Zeitung heute
Bruchlandung knapp verhindert
gibt es nun aber zumindest Hoffnung auf Besserung.
Evento ist ein heisses Eisen: «Stellen Sie die Fragen schriftlich, das ist Chefsache, wir geben keine Auskunft», bekommt zu hören, wer danach fragt. Dabei geht es lediglich um Computer-Software, eine an sich trockene Materie. Das Projekt hat es jedoch in sich: Für Beschaffung und Einführung gibt der Kanton Bern bis Ende 2009 satte 32 Millionen Franken aus. 44 Berufs- und Mittelschulen sollen vernetzt und auf die Schulverwaltungslösung Evento umgestellt werden. Obschon die Erziehungsdirektion bereits seit fünf Jahren daran arbeitet, sind bisher erst 13 Schulen angeschlossen. Fünf weitere kommen bis Anfang 2010 mehr oder weniger freiwillig hinzu. Ob jemals alle mitmachen werden, ist ungewiss.
Projekt falsch aufgegleist
Grosse Informatikprojekte sind nie einfach umzusetzen, insbesondere dann nicht, wenn individuelle Systeme verschiedener Institutionen vereinheitlicht werden sollen. Doch bei Evento scheint der Wurm besonders tief drin zu stecken. Seit der Auftragsvergabe hat die Herstellerfirma Crealogix den Besitzer gewechselt, die Erziehungsdirektion musste ihrerseits den Projektleiter ersetzen und die interne Projektorganisation neu aufgleisen. Zu Beginn wollten gleich zwei Ämter den Ton angeben: Das Mittelschul- und Berufsbildungsamt war für die Zusammenarbeit mit den Schulen und das Amt für zentrale Dienste für die technische Seite verantwortlich. Das konnte nicht gut gehen. Heute liegt die Verantwortung ganz bei Theo Ninck, dem Chef des Mittelschul- und Berufsbildungsamts. Das Projekt sei sehr komplex, sagt Ninck. Rückblickend gesehen seien in der Projektorganisation und -führung Fehler gemacht worden.
Die Erziehungsdirektion muss noch weitere Fehler eingestehen. So seien die Verträge mit dem Software-Lieferanten «unklar» gewesen, sagt Ninck. Nachträglich müsse man sich auch fragen, ob es richtig gewesen sei, ein Programm für Gymnasien und Berufsfachschulen anzuschaffen, das sich bis anhin lediglich in Hochschulen mit anderen Bedürfnissen bewährt hatte.
Härter drückt sich ein Kritiker aus, der das Projekt seit dem Start verfolgt, aber nicht mit Namen genannt werden will: «Es war von Anfang an klar, dass das nicht funktioniert.» Die Erziehungsdirektion sei überfordert gewesen und habe sich vom Hersteller unter Druck setzen lassen. «Man hätte diese Rechnung nie bezahlen dürfen.»
Die Rechnung wurde jedoch bezahlt, die Einführung war aber für die betroffenen Schulen gelinde gesagt eine Herausforderung. «Das Programm liess sich nicht so leicht an unsere Bedürfnisse anpassen, wie wir erwartet hatten», sagt zum Beispiel Rolf Maurer, Rektor des Gymnasiums Bern-Neufeld. Die Software könne zwar sehr viel, für den täglichen Gebrauch sei sie aber zu umständlich und aufwändig. «Wir haben in den letzten fünf Jahren viel Entwicklungsarbeit geleistet», sagt Maurer mit einem Seufzer.
Aufnahme der Gymnasien sistiert
Unterdessen seien zahlreiche Mängel behoben worden, sagt Ninck, was von den angefragten Schulen bestätigt wird. Probleme gebe es aber nach wie vor. So funktioniere zum Beispiel bei den Berufsfachschulen die Schnittstelle zum Lehrvertragsmanagement noch nicht, was aber nicht auf die Schulverwaltungssoftware, sondern auf die unterschiedlichen Prozesse zurückzuführen sei. Und bei den Gymnasien habe man noch Mühe mit den Stundenplänen und der Vorausplanung kommender Schuljahre. Die Aufnahme weiterer Gymnasien habe man daher sistiert. Allenfalls müsse die Software noch ergänzt werden. Im Herbst, so Ninck, werde der Regierungsrat entscheiden, ob am Ziel, alle Gymnasien einzubeziehen, festgehalten werde. Unklar ist auch, ob sich die Kaufmännischen Berufsschulen mit ihren privaten Trägerschaften überzeugen lassen.
Freudige Erwartung ist bei den bisher verschonten Gymnasien keine zu verspüren. «Wir denken nicht daran, bei Evento mitzumachen», sagt Martin Fischer, Ko-Rektor des Gymnasiums Oberaargau. Man habe intern ein eigenes Programm entwickelt, das gut funktioniere und mit dem man auch die nötigen Daten an die Erziehungsdirektion liefern könne. Evento hingegen sei ein «riesiges Tool», das nur mit grossem Aufwand an die eigenen Bedürfnisse angepasst werden könne.
Für die nachträgliche Lösung der Probleme musste der Regierungsrat im November 2008 einen Zusatzkredit von 7,2 Millionen Franken sprechen. Mit dem Entscheid für ein Produkt, das den Anforderungen nicht genügte, hat die Erziehungsdirektion viel Geld in den Sand gesetzt. Auch die schleppende Einführung von Evento hat Mehrkosten verursacht. Bisher sind lediglich 13 Schulen angeschlossen, Lizenzen und Serverleistung musste man jedoch für 44 Schulen bereitstellen. Zu allem Übel haben externe Fachleute im letzten Jahr auch noch ein Datenschutzleck entdeckt. Während Jahren hatte die Erziehungsdirektion Daten von 40 000 Schülern unverschlüsselt via Internet an den Softwarehersteller übermittelt – dieser wollte damit sein Produkt optimieren. Der Datenschutzbeauftragte bezeichnete dies als «fahrlässig».
SVP stellt kritische Fragen
Bereits 2005 musste sich der Regierungsrat von SVP-Grossrätin Käthi Wälchli kritische Fragen zu Evento gefallen lassen. Alles im grünen Bereich, hiess es damals. Der Grosse Rat hatte ansonsten nie die Möglichkeit, sich zum Riesenkredit zu äussern. Jetzt will Wälchli nachhaken, was aus dem Projekt geworden ist. «Wir sind auf Kurs», nimmt Theo Ninck die Antwort vorweg. «Wir werden alles daran setzen, dass die Schulleitungen und Lehrkräfte entlastet werden.» Das Schlimmste scheint auch nach Ansicht anderer Auskunftspersonen tatsächlich überwunden zu sein. Eine Bruchlandung konnte knapp verhindert werden. Noch rosiger sieht es der Hersteller von Evento: «Das Produkt vereinfacht alle Verwaltungsprozesse an Schulen sämtlicher Bildungsstufen», heisst es in dessen Prospekt. Der Kanton Bern dient dort als Referenz.>
Erstellt: 23.05.2009, 01:16 Uhr



