Zeitung heute
Spektakel im Zebragewand
Von Timo Kollbrunner. Aktualisiert am 08.08.2009
Eigentlich wären die Afro Jungle Jeegs zu sechst, am Buskers treten fünf von ihnen auf. Der Sechste hatte kein gültiges Visum und durfte nicht in die Schweiz einreisen. Zum Interviewtermin erscheinen gar nur zwei, Ben und Stephine. Wenn man mit ihnen spricht, sieht man stets sich selbst – in ihren verspiegelten Sonnenbrillen. Die Akrobaten haben die Attitüde von Rapstars. In Jeans und T-Shirt sehen sie auch ein bisschen so aus. Zumindest eher als noch am Vorabend, als sie in Zebra-Anzügen das Buskers-Publikum mit Saltos und Pyramiden begeisterten.
Zunächst scheinen die beiden 23-Jährigen keine grosse Lust auf ein Gespräch zu haben. Die Kenianer, die bei ihren Auftritten eine erstaunliche Energie an den Tag legen, sitzen nicht in ihren Stühlen, sie liegen darin. Ihre Antworten sind kurz, sehr kurz. Wie findet ihr die Schweiz? «Nice», meint Ben. Wie lange tretet ihr schon zusammen auf? «Ten», sagt Stephine. Heisst das zehn Jahre? «Yeah». Als das Gespräch auf die Berner Zuschauer kommt, richtet sich Stephine langsam auf. «Sie sind fantastisch», meint er. Das Klatschen und Rufen der Zuschauer sei für die Gruppe sehr wichtig: «Wir geben ihnen die Show, sie geben uns die Energie.»
«Es ist eine afrikanische Show», erklärt Stephine. Sie kopierten Elemente aus dem europäischen und amerikanischen Zirkus und machten sie afrikanisch. Eine wichtige Inspiration seien auch Filme mit Jackie Chan oder Bruce Lee. Ihre Auftritte seien eigentlich nicht gefährlich, findet Ben. Nur wenn die Zuschauer einen zu kleinen Kreis bildeten, müssten sie aufpassen, nicht auf ihnen zu landen. Das sei auch schon vorgekommen, noch nie sei jedoch ein Zuschauer schwer verletzt worden. Vor drei Jahren habe er sich den Fuss gebrochen, erzählt Stephine und bewegt dabei sein Fussgelenk. Eine runde Bewegung ist das nicht, ein lautes Knacken ist zu hören. Das sei kein Problem, findet er. Seine Rückenschmerzen stören ihn schon eher. Die kämen davon, dass sie auf einer dünnen Matte turnten. Eine dickere liege nicht drin. «Wir sind Afrikaner, wir sind arm», sagt Stephine und lacht zum ersten Mal schallend.
Die Kenianer, die auch heute Abend wieder dreimal auftreten werden, sind zum ersten Mal in der Schweiz. Seit fünf Jahren schon kommen sie jeden Sommer nach Europa. Nach drei Monaten müssen sie jeweils wieder für einige Wochen zurück nach Kenia, bis sie das nächste Visum erhalten. Stephine freut sich darauf, im September wieder in Nairobi zu sein. Er vermisst seinen vierjährigen Sohn und seine achtmonatige Tochter. Ben hat keine Kinder. Ihm fehlt in Europa vor allem sein Lieblingsessen: Sukuma Ugali, ein grünkohlähnliches Gemüse mit Maisbrei.
Stephine ist der Limbodance-Spezialist der Gruppe. Fliegen die Afro Jungle Jeegs sonst meist hoch durch die Luft, muss er möglichst tief hinunter. Zum Abschluss seiner persönlichen Show wird die brennende Latte auf zwei Bierflaschen gelegt. Kaum dreissig Zentimeter über dem Boden liegt sie dann. Stephine schafft es irgendwie, unter ihr durchzukommen, ohne einen Arm zu Hilfe zu nehmen. Nur seine Füsse berühren den Boden. Wie er das macht, verrät er nicht. «Ich bin nur eine Marionette», sagt er. «Gott bewegt die Schnüre.» Wie Stephine ist auch Ben gläubiger Christ. Seine Mutter war noch nie in Europa. Könnte er ihr eine europäische Stadt zeigen, wäre es Rom. Sie sei sehr gläubig und würde gerne einmal den Vatikan besuchen.Ben hat nun sogar seine Sonnenbrille abgelegt und ist schon fast in Gesprächslaune. Er heisse mit bürgerlichem Namen Churchill Wandanda Mboka, gibt er preis. Aber das sei sein afrikanischer Name, in Europa heisse er Ben. Stolz erzählt er, er habe in Nairobi ein eigenes Haus. Besser gefallen ihm allerdings die Bauten entlang der Aare: «Diese Häuser haben wirklich Stil.»
Timo Kollbrunner> (Der Bund)
Erstellt: 08.08.2009, 01:17 Uhr




