Ein Telefon erklärt den Klimawandel

Dank dem iPhone können Wanderer zwischen Mürren und Grindelwald Wissenswertes über die Klimaerwärmung erfahren und unterwegs auch Filme zum Thema anschauen.

Beim unteren Grindelwaldgletscher liefert das iPhone dank Satelliten automatisch Informationen zum Gletscherschwund. (Manuel Zingg)

Beim unteren Grindelwaldgletscher liefert das iPhone dank Satelliten automatisch Informationen zum Gletscherschwund. (Manuel Zingg)

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Klimapfade

Die Führer auf den iPhones werden ab sofort auf Deutsch, Englisch und Französisch in den Tourismusbüros der Jungfrau-Region für 20 Franken pro Tag vermietet. Die Landkarten kann man auf www.jungfrau-klimaguide.ch herunterladen.

Sie leuchtet gelb am Wegrand, verloren irgendwo auf dem steilen Pfad zwischen Pfingstegg und Bäregg. Auf dem iPhone brauchen botanisch nicht bewanderte Ausflügler bloss noch aus Pflanzenzeichnungen die passende auszuwählen, und das Gerät spuckt den Namen der Blume aus: Alpen-Hornklee. Doch das ist nur eine weitere Nebenfunktion des Objekts der Firma Apple, welches so begehrt ist, dass es schon längst kein profanes Telefon mehr zu sein braucht.

Über den grünen Klee loben Mitarbeiter der Universität Bern und Touristiker aus der Jungfrau-Region die iPhones, die sie für sieben dem Klimawandel gewidmete Touren aufgerüstet haben und im Rahmen des Klimatags (siehe Kasten) präsentieren. «Es handelt sich um eine weltweit einmalige Sensation», sagt Samuele Salm, Chef der Jungfrau Marketing AG – getreu dem Jargon seiner Zunft ohne Scheu vor Superlativen. Aus dem Munde eines Klimaforschers der Universität Bern klingt es bescheidener: «Obwohl die EU dafür viel Geld ausgibt, ist es bisher nirgendwo gelungen, einen Klimapfad mit einem Gerät zu schaffen, das über GPS verfügt», sagt Kaspar Meuli.

GPS steht für Global Positioning System. Während der Wanderungen sorgen Satelliten dafür, dass das iPhone jederzeit weiss, wo sich die Person, die es in den Händen hält, befindet. Dadurch kann das Gerät am jeweils passenden Ort die Beiträge zum Klimawandel in der näheren Umgebung abspielen.

Tipps zum Klimaschutz

«Mit den Pfaden wollen wir den Klimawandel in den sensiblen Alpen vor Ort auf verständliche Art sichtbar machen», sagt Meuli. Auch wenn es allzu idealistisch klinge, sollten die Wege zudem zum Umdenken bewegen. «Jeder kann etwas fürs Klima tun – zum Beispiel, indem er Vegetarier wird.» Deshalb seien in der Broschüre, die zusammen mit dem iPhone abgegeben werde, praktische Tipps zum Klimaschutz zu finden. Rein idealistisch ist das Engagement der Uni indes nicht: «Wir wollen auch zeigen, dass Bern in der Klimaforschung international vorne mitmischt.» So basierten Szenen aus Al Gores Film «Eine unbequeme Wahrheit» auf Berechnungen der Uni Bern.

Der Weg von der Pfingstegg auf die Bäregg befasst sich mit Naturgefahren, drei andere Pfade zwischen Mürren und Grindelwald behandeln die Auswirkungen der globalen Erwärmung auf den Tourismus – schliesslich sind Phänomene wie der Gletschersee bei Grindelwald auch touristische Trümpfe. Die restlichen der zwischen 2,5 und 4 Kilometer langen Routen sind keinem bestimmten Thema gewidmet. Gekostet hat das Projekt 300 000 Franken, Hauptsponsor ist der Energiekonzern BKW.

Wer mit dem iPhone unterwegs ist, kann sich aber auch unterhalten lassen, ohne die Natur eines Blickes zu würdigen: 227 Minuten an Interviews und mehr als eine Stunde an Filmmaterial warten auf alle, die Fernsehen und Wandern unter einen Hut bringen wollen – darunter ein Film des Schweizer Fernsehens über den Gletscherschwund und Aufnahmen des Murgangs beim Stieregghüttenweg von 2004.

Giftige Materialien

«Ein hübsches Spielzeug, dieses Gerät», meint eine Testperson. Ob es mehr sein kann, ist in der Tat fraglich: In der Tiefe werden wir des gletscherlosen Gletscherdorfs Grindelwald gewahr. Auf dem schmalen Pfad steigen wir Meter um Meter empor, ohne den unteren Grindelwaldgletscher zu erblicken. Angesichts des Ausmasses der Erwärmung ist es schwer zu glauben, dass ein schickes schwarzes Kästchen Einhalt gebieten und zum Umdenken bewegen kann. Kommt hinzu, dass Umweltschutzorganisationen Apple wegen der Verwendung giftiger Chemikalien immer wieder rügen. «Das ist ein Widerspruch, den man uns zum Vorwurf machen könnte», sagt Meuli. Die Klimaforschung sei indes voll von Ungereimtheiten. So seien ausgerechnet Klimaforscher Vielflieger.

«Mitte des 18. Jahrhunderts flehten die Menschen den Pfarrer noch an, er solle dafür sorgen, dass sich der Gletscher aus Grindelwald zurückzieht», erzählt die Stimme aus dem iPhone. «Erst 100 Jahre später begann die Faszination für Gletscher.» Inzwischen habe sich das Eis stark zurückgezogen und ohne seinen stabilisierenden Druck sei vielerorts Gestein bröckelig geworden. «Die Oberländer haben aber gelernt, mit Gefahren zu leben.»

Dann plötzlich diese fast existenzielle Angst: Laut dem GPS befinden wir uns nicht mehr auf dem Wanderweg – wir wurden buchstäblich von der Landkarte gelöscht. Entwickler Thurnherr eilt tröstend herbei: «Das GPS benötigt vier Satelliten zur Lokalisierung einer Person. In dieser felsigen Umgebung reicht manchmal die Abdeckung durch die Himmelskörper nicht aus.» Was bleibt, sind die Alpenblumen – diese erkennt das iPhone nämlich einwandfrei.

(Der Bund)

Erstellt: 05.06.2009, 08:54 Uhr

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