch.

Wenn vom «Tscharni» die Rede ist, fallen häufig Begriffe wie Betonwüste, Gettosiedlung, Wohnsilos, Ausländerviertel, Vandalenhochburg. Langjährige Bewohnerinnen und Bewohner des Tscharnerguts mögen die abschätzigen Bemerkungen schon gar nicht mehr hören. Solche Qualifizierungen kämen oft von Leuten, die das «Tscharni» nur vom Hörensagen kennten, sagt Marianne Mendez, Präsidentin Verein Quartierzentrum im Tscharnergut. Sie wohne «sehr, sehr gern hier». Das «Tscharni» biete mit Kindertagesstätten, Jugendzentren, Läden, einem Freizeitzentrum und diversen Seniorenangeboten «vom Bébé bis zum Betagten» allen etwas. «Hier sind auf kleinstem Raum alle Bedürfnisse abgedeckt.»

«Weit weg von Gettoverhältnissen»

Andreas Rohrbach, Koleiter des Quartierzentrums, will die Probleme – Stichworte: Überalterung, hoher Ausländeranteil, Spannungen zwischen jungen Ausländern und älteren Schweizern – «nicht verniedlichen». Doch gleichzeitig wehrt er sich gegen die Stigmatisierung des «Tscharni». «Wir sind weit weg von Gettoverhältnissen. Wir haben nicht mehr und andere Probleme als andere Quartiere auch.» Rohrbach spricht von «Vorurteilen und Klischees», denen nur schwer beizukommen sei. Dennoch geben er und andere Gleichgesinnte nicht klein bei. Im Jubiläumsjahr wollen sie eifriger denn je Werbung für die Siedlung betreiben, die einst ein Paradebeispiel für zeitgemässen sozialen Wohnungsbau war. Mit mehr als 50 Festen und öffentlichen Veranstaltungen möchten zahlreiche Vereine und Institutionen möglichst viele Stadtberner ins «Tscharni» locken (siehe Kasten links unten). Rohrbach: «Wir möchten die vielen Facetten des Quartiers zeigen und wahrgenommen werden.» Der Auftaktsanlass findet morgen Samstag um 11 Uhr auf dem Dorfplatz statt.

Wider die Wohnungsnot

Das Tscharnergut ist ein Kind der Nachkriegszeit, als in der Schweiz Aufbruchstimmung herrschte und immer mehr Leute in die Städte drängten. Wie anderswo herrschte auch in Bern bald akute Wohnungsnot. In dieser Situation kaufte die Stadt 1949 für 2,5 Millionen Franken ein riesiges Stück Landwirtschaftsland im Westen der Stadt, das Tscharnergut. Das Areal sollte später im Baurecht an private Gesellschaften abgegeben werden – mit der Auflage, Wohnungen mit niedrigem Mietzins zu erstellen. Zuvor aber musste ein Bebauungsplan ausgearbeitet werden. Sieger des 1955 ausgeschriebenen Ideenwettbewerbs waren die beiden jungen Architekten Ulyss Strasser und Hans-Rudolf Lienhard. «Unser Projekt entsprach der damaligen Doktrin der gemischten Bauweise mit hohen und niedrigen Gebäuden sowie viel Freiflächen am besten», erinnert sich Strasser (siehe Interview). Zusammen mit der Siedlung Le Lignon in Genf – einem riesigen, riegelartigen Wohnblock – sei das Tscharnergut die erste Grossüberbauung der Schweiz gewesen, sagt Strasser.

Die Siedlung, die schliesslich ab 1958 am westlichen Stadtrand gebaut wurde, war ein Gemeinschaftsprodukt der Architektenbüros Strasser/Lienhard, Eduard Helfer und Gret und Hans Reinhard.

Als Bauherrengemeinschaft wählte die Stadt die Wohnbaugenossenschaften Fambau und Brünnen-Eichholz sowie die Immobiliengesellschaft der Unia, die Promet AG, aus. Die Genossenschaften , die sich zur Tscharnergut Immobilien AG (Tiag) zusammenschlossen, erhielten das Land von der Stadt für 100 Jahre im Baurecht.

Von der Bausubstanz her präsentieren sich die «Tscharni»-Blöcke ein halbes Jahrhundert nach ihrer Erstellung in einem erstaunlich guten Zustand. Keine Überraschung ist, dass sie punkto Wohnungsgrösse, Gestaltung der Balkone und Behindertengerechtigkeit den heutigen Bedürfnissen nicht mehr gerecht werden. Die Fambau hat deshalb 2005 verschiedene Architekturbüros gebeten, sich Gedanken zu machen, wie die achtgeschossigen Gebäude zeitgemäss saniert werden könnten. Die besten Entwürfe legten die Architekturbüros Mühlethaler und Matti, Hitz und Ragaz vor. Deren Projekte dienen der Tiag als Grundlage bei den Überlegungen zur Umgestaltung aller acht Häuser. Bis der Umbau gestartet wird, dürften noch einige Jahre vergehen. «Wir befinden uns erst am Anfang eines langen Denk- und Planungsprozesses», sagt André Töngi, Bereichsleiter Immobilien bei der Fambau.

Fast abgeschlossen sind die kostspieligen Sanierungsarbeiten an den 20-stöckigen Wohnblöcken. Allein die Fambau hat rund 20 Millionen in ihre drei Gebäude gesteckt. (Der Bund)

Erstellt: 09.01.2009, 14:07 Uhr

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